13 05 18 Vortrag von Nuntius Périsset beim Festakt 150 Jahre Gründung der Studentenverbindung Ripuaria zu Bonn

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Vortrag
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
beim Festakt "150 Jahre Gründung der
Katholischen Deutschen Studentenverbindung RIPUARIA"


Bonn, 18. Mai 2013

 „Wie können wir an der Neu-Evangelisierung der Gesellschaft teilnehmen?“



Sehr geehrte Festgäste!
 

Es erfüllt mich mit Freude, als Vertreter des Heiligen Stuhls in Deutschland – einfacher gesagt: als Botschafter des Papstes – am heutigen Festakt 150 Jahre Gründung der Studentenverbindung Ripuaria an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität teilnehmen zu dürfen, zu dem vortreffliche Mitglieder gehörten – von denen sogar zwei Kardinäle waren: Joseph Höffner, Erzbischof von Köln, und Corrado Bafile, Kurienkardinal, nach seinem Dienst in Bonn als päpstlicher Nuntius. Ich bedanke mich bei Herrn Stephan Bücker, dem Organisator des heutigen Festaktes, für die Einladung, zu Ihnen über das Thema: „Wie können wir an der Neu-Evangelisierung der Gesellschaft teilnehmen?“ sprechen zu dürfen.
 

Auch wenn das Thema in die Form einer Frage gekleidet ist, steht nicht in Zweifel, dass die Antwort, die ich als Geistlicher, als katholischer Gläubiger, der für die Verkündigung der Frohbotschaft Christi Verantwortung trägt, mit gewissen konkreten Vorschlägen bereichert sein wird. An Ihnen ist es, ob Sie sich meinen Überlegungen anschließen.   
 

Zwei Vorbemerkungen gleichsam als „Vorspeise“:
 

Erstens, ein Zitat von Papst Johannes Paul II., der sich mit großem Nachdruck für die ausdrückliche Erwähnung der christlichen Wurzeln Europas im heutigen Vertrag von Lissabon eingesetzt hat. Er sagte – und das ist sicher historisch und kulturell begründet: „Man schneidet nicht die Wurzeln ab, aus denen man gewachsen ist!“ (nach dem Angelus am 20. Juni 2004). Gleichsam von dieser Höhe der Geschichte Europas möchte ich meine Gedanken vortragen.
 

Zweitens, ich bin sehr beeindruckt, wie oft ich seit meiner Ernennung zum Nuntius in Deutschland vor mehr als fünf Jahren als Vertreter des Papstes zu Jubiläen, Gedenkfeiern und dergleichen eingeladen werde, die an die christlichen Wurzeln des Landes erinnern und die auch dazu gedacht sind, dass die heutige Generation deren Werte nicht nur im Bewusstsein behält, sondern auch zur Geltung bringt. Für mich sind solche Feiern ein mehr als deutliches Indiz dafür, dass unsere heutige Gesellschaft christliche Werte braucht. Schon der berühmte römische Redner Cicero schreibt in seinem bekannten Werk De oratore: „Historia est magistra vitae.“ („Die Geschichte ist Lehrmeisterin des Lebens.“ 2,9)
 

Es geht also um die Entwicklung der Gesellschaft, der eines jeden Landes und schließlich der der ganzen Welt. Es geht nicht nur um die Kenntnis des christlichen Glaubens, es geht um die Prägung der Gesellschaft in ihren Lebensvollzügen durch den Glauben; dafür sind die Parlamentarier durch den Erlass von Gesetzen und die Regierungen durch deren Umsetzung in das tägliche Leben in besonderer Weise verantwortlich, ebenso die, die die öffentliche Meinung bilden: nicht nur die Publizisten, sondern besonders auch die Professoren an unseren Universitäten, wie hier an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. In dieser Beziehung lohnt es sich zu erwähnen, was Papst Benedikt XVI. im Bundestag gesagt hat, im Rekurs auf das - von Gott gegebene - Naturrecht bezüglich der Gesetzgebung: „Für die Entwicklung des Rechts und für die Entwicklung der Humanität war es entscheidend, daß sich die christlichen Theologen gegen das vom Götterglauben geforderte religiöse Recht auf die Seite der Philosophie gestellt, Vernunft und Natur in ihrem Zueinander als die für alle gültige Rechtsquelle anerkannt haben. Diesen Entscheid hatte schon Paulus im Brief an die Römer vollzogen, wenn er sagt: „Wenn Heiden, die das Gesetz (die Tora Israels) nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie… sich selbst Gesetz. Sie zeigen damit, daß ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab…“ (Röm 2,14f). Hier erscheinen die beiden Grundbegriffe Natur und Gewissen, wobei Gewissen nichts anderes ist als das hörende Herz Salomons, als die der Sprache des Seins geöffnete Vernunft.“ (22. September 2011)
 

Im Zusammenhang mit der Grundfrage meines Vortrags werde ich spezielle Fragen stellen und jeweils eine Antwort skizzieren.
 

1. Warum ist der Glaube für die Gesellschaft wichtig, und wie kann er sie gestalten?

Der Glaube, wie er in der Heilige Schrift und durch sie erkannt wird, ist fundamental allen Christen gemeinsam. Vor bald vierzehn Jahren, am 31. Oktober 1999, haben unsere Kirchen die «Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre» in Augsburg unterschrieben. In ihr können wir lesen: „Die Gerechtfertigten leben aus dem Glauben, der aus dem Wort Christi kommt (Röm 10, 17) und der in der Liebe wirkt (Gal 5, 6), die Frucht des Geistes ist (Gal 5, 22f).“ (Nr. 12)
 

In diesem Text haben wir eine gemeinsame Lehre darüber, was Glauben in den Christen wirkt, d. h. die Rechtfertigung, damit sie – wir – in der Liebe zu Gott und zum Nächsten nach dem Beispiel und der Lehre Christi handeln. Im Abschnitt über die „Rechtfertigung durch Glauben und Gnade“ wird die Rolle des Glaubens näher bestimmt: „Dieser Glaube ist in der Liebe tätig; darum kann und darf der Christ nicht ohne Werke bleiben. Aber alles, was im Menschen dem freien Geschenk des Glaubens vorausgeht und nachfolgt, ist nicht Grund der Rechtfertigung und verdient sie nicht.“ (Nr. 25) Dann kommen in der auffälligen Formulierung der gemeinsamen Erklärung die spezifischen Akzente: nach lutherischem Verständnis: Gott rechtfertigt den Sünder allein im Glauben („sola fide“), und nach katholischem Verständnis: der Christ bleibt stets vom heilsschöpferischen Wirken des gnädigen Gottes abhängig, so dass seine Erneuerung in Glaube, Hoffnung und Liebe immer auf die grundlose Gnade Gottes angewiesen ist (vgl. Nr. 26-27). Ein Satz in der Präfation der Messliturgie zur Ehre eines Heiligen gibt diese Lehre vortrefflich in den Worten wieder: „Wenn Du, o Gott, unsere Verdienste krönst, krönst du deine eigenen Gaben.“

Die Theologen pflegen darüber zu sagen, dass jedes gute Werk zugleich hundertprozentig von Gott her und hundertprozentig vom Menschen her kommt. Es gibt ein Zusammenwirken und keinen Gegensatz zwischen Gott und Mensch, was man heute als „Synergie“ bezeichnet.
 

Diese theologische und den Christen gemeinsame Lehre über die Rolle des Glaubens in jedem Jünger Christi zu verstehen und anzuerkennen, scheint mir eine notwendige Grundlage zu sein, wenn man die Rolle des Glaubens in der Gesellschaft nachdenken will.
 

2. Warum sich als Christen um soziale Fragen kümmern?
   
Sollen sich Christen für Probleme der Welt einsetzen, wenn man eine Trennung von Staat und Kirche befürwortet – in Anwendung der Antwort Jesu an die Schriftgelehrten: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.“ (Mt 22, 21) Ich will dieses Thema hier nicht weiter entfalten, sondern nur erwähnen, dass die sogenannte „positive Laizität“ ihre Wurzeln im Christentum hat.
 

Die Antwort auf diese zweite Frage ist schlicht: Weil Christus uns sagte: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Mt 7, 12) Dieses Grundgesetz einer friedlichen Gesellschaft ist ja Gemeingut der Menschheit und findet sich auch in anderen Religionen. Mit Christus gehen wir noch weiter, da er der Maßstab unseres Handelns ist: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13, 34) Und was das „Wie“ bedeutet, das hatte er den Jüngern gerade gezeigt, indem er, der Meister, ihnen, seinen Jüngern, die Füße wusch: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13, 15)
   
In diesem Sinne ist auch die Kirche „mater et magistra“ – so auch der Titel der Enzyklika von Papst Johannes XXIII. vom 15. Mai 1961 – und durch ihre Lehre und ihr Handeln „Dienerin“ der Menschheit. Und auch wir sind es, die wir die Soziallehre der Kirche zu einem Bestandteil unserer Bildung machen, weil wir uns selber in der Gesellschaft und in der Kirche als Sozialwesen wissen. Ist unser menschliches Wesen nicht schlussendlich in der Heiligen Dreifaltigkeit verwurzelt? Denn wir sind als Abbild Gottes ihm ähnlich (vgl. Gen 1, 26) geschaffen. In seiner Vorlesung über die Dreifaltigkeit sagte dazu mein Dogmatik-Professor Charles Journet (er wurde vor der letzten Sitzung des Zweiten Vatikanums zum Kardinal erhoben), als er die Stelle in der Summa Theologica des heiligen Thomas von Aquin kommentierte, an der der Doctor Angelicus die Beziehungen der drei Personen in Gott darstellt: „In diesem ‚ad secundum‘ haben wir den Kern der Sozialität des Menschen und deshalb der Soziallehre der Kirche“.
   
In der modernen Geschichte der Kirche in Deutschland können wir feststellen, wie früh und zeitgemäß sich ihr sozialer Einsatz entwickelt hat. Die Soziallehre der Kirche wurde in Deutschland schon früh und mit großem Einsatz gelehrt und gelebt und hat den Weg zur Enzyklika Rerum novarum von Papst Leo XIII. (15. Mai 1891) vorbereitet und ausgelegt oder besser – bildlich gesprochen: gepflastert. In seinem Werk „Das Kapital – ein Plädoyer für den Menschen“ (München 2008) schreibt Erzbischof Reinhard Marx über den Einsatz eines Wilhelm Emmanuel von Ketteler im Vergleich zu der Haltung und den Werken seines Namensvetters (sic!) Karl Marx: „Sie wissen ja nur zu gut, dass die Kirche im 19. Jahrhundert die Soziale Frage nicht allein ihnen (den Kommunisten) und der von ihnen ins Leben gerufenen Kommunistischen Bewegung überlassen wollte. Diese waren noch nicht einmal geboren, da haben bereits sozial engagierte Christen wie Franz von Baader (1765-1824) und Adam Heinrich Müller (1779-1829) den im 18. Jahrhundert aufkommenden Kapitalismus scharf kritisiert und auf die Not der in den neuartigen Fabriken schuftenden Arbeiter aufmerksam gemacht.“ (S. 12). Und was könnten wir nicht alles noch sagen über den Einsatz eines Adolph Kolping, eines Friedrich Wilhelm Raiffeisen und später im Bereich der Lehre eines Oswald von Nell-Breuning? Und was könnte alles über die Fuggerei in Augsburg gesagt werden, die schon 1521gestiftet wurde?
 

In der Perspektive Deutschlands sieht man dank des gezielten Einsatzes der Kirche in der Gesellschaft und auch der – von einzelnen Perioden abgesehen – durchgängig positiv-konstruktiven Beziehungen zwischen Staat und Kirche, dass die Lehre der Kirche und vor allem der Einsatz der Christen sehr wohl beachtet werden, auch wenn sie in den politischen Entscheidungen nicht immer umgesetzt worden sind.
 

3. Welche Mittel stehen uns heute zur Verfügung, unsere christliche Weltverantwortung wahrzunehmen?
   
Die Bildung scheint mir grundlegend zu sein, weil das Axiom gilt: „agere sequitur esse“ und das Christsein unser Mitwirken mit der Gnade Gottes verlangt. Die erste Bildung ist uns im Glauben gegeben. Wenn wir das Vaterunser ernst nehmen, haben wir in seinem zweiten Teil vier Hauptrichtungen für unseren Einsatz in der Gesellschaft: Das Brot ist die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Unsere Arbeit ist zum Erwerb des Lebensunterhalts ein Mittel zum Leben. Die Vergebung der Sünden ist der Weg der Versöhnung zwischen entgegengesetzten Gruppen und Nationen und zum Frieden nötig. Der Kampf gegen jede Form der Versuchung wie Machtstreben, Gier, Lüge und dergleichen lässt den Menschen mit Erfolg nachhaltig in der Menschlichkeit wachsen und die Rechte anderer achten. Schließlich: die Ablehnung jedweden Übels und die Flucht vor ihm ist eine gesunde Grundlage für eine friedliche Gesellschaft.
   
Man sollte mehr die übliche Religionslehre – für uns den Katechismus in der Familie und in der Schule – als ein geeignetes Mittel schätzen, die christliche Verantwortung für die Welt und die Gesellschaft auszuüben.
   
Die wissenschaftliche Soziallehre der Kirche ist - wie schon erwähnt – heutzutage unerlässlich, wenn es darum geht, auf die Fragen der Gegenwart gültige Antworten zu geben. Große Hilfen sind dabei die Sozialenzykliken der Päpste, ihre Jahresbotschaften zum Weltfriedenstag am 1. Januar jeden Jahres, die Dokumente der Bischofskonferenzen und ähnliche Quellen. Ich möchte hier zwei wissenschaftliche Werke erwähnen: das voluminöse „Handbuch der katholischen Soziallehre“, herausgegeben von Anton Rauscher in Verbindung mit Jörg Althammer, Wolfgang Bergsdorf und Otto Depenhauer (Berlin 2008, XXIV+1129 Seiten), das für lange Zeit ein vortreffliches Instrument für unsere Bildung in der Soziallehre der Kirche sein wird, und das „Kompendium der Soziallehre der Kirche“, herausgegeben vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden (Città delVaticano und Freiburg 2006).           

Besondere Situationen, die uns herausfordern, unsere christliche Weltverantwortung wahrzunehmen, sind die immer häufiger auftretenden Naturkatastrophen und die Kriege in der Welt, bei denen wir entsprechend den zur Verfügung stehenden Mitteln durch die kirchlichen Hilfswerke und die Caritas den betroffenen Menschen zu Hilfe kommen. Es ist eben bedeutungsvoll - und zwar nicht nur für die katholische Kirche, sondern für die gesamte deutsche Gesellschaft -, dass das Spendenaufkommen der Hilfswerke bis jetzt von der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise nur in geringem Umfang betroffen sind. Die konkrete Nächstenliebe, die sich in solchen Notsituationen bewährt, ist Frucht einer christlichen Bildung und zumindest einer religiösen Grundhaltung dem Nächsten gegenüber. In dieser Beziehung sind da auch viele Verbände zu nennen, die ein Volontariat zum Dienst in ärmeren Ländern anbieten – als Lehrer, Ärzte, Krankenpfleger, Ingenieure usw.
 

4. Welche Stellung haben die Kirchen - d. h. wir als Mitglieder unserer eigenen Kirche – in der Gesellschaft?

Eine eigene Lehre der Kirchen für die Weltgesellschaft ist allmählich entstanden, als Kirche und Staat den Rang von autonomen Körperschaften bekamen. Wir kennen den Einfluss eines Bartolomé de las Casas (1464-1566), der die Rechte der Indios gegen die Konquistadoren verteidigte, oder eines Francisco de Vitoria - wie las Casas Mitglied des Dominikanerordens, den man zu Recht als „Vorkämpfer der Menschenwürde“ und „Begründer der Völkerrechtswissenschaft“ bezeichnen darf. Dazu schreibt Anton Rauscher: «Das Naturrecht besitzt nach Vitoria in sich selbst seine Gültigkeit, während das Ius gentium erst durch menschliche Übereinkunft seine Rechtskraft erhalten hat. Es ist also vom Naturrecht verschieden, hängt aber doch so eng mit ihm zusammen, dass das Naturrecht nur unter großen Schwierigkeiten durchgesetzt werden könnte, wenn es kein Ius gentium gäbe.» (A. Rauscher, Das christliche Menschenbild, in: A. Rauscher (Hrsg.), Handbuch der Katholischen Soziallehre, Berlin 2008, S.13.) Diese Lehre der spanischen Spätscholastik wurde auch an den protestantischen Universitäten Mitteleuropas angenommen – besonders bei Grotius, Althusius und Pufendorf.
 

Hier haben wir im Hinblick auf die Rolle des Glaubens in der Gesellschaft ein vortreffliches Beispiel der Beziehung zwischen Glauben und Vernunft, wo aus christlicher Lehre und christlichen Prinzipien Normen für eine menschliche Ordnung in der Gesellschaft festgelegt wurden. A. Rauscher schreibt dazu: «Die Besinnung auf das Wesen des Menschen, in dem das Naturrecht verankert ist, hat die Anerkennung der gleichen Würde aller Menschen und ihrer Gleichheit vor dem Gesetz vorbereitet.» (ebd.)
 

Der Glaube sagt uns, dass der Mensch «nach dem Gleichnis und Abbild Gottes» (Gen 1, 26) geschaffen ist, und dass er durch Christus aus dem Abfall der Sünde befreit wurde, um in seinem Handeln vollkommen zu sein, wie es auch der himmlische Vater ist (vgl. Mt 5, 48).
 

Ein Beispiel der Glaubenskraft zugunsten besserer Beziehungen in der Gesellschaft kann hier erwähnt sein, bei dem ich alle Beteiligten kenne. Ein Mann hatte sein ganzes Leben wegen der Entscheidung eines Komitees, zuständig für die Vermietung eines Bauernhofes und -gutes, völlig ändern müssen. Das Gut, das er gepachtet hatte, war ihm weggenommen und einem andern Bauern gegeben worden, und bald wurde ein neues Bauernhaus inmitten der verpachteten Felder gebaut. Aus dem Verkauf des Betriebes konnte er kaum seine laufenden Ausgaben bezahlen. Viele Jahre später - während einer Volksmission, bei der die Prediger den ganzen Katechismus durchgingen – kam dieser Mann eines Tages nach Hause zurück und wirkte besonders froh. Eine schon erwachsene Tochter fragte ihn: „Papa, Warum bist du heute so froh?» Die Antwort kam rasch und einfach: „Schließlich habe ich vergeben!“; und die Tochter wusste, wem ihr Vater vergeben hatte: dem, der seinerzeit die ihn so belastende Entscheidung getroffen hatte.
 

Die Rolle des Glaubens in der Gesellschaft ist also wichtig, nicht nur in den gesellschaftlichen Strukturen, wie man es in der Soziallehre der Kirche sieht, sondern auch im Leben jedes einzelnen Christen. Es gibt viele, die den Glauben in ihrem täglichen Leben verwirklichen, die die Gesellschaft immer friedlicher und brüderlicher gestalten, ohne dass man sie dafür auszeichnet. In der katholischen Kirche finden solche anerkannte Vorbilder unter Umständen durch die Selig- oder Heiligsprechungen Anerkennung. Einige von ihnen würdigt sogar die Zivilgesellschaft.
 

Niemals waren die christlichen Werte, die Werte des Christentums, so nötig wie in unserer Zeit, wenn wir wollen, dass den vielen „Ismen“ entscheidend Widerstand geleistet wird und die menschliche Gesellschaft zu ihrer wahren Vollkommenheit geführt wird. Der Kampf gegen den Konsumismus, den Hedonismus, den Materialismus, den Fundamentalismus, den Relativismus, den Terrorismus und andere Ideologien wird letztlich nur durch das Kreuz Christi, des Erlösers der Welt, Erfolg haben. Deshalb muss das Kreuz inmitten unserer Gesellschaft präsent bleiben und dort, wo man es aus Furcht entfernt hat, wieder aufgerichtet werden.
 

Auch für uns heute gilt, was am 28. Oktober 312 dem späteren Kaiser Konstantin vor der Schlacht um Rom gegen Maxentius an der Milvischen Brücke in einer Erscheinung am Himmel gezeigt wurde: Unter einem leuchtenden Kreuz stand die Inschrift „τούτω νίκα“: so der Originaltext, wie er sich in der Konstantin-Biographie des Eusebius von Caesarea findet - in der lateinischen Übersetzung: „in hoc signo vinces - In diesem Zeichen wirst du siegen!“

Ja, „unter diesem Zeichen“ sind wir und werden wir in unserem Leben über alle widrigen Kräfte „Sieger sein“.
 

Ich danke Ihnen!