17 10 06 Impuls von Nuntius Eterovic zum 5. Kongress Zukunftfähige Führung mit christlichen Werten im Kloster Speinshart

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Impuls des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
zum 5. Kongress 
Zukunftsfähige Führung mit christlichen Werten 

Kloster Speinshart, 6. Oktober 2017


 
„Bei euch soll es nicht so sein!“ (Mk 10,43)
 
Sehr geehrte Damen und Herren, 
mit dem Wort aus dem Markusevangelium zeigt uns Jesus den Kontrast zwischen dem Handeln in der Welt und dem Handeln im Kollegium der Jünger: „Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen“ (Mk 10,42). Das angezeigte Verhalten vieler Mächtiger trifft nicht alle, aber das Phänomen von Unterdrückung und Machtmissbrauch ist bis heute aktuell. Das gilt nicht nur im staatlichen Bereich, sondern ist etwas, das auch manchen modernen Verantwortungsträger meint, der mit unredlichen Mitteln arbeitet. 
 
Gegenwärtig gibt es nach einer Studie des ILO (Internationale Arbeitsorganisation), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, etwa 40 Millionen Menschen weltweit, die in verschiedenen Formen versklavt sind. 152 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren sind Opfer von Kinderarbeit, vor allem in Afrika und besonders ausgebeutet in der Landwirtschaft. Von den 40 Millionen versklavten Menschen im Jahr 2016 wurden 25 Millionen durch harte Arbeit ausgebeutet und 15 Millionen in eine Ehe gezwungen. 29 Millionen Frauen werden vor allem in der sogenannten Sexindustrie ausgebeutet. Von diesen menschen-verachtenden Szenarien bleibt die normale Arbeitswelt in Deutschland einigermaßen verschont. Aber es gibt auch hier Formen von Repressionen. Hierbei ist Mobbing ja eine Variante, eine moderne Form von Unterdrückung. Wer in heutiger Zeit Mitarbeiter führen und leiten will, sollte sich das Wort Jesu aneignen: „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Diener aller sein“ (Mk 10,43-44).
 
Herzlich danke ich für die Gelegenheit, heute mit Ihnen über zukunftsfähige Führung mit christlichen Werten sprechen zu können. Besonders danke ich den Herren Leonhard Zintl aus dem Vorstand der Volksbank Mittweida eG, Thomas Völkl und Prof. Dr. Wilfried Mödinger für die freundliche Einladung nach Kloster Speinshart. Als Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland übermittle ich Ihnen seine Grüße und besten Wünsche für Ihr Wirken. 
 
Was eine zukunftsfähige Führung angeht, so ist auf die gerechte Balance zwischen Person und Arbeit zu achten (I), den Wert der Kollegialität zu betonen (II) und der gegenseitige Respekt und die Wertschätzung als gemeinsame Haltung immer besser zu üben (III). 
 
1. Person und Arbeit.
 
Das päpstliche Lehramt hat stets in den großen Sozialenzykliken auf den Zusammenhang von Arbeit und Person Wert gelegt. Die Würde der Person erschöpft sich nicht in der Arbeit, aber sie hilft ihm, diese Würde zu gestalten. Denken Sie an die Sozialenzykliken von Papst Johannes Paul II. Laborem Exercens vom 14. September 1981 und Centesimus Annus vom 1. Mai 1991 oder an die Enzyklika von Papst Benedikt XVI. Caritas in Veritate vom 29. Juni 2009. Papst Franziskus hat diesen Zusammenhang erneut aufgegriffen und gesagt: „Wenn wir aber an die menschliche Person ohne die Arbeit denken, dann sprechen wir nur über einen Teil, über etwas Unvollständiges, weil die Person sich in Fülle verwirklicht, wenn sie ein Arbeitender, eine Arbeitende wird. Denn das Individuum wird zur Person, wenn es sich den anderen öffnet, dem sozialen Leben, wenn es sich in der Arbeit entfaltet. Die Person entfaltet sich in der Arbeit. Arbeit ist die am meisten verbreitete Form der Zusammenarbeit, die die Menschheit in ihrer Geschichte geschaffen hat“ (Ansprache an die CISL vom 28. Juni 2017). Die Kirche lehrt also, daß die Person nicht über die Funktion zu definieren ist, die sie erfüllt, sondern sich durch ihre Arbeit als solche verwirklicht. Papst Franziskus betont einerseits die Bedeutung der Arbeit, spricht aber auch vom Skandal der Arbeitslosigkeit besonders bei der Jugend, die in manchen Teilen Europas zwischen 40-50% beträgt. Die jungen Menschen sind die Zukunft der Gesellschaft; sie dürfen nicht verloren gehen! Zu den sozialen Fragen heute gehören auch das Problem der Schwarzarbeit und die vielen Menschen, die ihr Leben mit befristeten Arbeitsverträgen oder sogenannten Minijobs bewältigen. 
 
2. Wert der Kollegialität.
 
Im Zusammenspiel der Kräfte arbeitender Menschen ist es wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, daß wir nicht nur eine auf die Funktion hin orientierte Teamarbeit brauchen, sondern auch die tiefer zu verstehende Ebene der Kollegialität. In unseren Tagen wird niemand zum Chef geboren, sondern die Führungsqualität erwächst aus dem Umgang mit der Aufgabe, die ihm gestellt wird, und mit der Art wie er sich als Kollege verhält. Das Wort Kollege stammt aus dem Lateinischen collegare – zusammenbinden. Zwischen den Mitarbeitern und den Führungsverantwortlichen gibt es eine Verbindung, die über die Arbeit hinausgeht. Im Kollegium der Apostel ist dies Verbindende der Heilige Geist, der am Pfingsttag über sie gekommen ist und sie zu ihrer gemeinsamen Mission befähigte, die Frohe Botschaft so in die ganze Welt hinaus zu tragen, daß sie von allen Menschen verstanden werden konnte (vgl. Apg 2,1-11). Diese kollegiale Sicht bestimmt bis heute das Miteinander der Bischöfe in ihrer Hirtenaufgabe, das Volk Gottes zu heiligen und zu leiten. Diese Kollegialität von Gleichen erstreckt sich aber auch auf jene, die unter ihnen ebenfalls Teil an der Aufgabe und Sendung der Kirche haben: die Priester und Diakone. Zugleich aber verbinden sich diese Kollegien mit dem großen Kollegium der Kinder Gottes, denn wir alle wurden mit dem Geist des auferstandenen Herrn getauft und gefirmt. Die Kollegialität von Mitarbeitern gründet sich letztlich auf dieser gemeinsamen Basis und Würde als Kind Gottes oder als Geschöpf des Allmächtigen. Dabei kann sie helfen, dem anderen bei seiner Berufung zu helfen – Berufung im geistlichen Sinn, aber auch die Berufung im Beruf. Hierzu sagt der Heilige Vater Franziskus: „Im Übrigen bedeutet Berufung, von einem anderen gerufen zu sein, das heißt sich nicht mehr selbst zu besitzen, aus sich selbst hinauszugehen und sich in den Dienst eines größeren Planes zu stellen. So werden wir demütige Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, wenn wir dem Geist des Besitzens und der Eitelkeit widersagen“ (Ansprache 75. Tagung „Serra International“, 23. Juni 2017). Kollegialität drückt sich in der Verantwortung eines jeden aus, die eigene Arbeit gut zu erfüllen und dabei ausgerichtet zu bleiben auf das Gemeinwohl.
 
3. Respekt und Wertschätzung.
 
In der täglichen Arbeit fällt es auch dem Christen nicht immer leicht, dem Kollegen oder der Kollegin so zu begegnen, wie er oder sie es verdient. Hier dienen die Reflexionsrunden oder Trainingsprogramme, das wechselseitige Verhalten zu bedenken und auch zu ändern. Der Heilige Paulus, der in der Welt durch Arbeit sein Brot verdient hat, weiß, wie sehr das christliche Ideal oft durch das Tun und Unterlassen verdunkelt wird. Die greifbare Realität aber ist nicht der letzte Maßstab einer tieferen Wirklichkeit, der wir alle verbunden sind: als Personen gemeinsam zu arbeiten, damit das Reich Gottes auch da nahe kommt, wo man es nicht vermutet, nämlich in den Einrichtungen und Betrieben, in denen Sie Verantwortung tragen. Der Völkerapostel mahnt, „dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen“ (Phil 2,3-4).
 
Zukunftsfähige Führung, die auf christlichen Werten aufruht, gelingt immer nur, wenn wir uns an den Herrn Jesus Christus durch unser Leben und Arbeiten annähern. Er selbst hat in der Werkstatt seines Pflegevaters Josef gearbeitet. So hat er der Hände Arbeit gewürdigt. Das ist ein bedeutsamer Unterschied zum Begriff von Arbeit in der antiken griechisch-römischen Welt. Durch die Arbeit hat der Mensch teil an der Schöpfung der Welt, die nach dem ausdrücklichen Willen ihres Schöpfers ein Prozess ist und dadurch jedem erlaubt, daß sich die Person ebenso verwirklicht, wie die ganze Menschheit. Der Heilige Paulus mahnt ergänzend: „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“ (2 Thes 2,10). Ich danke Ihnen, daß Sie sich dieser Aufgabe stellen und daran arbeiten, daß sich immer besser erfüllt, was der Herr dem Kollegium der Apostel sagt: „Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Diener aller sein“ (Mk 10,43-44).