13 06 14 Vortrag von Nuntius Périsset bei den Sozialethischen Gesprächen in Münchengladbach - Als Zeugen Christi unsere Verantwortung für die Gestaltung Europas wahrnehmen

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Vortrag
des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Dr. Jean-Claude Périsset,
bei den Sozialethischen Gesprächen 2013 der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach
zum Thema: „Ecclesia in Europa – Sozialethische Entwicklungschancen“

14. Juni 2013

„Als Zeugen Christi unsere Verantwortung für die Gestaltung Europas wahrnehmen“



Sehr geehrte Damen und Herren!

Dem Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, Herrn Prof. Msgr. Dr. Schallenberg, danke ich für die Einladung, die diesjährige Tagung der Sozialethiker, die unter dem Leitwort steht: „Ecclesia in Europa – Sozialethische Entwicklungschancen“, mit meinem Vortrag zu eröffnen. 

Als Vertreter des Heiligen Vaters in Deutschland habe ich gerne eine Zusage gegeben. In groben Zügen möchte ich die Einheit der Universalkirche unterstreichen, besonders weil die Soziallehre der Kirche, die - historisch betrachtet – zu einem erheblichen Teil ihre Wurzeln in Deutschland hat, durch die Sozialenzykliken der Päpste und das Zweite Vatikanische Konzil eine weltweite Verbreitung erlangt hat. Es wäre sicher zutreffend, wollte man die Schreiben dieser Päpste - von Leo XIII. mit seiner Enzyklika „Rerum novarum“ bis hin zu der Enzyklika „Caritas in veritate“ von Papst Benedikt XVI. - eine „Posaune der Soziallehre“ nennen – in Anlehnung daran, dass die heilige Hildegard von Bingen in ihrer Zeit unter einem anderen Aspekt mit dem Ehrentitel „Posaune Gottes“ bedacht wurde.

In diesem meinem Eröffnungsvortrag möchte ich Ihnen einige Überlegungen über die Verantwortung vortragen, die wir als Zeugen Christi für die Gestaltung Europas tragen. Wegweisungen dazu sind entsprechende Mahnungen des Zweiten Vatikanischen Konzils wie auch zahlreiche Dokumente seitens unserer Bischöfe sowie von Synoden und Päpsten. Auch der Kodex des Kanonischen Rechts erwähnt diese Verantwortung ganz konkret im Zusammenhang mit den Verbänden. Dort heißt es: „Den Gläubigen ist es unbenommen, Vereinigungen für Zwecke der Caritas oder der Frömmigkeit oder zur Förderung der christlichen Berufung in der Welt frei zu gründen und zu leiten und Versammlungen abzuhalten, um diese Zwecke gemeinsam zu verfolgen“ (Kan. 215 CIC). Im Hinblick auf die Laien wird betont: „Sie haben auch die besondere Pflicht, und zwar jeder gemäß seiner eigenen Stellung, die Ordnung der zeitlichen Dinge im Geiste des Evangeliums zu gestalten und zur Vollendung zu bringen und so in besonderer Weise bei der Besorgung dieser Dinge und bei der Ausübung weltlicher Aufgaben Zeugnis für Christus abzulegen“ (Kan. 225, § 2 CIC).

Mit dem Zitat ist mein Thema schon umrissen; denn die Hauptaufgaben unserer Verantwortung als Christen in Europa sind damit erwähnt:
- Die Pflicht,
- je nach der eigenen Begabung und gesellschaftlichen Position
- gemäß dem Evangelium als Zeugen Christi zu handeln
- zum Dienst einer Gesellschaft, die von christlichen Werten beseelt ist.

Die weitere Betrachtung unseres Themas soll uns die Quellen dieser Verantwortung in Erinnerung bringen, um dann unsere Aufgabe für das heutige Europa näher zu beschreiben.

1. Die Quelle unserer ethischen Verantwortung für die Gesellschaft (LG 31; AA 2-4; GS 43).

Die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes des Zweiten Vatikanischen Konzils, die mit den Worten: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“ (GS 1), beginnt, „fordert die Christen, die Bürger der beiden Gemeinwesen Welt und Kirche sind, auf, nach treuer Erfüllung ihrer irdischen Pflichten zu streben, und dies im Geist des Evangeliums“ (GS 43). Wenn man das ganze vierte Kapitel dieser Konstitution liest, hat man sich - wie der Autofahrer an der Tankstelle mit Kraftstoff – mit Kraft ausgerüstet, um die wichtigeren Einzelbereiche unserer Verantwortung zu betrachten:

1. die Würde von Ehe und Familie (GS 47-52),
2. die Förderung der Kultur (GS 53-62),
3. die Wirtschaft (GS 63-72),
4. die politische Gemeinschaft (GS 73-76),
5. den Frieden und die Völkergemeinschaft (GS 77-90).

Im Schlusswort der Pastoralkonstitution steht eine Mahnung, die im Dialogprozess überall, in allen Gremien und auf allen Ebenen gelten muss und zu fördern ist. Dort heißt es: „Das aber verlangt von uns, dass wir in der Kirche, selbst bei Anerkennung aller rechtmäßigen Verschiedenheit, gegenseitige Hochachtung, Ehrfurcht und Eintracht pflegen, um ein immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen in Gang zu bringen, die das eine Volk Gottes bilden, Geistliche und Laien. Stärker ist, was die Gläubigen eint, als was sie trennt. Es gelte im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe“ (GS 92). Die letzten Worte sind ein Zitat aus der Enzyklika „Ad Petri Cathedram“ von Papst Johannes XXIII. (29. Juni 1959). Es ist aber der alte Spruch: „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“, der verschiedenen Autoren zugeschrieben wird. „Gaudium et Spes“ erwähnt die „Anerkennung aller rechtmäßigen Verschiedenheit“ nicht ohne Grund. Würde man in allen Dialogprozessen – kirchlich, politisch, gesellschaftlich – die Anteilnahme einen jeden, die Bedeutung jedes Diskussionsbeitrages, die Nützlichkeit der zum gemeinsamen Ziel nötigen Mittel so in ihrer rechtmäßigen Verschiedenheit betrachten, dann würde man viele Auseinandersetzungen vermeiden und viel Zeit im Dialog besser nutzen können.

Erlauben Sie mir als Kirchenrechtler, einen Punkt für den Dialog in der Kirche zu erwähnen. Die Kirche als Volk Gottes ist durch die „communio“ gekennzeichnet, die anderen Gesellschaften fremd ist. Um sie zu erklären, kann man an einen Gärtner denken, der einen Blumengarten in Form einer Ellipse anlegen will. Er braucht zwei Brennpunkte. So ist es auch bei der Communio in der Kirche. Das sind hier das Volk Gottes und auf der anderen Seite das Hirtenamt im Namen Christi. Beide sollen ihre Verantwortung in ihrem ihnen je eigenen Wesen ausüben.

Dazu zwei Bemerkungen:

1. Auch wenn der Hirte die letzte Entscheidung trifft, gibt ihm die Norm der Kirche vor: „Obgleich der Obere keineswegs verpflichtet ist, sich der Stellungnahme der Mitglieder eines Rates, einer Synode oder Gruppe, auch wenn sie einstimmig ist, anzuschließen, darf er dennoch ohne einen seinem Ermessen nach überwiegenden Grund von deren Stellungnahme, vor allem von einer übereinstimmenden, nicht abweichen“ (Kan. 172, §2, °2). Das ist einfach auch Klugheit und Vorsicht.

2. Über die Teilnahme an der Sendung der Kirche - z. B. sind bei dieser Tagung auch Vertreter verschiedener Verbände und Bewegungen anwesend – gibt es eine rechtmäßige Anerkennung für diejenigen, die „im Namen der Kirche“ handeln, weil sie durch die kirchliche Autorität als öffentlicher Verein anerkannt sind (vgl. Kan. 313). Eine solche Anerkennung wird durch den Diözesanbischof, die Bischofskonferenz oder den Heiligen Stuhl erteilt (Kan. 312 CIC). Es bleibt aber das Recht der Gläubigen – der Laien wie der Kleriker -, eigene Vereinigungen zu gründen, die dann „privaten Rechts“ sind (Kan. 299 CIC); damit sie sich aber als „katholisch“ bezeichnen dürfen, muss die Zustimmung der zuständigen kirchlichen Autorität eingeholt werden, obwohl ihre Tätigkeit in ihrer eigenen Verantwortung erfolgt, und nicht „im Namen der Kirche“ (vgl. Kan. 299, § 3).

Diese zwei Bemerkungen sollen uns anspornen, unsere christliche Verantwortung in gesellschaftsethischen Fragen mit klarem kirchlichem Geist wahrzunehmen. Als Christ muss ich immer und überall den Geist des Evangeliums vertreten, unter Umständen im Namen der Kirche.

2. Unsere christliche Verantwortung in Europa heute

Es geht um unser Engagement in Europa, dessen Globalisierung durch verschiedene Kooperationsmaßnahmen nicht nur gefördert, sondern auch geregelt und gefestigt wird. Dazu nenne ich drei Hauptstrukturen: die Europäische Union, den Europarat und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE); diese ist die letzte Frucht der Schlussakte von Helsinki (1. August 1975). Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte - mit Sitz in Straßburg - hat seine Grundlage in der Menschenrechtskonvention des Europarates (3. November 1953).

Wenn wir die Gründungsverträge der europäischen Einrichtungen betrachten, stellen wir fest, wie viel sie aus den christlichen Wurzeln Europas geschöpft haben, auch wenn diese Formulierung in ihnen nicht vorkommt. Mir scheint es aber wichtig, diesen christlichen Geist der Grundverträge eines geeinten Europas zu erkennen, zu verbreiten und zu verwirklichen. Es entspricht auch unserer ökumenischen Verantwortung, dass wir dabei mit Christen anderer Kirchen und Gemeinschaften zusammenarbeiten, die ja wie wir entsprechende Einrichtungen und Vertretungen bei diesen Institutionen haben. Auf Seiten der katholischen Kirche gibt es im Hinblick auf ihren Einsatz auf europäischer Ebene den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen mit seinem Sekretariat in St. Gallen (CCEE) und die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (ComECE) mit Sitz in Brüssel. Außerdem hat der Heilige Stuhl einen Nuntius bei der Europäischen Union und einen Beobachter in Straßburg beim Europarat und beim Europäischen Gerichtshof.

Ein Überblick über die Grundverträge für ein geeintes Europa kann für uns ein Ansporn sein, uns in bestimmten Bereichen besonders einzusetzen, weil wir zu ihnen ohne Beeinträchtigung der religiösen und weltanschaulichen Haltung eines Europabürgers, eines Verbandes oder einer religiösen Gemeinschaft einen Zugang haben. Das wird z. B. im Lissabon-Vertrag ausdrücklich erwähnt. In Artikel 17, 1 heißt es: „Die Union achtet den Status, den Kirchen oder religiöse Gemeinschaften in den Mitgliedstaaten nach deren Rechtsvorschriften haben, und beeinträchtigt sie nicht“ - und in Art. 17, 3: „Die Union pflegt mit diesen Kirchen und Gemeinschaften (weltanschauliche von Komma 2) in Anerkennung ihrer Identität und ihres besonderen Beitrags einen offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog“ (Konsolidierte Fassung des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union).

Gleichermaßen gilt für die religiösen Gemeinschaften der Artikel 7 der Schlussakte von Helsinki, in dem verfügt ist: „Die Teilnehmerstaaten werden die Menschenrechte und Grundfreiheiten einschließlich der Gedanken-, Gewissens-, Religions- und Überzeugungsfreiheit für alle ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion achten“ (Art. 7, 1), und das im Jahre 1975, als Europa durch den Eisernen Vorhang noch in zwei Blöcke geteilt war. Der Artikel betont weiter: „In diesem Rahmen werden die Teilnehmerstaaten die Freiheit des Individuums anerkennen und achten, sich allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu einer Religion oder einer Überzeugung in Übereinstimmung mit dem, was sein Gewissen ihm gebietet, zu bekennen und sie auszuüben“ (Art. 7, 3). Die Delegation des Heiligen Stuhles war also während der Jahre der Helsinki-Konferenz nicht umsonst tätig, um diese Prinzipien der Menschenrechte auf der politischen Ebene in Europa anerkennen zu lassen.

Der Artikel 10 des Vertrages von Nizza (2000) handelt noch ausdrücklicher über die Religions- und Gewissensfreiheit, die heute in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union auch als Artikel 10 festgeschrieben ist. Es geht dort aber um die Freiheit des Gewissens bezüglich der Religion als eine persönliche Angelegenheit, und nicht in Bezug auf das Engagement in der Gesellschaft entsprechend der Religionszugehörigkeit. Nur die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen wird in Absatz 2 erwähnt: Sie soll entsprechend den einzelstaatlichen Gesetzen anerkannt werden.

Für die Wahrnehmung unserer ethischen Verantwortung als Christen in Europa sind uns folgende Normen aus den europäischen Grundtexten Hilfe und Unterstützung:

1. Das Grundprinzip der Demokratie als politische Struktur der Gesellschaft öffnet Räume zum Engagement, wie die Präambel der Grundrechte sagt: „Die Union trägt zur Erhaltung und zur Entwicklung dieser gemeinsamen Werte bei (im vorausgehenden Abschnitt als geistig-religiöses und sittliches Erbe erwähnt) unter Achtung der Vielfalt der Kulturen und Traditionen der Völker Europas …“.

Deshalb können und sollen wir Christen durch politischen Einsatz die christlichen Werte in der Gesellschaft zur Geltung bringen. Das Zweite Vatikanum sagt dazu in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“: „Bei allen muss daher der Wille zur Mitwirkung an gemeinsamen Werken geweckt werden. Anerkennung verdient das Vorgehen jener Nationen, in denen ein möglichst großer Teil der Bürger in echter Freiheit am Gemeinwesen beteiligt ist“ (GS 31, 2). Die Nr. 76 derselben Konstitution beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen politischer Gemeinschaft und Kirche. Es wird klar gemacht, dass Bürger zugleich Mitglieder der Kirche sind und dass ihr politisches Engagement im je eigenen Namen – als einzelne oder im Verbund – geschieht, während sie unter anderen Umständen „im Namen der Kirche zusammen mit ihren Hirten“ handeln (vgl. GS 76).

Deshalb können wir zwei Hauptmittel der christlichen Verantwortung in der Gesellschaft einsetzen: als Staatsbürger das politische Engagement – als Mitglieder der Kirche die gesellschaftliche Verbreitung der christlichen Werte, besonders über die Medien: Presse, Radio, Fernsehen und Lobby-Arbeit. Für das politische Engagement hat die Glaubenskongregation am 24. November 2002 eine „Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben“ veröffentlicht, die am 16. Januar 2003 im L’Osservatore Romano durch zwei Artikel von den Kardinälen Meisner und Biffi kommentiert wurde. Die Note begründet die Beteiligung der Christen an der Entwicklung der Gesellschaft mit den Worten: „Die gegenwärtigen demokratischen Gesellschaften, in denen lobenswerterweise alle an der Gestaltung des Gemeinwesens in einem Klima wahrer Freiheit teilhaben, fordern neue und weitgehendere Formen der Beteiligung der Bürger – Christen wie Nichtchristen – am öffentlichen Leben“ (Nr. 1). Deshalb ist die Einladung von Papst Johannes Paul II. in seinem Schreiben „Christifideles laici“ (30. Dezember 1988) zitiert: „Die Laien können nicht darauf verzichten, sich in die Politik einzuschalten, das heißt in die vielfältigen und verschiedenen Initiativen auf wirtschaftlicher, gesetzgebender, verwaltungsmäßiger und kultureller Ebene, die der organischen und institutionellen Förderung des Gemeinwohls dienen“ (Christifideles laici 42).

Wir kennen andere Dokumente der Päpste und der Glaubenskongregation, die durch ihre Lehre über Fragen des sozialen Lebens Licht in die heutige Gesellschaft bringen – wie z. B. die Nachsynodalen Apostolischen Schreiben von Papst Johannes Paul II. „Ecclesia in Europa“ (vom 23. Juni 2003) und „Familiaris Consortio“ (vom 22. November 1981), seine Enzykliken „Centesimus Annus“ (vom 1. Mai 1991) wie auch „Evangelium Vitae“ vom 25. März 1995. Papst Benedikt XVI. hat uns mit der Enzyklika „Caritas in Veritate“ vom 29. Juni 2009 Grundlinien für „die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Liebe und in der Wahrheit“ gegeben - wie schon „über die Christliche Liebe“ als Triebkraft der Erneuerung der Gesellschaft in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ vom 25. Dezember 2005.

Deshalb ist – wie auch diese Tagung zeigen wird -, eine besondere Bildung der Christen nötig, damit sie ihre politische Verantwortung in der Politik wahrnehmen können, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt: „Wer dazu geeignet ist oder sich dazu ausbilden kann, soll sich darauf vorbereiten, den schweren, aber zugleich ehrenvollen Beruf des Politikers auszuüben, und sich diesem Beruf unter Hintansetzung des eigenen Vorteils und materiellen Gewinns widmen“ (GS 75). Nicht ohne Grund sagt man, dass einer in die Politik eintritt wie ein Mönch ins geweihte Leben.

Die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. im Rahmen seines Deutschlandbesuches vor den Politikern am 22. September 2011 im Bundestag gehalten hat, ist in höchstem Maße geeignet, ihnen ihre Verantwortung für das Gemeinwohl ins Bewusstsein zu bringen.

Meinerseits erwähne ich die Inschrift über dem Westportal des Reichstagsgebäudes in Berlin: DEM DEUTSCHEN VOLKE (in Großbuchstaben). Sie wurde im Dezember 1916 - also schon vor der Abschaffung der Hohenzollern-Monarchie am 9. November 1918 - über dem Westportal des Reichstagsgebäudes angebracht. Die Inschrift begründet das politische Engagement für das Volk und das Gemeinwohl, das für den Christen eine Form der Nächstenliebe darstellt.

2. Nachdem ich das Grundprinzip der Demokratie beleuchtet habe, möchte ich im Hinblick auf die Verantwortung der Christen in Europa einzelne Bereiche herausgreifen, in denen es zum Tragen kommt:

a. Das Recht, eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen „nach den einzelstaatlichen Gesetzen“, ist Gegenstand von Art. 9 der „Charta der Grundrechte der EU“, die ihrerseits auf der „Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ basiert und zusammen mit dem Lissabon-Vertrages beschlossen wurde und am 1. Dezember 2009 in Kraft trat; dabei ist der Einsatz für eine Ehe darauf ausgerichtet, dass sie in jedem europäischen Staat in der Familie gelebt werden kann. Der Europarat hatte die genannte Konvention am 4. November 1950 in Rom beschlossen, wobei die Ehe damals ausdrücklich als Bund zwischen Mann und Frau verstanden wurde.

b. Das Recht auf freie Meinungsäußerung (Art. 11 der Charta der Grundrechte der EU) „schließt die Meinungsfreiheit und die Freiheit ein, Informationen und Ideen ohne behördliche Eingriffe und ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen zu empfangen und weiterzugeben“. Damit wird zur Zusammenarbeit aller christlichen Kräfte auf europäischer Ebene ermutigt, auch auf der Ebene der Ökumene. Die Schwierigkeit hier ist aber, dass wegen unterschiedlicher ethischer Positionen – z. B. in bioethischen und ökologischen Grundfragen – nicht alle Christen mit einer Stimme sprechen.

c. Die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit (ebd. Art. 12) ist für uns besonders wichtig, weil sie gewährleistet, dass unsere internationalen katholischen Vereinigungen auf europäischen Ebene arbeiten können, wie z. B. Pax Christi, Kolping und auch Ordensgemeinschaften als NGOs, die bei den verschiedenen europäischen Organisationen tätig sind. Der Artikel bezieht sich in Absatz 2 auf die politischen Parteien, der Absatz 1 auf den Bereich des politischen, gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Lebens.

d. Auch das im Folgenden behandelte Recht auf Freiheit von Kunst und Wissenschaft (Art. 13), das Recht auf Bildung (Art. 14), auf freie Berufswahl (Art. 15), das Recht auf Eigentum (Art. 17) und auf die Gleichheit vor dem Gesetz (Art. 20) sind wie Einladungen, sich in diesen Bereichen zu betätigen. Lassen wir uns durch Christus selber ermutigen, diese Möglichkeiten zu nutzen - im Hinschauen auf die Kinder dieser Welt, die im Nutzen ihrer Chancen oft klüger sind als die Kinder des Lichts (vgl. Lk 16, 8).

Zusammenfassend können wir feststellen, dass die Katholische Soziallehre in ihren Aussagen weit über das hinausgeht, was unbedingt nötig ist, und dass die Grundstrukturen des immer mehr geeinten Europas es uns ermöglichen, mit christlichen ethischen Werten der Gesellschaft zu dienen.

Über die Lehre scheinen mir zwei grundlegende Werke als Hilfsmittel besonders geeignet: das „Kompendium der Soziallehre der Kirche“, hrsg. vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden, (Freiburg: Herder 2004), und das „Handbuch der katholischen Soziallehre“, hrsg. von Anton Rauscher (Berlin: Duncker & Humblot 2008).

Die Kenntnis der europäischen Institutionen und ihrer Hauptdokumente lassen uns wissen, dass es weite Bereiche gibt, in denen wir als bezeugende Kirche – Ecclesia in Europa – handeln können. Die Kulisse – die europäische Kulisse – ist da; von uns als Akteuren hängt es ab, dass wir unsere Rolle gut ausfüllen. Einer hat sich dafür besondere Verdienste erworben, der selige Papst Johannes Paul II. In einer seiner sonntäglichen Angelusansprachen sagte er: „Man schneidet nicht die Wurzen ab, aus denen man gewachsen ist“ (Angelus 20. Juni 2004).

Ich danke Ihnen.