13 05 24 Vortrag von Nuntius Périsset zum Thema "Gottes Wort in Menschenwort-Die eine Bibel als Fundament der Theologie" am Erbacher Hof in Mainz

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Das unvollendete Konzil.
Die bleibende Bedeutung des II. Vatikanums für die Katholische Kirche

Vortrag
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof  Dr. Jean-Claude Périsset,
zum Thema: Gottes Wort in Menschenwort – Die eine Bibel als Fundament der Theologie
im Rahmen der Tagung am Erbacher Hof, 23. und 24. Mai 2013



Sehr geehrter Herr Kardinal,
sehr geehrte Versammlung!
 
Im Rahmen der Tagung über die dogmatische Konstitution „Dei Verbum“ des II. Vatikanischen Konzils mag der Titel meiner Darlegungen über „das unvollendete Konzil“, dem aber trotzdem eine „bleibende Bedeutung für die Katholische Kirche“ beigemessen wird, etwas erratisch erscheinen – wie ein Meteor am blauen Himmel ein wanderndes Licht kurz leuchten lässt, aber ohne eine bleibende Wirkung zu erzielen.

Wir wissen wohl, dass das Wort Gottes, der menschgewordene Sohn, „derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13, 8) und dass die Bedeutung der Verkündigung des Glaubens grundsätzlich über die Jahrhunderte dieselbe ist – und das gilt auch für die Theologie. Wie die Theologie als „fides quaerens intellectum“, so ist ein Konzil – wie das II. Vatikanum – ein Mittel, die Offenbarung besser zu verstehen, so dass die Kirche ihre Sendung zur Erlösung der Welt im Namen Jesu Christi mit Mitteln, die der jeweiligen Zeit angepasst sind, in je neuer Weise leisten und fortführen kann.

Eine Bemerkung der Vertreterin der anglikanischen Gemeinschaft bei einem informellen Treffen von sechzehn großen christlichen Gemeinschaften im Jahre 1998, bei dem es darum ging, über mögliche neue Wege des ökumenischen Dialogs nachzudenken, hat mich die Bedeutung des II. Vatikanums für die Katholische Kirche als tatsächliches „aggiornamento“ verstehen lassen. Es war während des Abendessens, im Gespräch ging es um die Verantwortung der Kirchen für die Welt. Auf einmal sagte sie zu mir: „Sie Katholiken können Gott danken für das II. Vatikanische Konzil, das Ihnen ein unserer heutigen Gesellschaft angepasstes Mittel gibt, Ihre Mission zu erfüllen. Wir Anglikaner sind immer noch an unser ‚Prayerbook‘ gebunden.“ Sofort kam der Vertreter des Lutherischen Weltbundes und sagte: „Und wir an die Confessio Augustana“. So verstanden, ist das II. Vatikanum nicht nur ein Geschenk und eine Gnade, sondern seine Kenntnis auch mit der Verantwortung verbunden, seine Äußerungen – Konstitutionen, Dekrete und Erklärungen – uns anzueignen, damit wir einen besseren, vertieften Zugang zum Wort Gottes in der Bibel finden, so dass wir gut gerüstet sind, um - wie es im Ersten Petrusbrief heißt - „allezeit bereit (zu sein), jedem Rede und Antwort zu stehen, der euch nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3, 15).

1. Die Kombination der Begriffe „unvollendetes Konzil“ und „bleibende Bedeutung“ entspricht dem Prinzip „Ecclesia semper reformanda“. Die Kirche ist etwas Lebendiges, weil sie „das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk“ ist (Lumen Gentium 4; vgl. Cyprian, De oratione dominica 23). Das heißt: Die Kirche verwirklicht sich als Kirche, wenn sie ihre Beziehungen zu Gott – von dem sie herkommt – und zwischen ihren Gliedern ständig mit Liebe vollzieht, weil eben „Gott Liebe ist“ (1 Joh 4, 8.16). Liebe ist wie das Feuer, das so lange existiert, wie es sich hingibt. Wie die drei Personen in Gott ständig ihre Beziehungen vollziehen, so ist es mit der Kirche: Indem sie stets auf Gott ausgerichtet ist, bekommt sie von Gott her ihr Leben und gibt es ihren Gliedern in diesem „admirabile commercium“ weiter und nimmt sie selber mit.

2. Einen zweiten Aspekt des „Unvollendeten“ und „Bleibenden“ sehe ich in dem Vergleich des II. Vatikanums mit dem Wachstum der Theologie in der Geschichte. Die Konzilien - nicht nur die 21 als „ökumenisch“ anerkannten – sind Momente der Vertiefung und der Annahme der gleichen Verkündigung. Das Wort Gottes in seiner ganzen Breite und Tiefe wird immer neu betrachtet, beleuchtet und gedeutet, so dass der Gläubige, das Volk Gottes, es immer besser verstehen, annehmen und verwirklichen kann. Ein großes Werk des spanischen Dominikaners Marin-Sola, La evolución homogénea del dógma católico, hat in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gezeigt, wie die Theologie selbst zugleich unvollendet und gleich ist. Die Nr. 24 der Konstitution „Dei Verbum“ sagt dazu: „Die heilige Theologie ruht auf dem geschriebenen Wort Gottes, zusammen mit der Heiligen Überlieferung, wie auf einem bleibenden Fundament. In ihm gewinnt sie sichere Kraft und verjüngt sich ständig, wenn sie alle im Geheimnis Christi beschlossene Wahrheit im Licht des Glaubens durchforscht.“

Ist dieser Satz nicht eine vorzügliche Deutung des Bildwortes Jesu am Schluss der Gleichnisrede des Matthäusevangeliums, wo es heißt: „Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreiches geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13, 52)? Ja, „nova et vetera“ aus dem einen und ständigen Schatz des Glaubens hervorzuholen, ist die Aufgabe der Theologie, das macht die Aufgabe des Lehramtes aus – und also den Dienst jedes Konzils, wie eben auch des II. Vatikanums. Auf dem Fundament der beiden Glaubensbekenntnisse von Nizäa (325) und Konstantinopel (381), in denen die Glaubenslehre der Kirche über die Dreifaltigkeit bekräftigt und vertieft wurde, hat das Konzil von Ephesus (431) die Einheit der Person des Gottessohnes in zwei Naturen bekräftigt – gegen die Theorie des Nestorius (vgl. Hubertus R. Drobner, Lehrbuch der Patrologie, [Peter Lang 3. Auflage 2011], S. 429-437) - das Konzil von Chalkedon (451) hat die Auseinandersetzungen über die Beziehung zwischen den beiden Naturen in Christus – zu einem nicht geringen Teil ein Streit auf dem Hintergrund unterschiedlicher Terminologien - zu Ende gebracht (vgl. Drobner, aaO. 448-450).

3. Das II. Vatikanische Konzil, das Papst Johannes XXIII. zum „aggiornamento“ der Kirche einberufen hat, wurde erst von Papst Paul VI. als „Pastoralkonzil“ bezeichnet – und zwar in der Generalaudienz am 15. Juli 1970. Als er über die falsche Verwendung der Konzilsdokumente sprach, sagte er, man solle sich damit beschäftigen, „ob das Erbe des Konzils nur etwas Bestehendes ist oder auch ein Entwicklungsprozess“, für den es dann notwendig sei, eine Lehraussage zu entwickeln und auszuprobieren in einer folgerichtigen Fruchtbarkeit. Wenn die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils im Wesentlichen in diesem Sinne zu bewerten sind, kann man es als Pastoralkonzil bezeichnen, da es auf die Aktion, das Handeln ausgerichtet ist (vgl. Papst Paul VI., Generalaudienz am 15. Juli 1970).

Bemerkenswert ist, dass Papst Johannes XXIII. bei der Ankündigung des II. Vatikanischen Konzils das Wort „aggionamento“ nur einmal verwendet – und das nicht in Anwendung auf das Konzil, sondern auf den Kodex des Kanonischen Rechts, der vom Konzil her zu erneuern sei. Gleichermaßen wird des Zweite Vatikanum von Papst Paul VI. nur einmal als „Pastoralkonzil“ bezeichnet, während diese Formulierung in Ansprachen von Papst Johannes Paul II. mehrfach vorkommt. Interessant ist in dieser Beziehung seine Ansprache an die Bischöfe der Vereinigten Staaten in Chicago am 5. Oktober 1979, in der er sagte: „Bei der Untersuchung der Zeichen der Zeit hat Johannes XXIII. bemerkt, dass das, was nötig war, ein Konzil war, das seiner Natur nach pastoral ist, ein Konzil, das die große Hirtenliebe und die Sorge Jesu Christi, des Guten Hirten, für sein Volk widerspiegelt“ (Chicago am 5. Oktober 1979).

Mir scheint, diese Erklärung gibt uns eine qualifizierte Erklärung über den Terminus „Pastoralkonzil“, der leider in vielen Ansprachen über das Zweite Vatikanum  „la torte à la crème“, das „Sahnehäubchen“, geworden ist, ohne dass seine ursprüngliche Bedeutung betont oder mindestens erwähnt wird. Wie Papst Paul VI. sagte, ist der Terminus „pastoral“ dem Terminus „dogmatisch“ nicht entgegengesetzt, vielmehr ist er ein geeignetes Mittel, die Lehre der Kirche in das Leben zu überführen. Deshalb wurde schon bei Papst Johannes XXIII. das Wort „aggiornamento“ besonders – und sogar ausschließlich – mit Blick auf den Kodex des Kanonischen Rechts angewandt, weil die Gesetze viele Normen für das Handeln enthalten, so dass die Reihenfolge gilt: Glaube – Dogmatik – Recht – Seelsorge. Das Recht ist also die vorletzte Stufe des Handelns der Kirche, als Werk des Guten Hirten.
 

Das „fortwährende“ Zweite Vatikanum

Da das Zweite Vatikanische Konzil seinem Hauptmerkmal nach „pastoral“ ist, gehört zu seinem Erbe – wie in der schon erwähnten Ansprache von Papst Paul VI. ausdrücklich formuliert – die Verantwortung, „seine Lehraussage zu entwickeln und auszuprobieren in einer folgerichtigen Fruchtbarkeit“ (Generalaudienz, 15. Juli 1970).
Wir denken heute an zwei Hauptwerke im Dienst der Kirche, den Kodex des Kanonischen Rechts (1983) und den Katechismus der Katholischen Kirche (1992), die beide als „letzte Dokumente des Zweiten Vatikanums“ bezeichnet wurden – der Kodex sogar durch Papst Johannes Paul II. in einer Ansprache vor der Rota Romana (26. Januar 1984) wie auch in dem Apostolischen Schreiben „Redemptionis donum“ (Nr. 2) vom 25. März 1984. Die Apostolischen Konstitutionen zu beiden Werken beweisen hinreichend, wie sie als Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils entstanden sind.

Diese „postkonziliaren“ Gipfelpunkte sollen uns aber nicht vergessen lassen, wie die Kirche in Treue zum Konzil sich wirklich erneuert hat in den drei Bereichen ihrer Sendung: im Lehramt, im liturgischen Amt und im Dienstamt. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass diese drei Bereiche eng miteinander verbunden sind. Ich möchte aber in jedem Bereich einige Hauptelemente unterstreichen, um die „bleibende Bedeutung des Zweiten Vatikanums“ festzustellen.

1. Im Dienstamt sehe ich die Hauptkraft für die Verwirklichung der Richtlinien des Konzils, in der Rechtsprechung das Motuproprio „Ecclesiae Sanctae“ (6. August 1966), das ausdrücklich neue Normen für die Seelsorge in den Diözesen enthält, deren Quellen die Dekrete „Christus Dominus“ und „Presbyterorum ordinis“ sind. Für das Ordensleben ist es das Dekret „Perfectae caritatis“, für die Evangelisierung das Dekret „Ad gentes“, für die Laien „Apostolicam actuositatem“.

Die Bischofssynode, die durch Papst Paul VI. durch das Apostolische Schreiben „Apostolica sollicitudo“ vom 15. September 1965, d. h. vor der Schlusssitzung des Zweiten Vatikanums, errichtet wurde, ist ein Werkzeug der wiederbelebten Kollegialität der Bischöfe, weil der Papst als Oberhirte der Universalkirche zu der Entscheidung gekommen ist, „einen besonderen Rat der geistlichen Oberhirten für dauernd zu errichten, und zwar in der Absicht, dass auch nach Abschluss des Konzils dem christlichen Volk weiterhin jene Fülle an Wohltat und Segen zuströme, die zur Konzilszeit aus unserer engen Verbindung mit den Bischöfen glücklich erfahren wurde.“

Kann man etwas Besseres als die Bischofssynode erfinden, um „die bleibende Bedeutung des Zweiten Vatikanums für die Katholische Kirche“, wie es bei Papst Paul VI. erläutert wird, zu unterstreichen? Die Bischofssynode hat gerade ihre 13. Ordentliche Generalversammlung gehabt (7. - 26. Oktober 2012) und die „Neuevangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens“ behandelt. Es folgt dann nach einigen Monaten das Nachsynodale Apostolische Schreiben, in dem der Papst die Hauptbeiträge der Synodenväter verarbeitet. Die Entwicklung der Synode in ihrer Arbeit und Gestaltung entspricht dem Grundsatz „Ecclesia semper reformanda“.

2. Im Lehramt haben wir immer mehr Dokumente zur Verfügung, die mit der Verantwortung des Papstes und der Bischöfe zu tun haben, in der Nachfolge der Apostel „Zeugen“ Christi (vgl. Apg 1, 8) zu sein, um „alle Völker zu Jüngern“ zu machen, alles zu halten, was er ihnen aufgetragen hat (vgl. Mt 28, 20). Nicht nur Enzykliken und Erklärungen von Bischofskonferenzen beleuchten heute die Lehre Christi in den vielfältigen Bereichen des menschlichen Lebens. Wir können darüber hinaus in den meisten Lehraussagen feststellen, wie immer öfter und grundsätzlich nicht nur Zitate, sondern auch Elemente der Dokumente des Zweiten Vatikanums gebraucht werden. Das Jubiläum des Konzils mit so vielen Veranstaltungen - wie der unsrigen - ist ein vortreffliches Mittel und ein auserwähltes Zeugnis dafür, dass das Zweite Vatikanische Konzil eine bleibende Bedeutung hat, nicht in sich geschlossen, sondern offen für neue Bereiche und neue Herausforderungen. 

3. Im liturgischen Amt brauche ich nicht in die Einzelheiten zu gehen. Es genügt, ein Erlebnis an der Päpstlichen Akademie, an der ich damals studierte, zu erwähnen, das mit der Liturgie zu tun hat. Im Rahmen einer Reihe von Besuchen aus den römischen Dikasterien, die uns „Lehrlinge der päpstlichen Diplomatie“ mit den Geheimnissen und der Verantwortung der römischen Kurie vertraut machen sollten, war die Haupttriebfeder der Liturgiereform, Erzbischof Annibale Bugnini, der in jener Zeit Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung war, bei uns zu Gast. Er hatte betont, die Liturgiereform sei heutzutage nötig, weil die Kirche lebendig sei und ihre Mission - auch die sakramentale – nach den Bedürfnissen des Gottesvolkes ausüben solle. Mehrmals verwendete er die Formel: „Die Liturgie, besonders die Messfeier, ist kein Museum, sondern etwas Lebendiges.“

Ein Kommilitone sagte bei dem folgenden Gespräch – sicher im Scherz und zugleich voll von gesunder Weisheit -, um seine Schlussfolgerung durch einen so bedeutenden Promotor bestätigen zu lassen: „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sehr verehrte Exzellenz, ist die Liturgie kein Museum.“ – „Ja richtig, gerade so“, entgegnete Erzbischof Bugnini. Und mein Kommilitone fuhr fort: „Ja, es scheint mir aber, dass die Reform die Liturgie zu einer Bibliothek umgewandelt hat.“ Und das erweckte fröhlichen Beifall.
Wenn man also von vor- oder nachkonziliarer Haltung, Einrichtung oder Lehre usw. spricht, sollte man darauf achten, ob wir die Kirche als etwas Lebendiges vor Augen haben, also als „ecclesia reformanda“, die mit der Welt wächst, als ein immer vollständigeres Werk Gottes, als immer schönere Braut des Lammes, als das vollkommenste Werk des Heiligen Geistes (vgl. Offb 21, 9-27; Gaudium et spes, Nr. 39).

Dazu dient die Konzilskonstitution „Dei Verbum“, die uns wie ein Navigator in der Kirche und durch die Kirche den Weg Gottes auf Erden zeigt. Der Schatz der Offenbarung soll die Herzen der Menschen mehr und voller erfüllen. Für das geistliche Leben darf man neuen Antrieb erhoffen aus der gesteigerten Verehrung des Wortes Gottes, welches „bleibt in Ewigkeit“ (Jes 40, 8; vgl. 1 Petr 1, 23-25, Dei Verbum, Nr. 26). Für uns alle ist es ein Schatz, aus dem wir Neues und Altes hervorholen (vgl. Mt 13, 51).