14 11 03 Vortrag von Nuntius Eterovic amf dem Jahresempfang des Bistums Augsburg

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Vortrag des Apostolischen Nuntius

Erzbischof Dr. Nikola Eterović

auf dem Jahresempfang des Bischofs von Augsburg

 

Augsburg, Haus St. Ulrich, 3. November 2014

 

Herausforderungen für die Kirche im 21. Jahrhundert


 

Dem von Jesus Christus gegebenen Auftrag treu, das Evangelium jedem Geschöpf zu verkünden (vgl. Mk 16,15), setzt die Kirche in jeder historischen Periode ihre Mission der Evangelisierung und Förderung des Menschen fort. Dabei achtet sie sorgfältig auf die Gnade des Heiligen Geistes, den der auferstandene Herr in Fülle ausgießt (vgl. Joh 3,34). Dieses Werk stammt von Gott dem Vater, das sein eingeborener Sohn offenbart hat. „Das ist recht und gefällt Gott, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,3-4).

In der Kraft des Heiligen Geistes ist die Kirche, die der Leib Christi ist (vgl. Eph 1,23), gestärkt, diese anspruchsvolle und spannende Mission zu jeder Zeit und überall treu zu erfüllen. Sie tut dies bei allen Menschen, indem sie die Herausforderungen im Licht des Evangeliums zu beantworten sucht, von denen die Menschen in allen geschichtlichen Perioden und den verschiedenen Kulturen gestanden haben.

In meinen Ausführungen beziehe ich mich auf die Herausforderungen der Kirche in der ganzen Welt, besonders aber in Europa. Ich möchte mich leiten lassen von der Heiligen Schrift, dem Wort Gott, das immer lebendig und wirksam ist (vgl. Hebr 3,12) und das Licht auf dem Weg der Gläubigen und der Kirche (vgl. Ps 119,105).

Exzellenz, verehrter Herr Bischof Zdarsa,

verehrte Priester und Ordensleute,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

Herzliche danke ich Seiner Exzellenz, Mons. Konrad Zdarsa, dem Bischof von Augsburg, für die freundliche Einladung, mich aus Anlass des Jahresempfangs an Sie zu wenden. Ich möchte mich auf drei Herausforderungen für die Kirche in unserer gegenwärtigen Welt konzentrieren: 1. Die Evangelisierung in der säkularisierten Welt; 2. die Religionsfreiheit und der Einsatz für den Frieden; 3. das soziale Handeln und die Caritas der Katholischen Kirche. 

1. Evangelisierung in einer säkularisierten Gesellschaft

Bevor der Herr Jesus zum Himmel auffuhr, betonte er, daß ihm alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben ist, und gab seinen Jüngern folgenden Auftrag: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Mt 28,19-20). Sodann hat er seinen Beistand bis zum Ende der Zeiten versprochen: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Die Worte des auferstandenen Herrn sind mitten unter uns gegenwärtig und zeigen an, daß die Kirche in ihrer Natur missionarisch ist. Sie muss die Frohe Botschaft zu allen Nationen bis zum Ende der Zeiten bringen. Leider aber repräsentieren die Christen nach 2000 Jahren Christentum nur 32% und die Katholiken 17,5% der Weltbevölkerung, die 7.034.000.000 Menschen umfasst. Die Feststellung des Heiligen Johannes Pauls II. in seiner Enzyklika Redemptoris missio vom 07. Dezember 1990 bleibt ganz aktuell, daß „die Mission ad gentes – zu den Völkern – noch in den Anfängen ist“[1].
 

In unserer globalisierten Welt bestehen erheblich Unterschiede zwischen den verschiedenen Kontinenten, denen die Verkündiger Rechnung tragen müssen. Wir beziehen uns vor allem auf unseren Kontinent Europa, der durch einen fortschreitenden Prozess der Säkularisierung gekennzeichnet ist. Wie ist das Evangelium Jesus Christi in einer säkularisierten Gesellschaft zu verkündigen? Die Kirche hat in den letzten Zeiten über diese Frage nachgedacht, um angemessene Antworten zu finden. Ein wichtiger Punkt ist das Zweite Vatikanische Konzil, das vom Heiligen Johannes Paul II. genannt wird „die große Gnade, in deren Genuss die Kirche im 20. Jahrhundert gekommen ist. In ihm ist uns ein sicherer Kompass geboten worden, um uns auf dem Weg des jetzt beginnenden Jahrhunderts zu orientieren.“[2]  Nach Maßgabe des Konzils hat die Kirche das Nachdenken fortgesetzt, angeführt in besonderer Weise vom Bischof von Rom, sodann auch von den Hirten der universalen Kirche. Bei diesem Prozess der Reflektion und der Diskussion hat eine bedeutende Rolle die von Paul VI. im Jahr 1965 eingerichtete Synode der Bischöfe gehabt[3]. Der Selige Papst Paul VI. hat beispielsweise die III. ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode vom 27. September bis 26. Oktober 1974 zusammengerufen zum Thema Die Evangelisierung der modernen Welt. In der Folge hat er am 08. Dezember 1975 die Ergebnisse der synodalen Überlegungen im Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi veröffentlicht, ein Dokument, das oft von Papst Franziskus zitiert wird und das immer noch sehr aktuell ist. Der Heilige Johannes Paul II. hat unter anderem begonnen, die Bezeichnung neue Evangelisierung einzuführen, einer der Schlüssel zur Interpretation seines Pontifikates, was bedeutet, es handelt sich nicht um eine Wiederevangelisierung, wohl aber um „eine neue Evangelisierung. Neu in ihrer Glut, in ihren Methoden, in ihrem Ausdruck“[4]. Papst Benedikt XVI. hat am 21. September 2010 mit dem Apostolischen Schreiben Ubicumque et semper den Päpstlichen Rat der Förderung der Neuevangelisierung eingerichtet. Er stand den Arbeiten der XIII. ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode vom 07. bis 28. Oktober 2012 vor zum Thema: Die neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens. In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium hat Papst Franziskus die Ergebnisse der Überlegungen der Synodenväter über die neue Evangelisierung und über eine neue Dynamik des Verkündigungswerkes der Kirche zusammenfasst. Den Ergebnissen der Synode folgend, hat Papst Franziskus unterstrichen, „daß die Evangelisierung alle aufruft und daß sie sich grundsätzlich in drei Bereichen abspielt“[5] Es handelt sich dabei um 1. die gewöhnliche Seelsorge; 2. die Seelsorge, die sich an die richtet, die sich von der Kirche entfernt haben und 3. die Pastoral für die, die Jesus Christus noch nicht kennen.

1. Zur Seelsorge, die in gewöhnlicher Weise geschieht schreibt der Bischof von Rom: „An erster Stelle erwähnen wir den Bereich der gewöhnlichen Seelsorge, »die mehr vom Feuer des Heiligen Geistes belebt sein muss, um die Herzen der Gläubigen zu entzünden, die sich regelmäßig in der Gemeinde zusammenfinden und sich am Tag des Herrn versammeln, um sich vom Wort Gottes und vom Brot ewigen Lebens zu ernähren«. In diesen Bereich sind ebenso die Gläubigen einzubeziehen, die einen festen und ehrlichen katholischen Glauben bewahren und ihn auf verschiedene Weise zum Ausdruck bringen, auch wenn sie nicht häufig am Gottesdienst teilnehmen. Diese Seelsorge ist auf das Wachstum der Gläubigen ausgerichtet, damit sie immer besser und mit ihrem ganzen Leben auf die Liebe Gottes antworten“[6].

2. Der zweite Bereich bezieht sich auf  die „Getauften, die jedoch in ihrer Lebensweise den Ansprüchen der Taufe nicht gerecht werden, keine innere Zugehörigkeit zur Kirche haben und nicht mehr die Tröstung des Glaubens erfahren. Als stets aufmerksame Mutter setzt sich die Kirche dafür ein, dass sie eine Umkehr erleben, die ihnen die Freude am Glauben und den Wunsch, sich mit dem Evangelium zu beschäftigen, zurückgibt“[7].

3. An dritter Stelle wird ausgeführt, daß „die Evangelisierung  wesentlich verbunden ist mit der Verkündigung des Evangeliums an diejenigen, die Jesus Christus nicht kennen oder ihn immer abgelehnt haben. Viele von ihnen suchen Gott insgeheim, bewegt von der Sehnsucht nach seinem Angesicht, auch in Ländern alter christlicher Tradition. Alle haben das Recht, das Evangelium zu empfangen. Die Christen haben die Pflicht, es ausnahmslos allen zu verkünden, nicht wie jemand, der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt, einen schönen Horizont aufzeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet. Die Kirche wächst nicht durch Prosyletismus, sondern »durch Anziehung«“[8].

Die drei Aspekte der neuen Evangelisierung rufen alle Glieder der Kirche auf, jeden nach seiner Berufung und seinem Amt. Wenn es sich um die gewöhnliche Seelsorge handelt, ist es nötig zu betonen, daß die Synodenväter es für sehr wichtig halten, die Seelsorge auf den Feldern von Leiturgia, Martyria und Diakonia fortzusetzen, die im Lauf der Zeit schon viele reiche spirituelle Früchte hervorgebracht hat. Dies ist nicht mit Trägheit oder nur mit Tradition zu machen, sondern mit einer neuen missionarischen und pastoralen Dynamik, Frucht des Geistes und Antwort auf die Erwartungen der Menschen, welche oft, wenn auch nicht ganz bewusst, auf jemanden warten, der ihnen das Evangelium verkündet und sie das heilbringende Antlitz Jesus Christi entdecken lässt. Mit besonderer Aufmerksamkeit gegenüber den Personen, die keine ausreichende Katechese erfahren haben, muss die Kirche sich mehr bemühen, „damit sie erneute Jesus Christus begegnen, die Freude des Glaubens entdecken und zurückkehren zur religiösen Praxis in der Gemeinschaft der Gläubigen“[9]. Um einen Kontakt zu diesen Brüdern und Schwestern zu festigen, sind über die traditionellen Methoden auch neue Ansätze und neue Sprachen nötig, die bei den Menschen Anwendung finden, die verschiedenen Kulturen angehören. Dieses Werk erfordert eine bemerkenswert pastorale Kreativität. Es gibt zahlreiche Beispiele neuer Initiativen, zu denen die städtische Mission (Citypastoral) in verschiedenen Hauptstädten in Europa und in der Welt gehören, aber auch die Förderung des sogenannten „Vorhofs der Völker“ oder die Kontinentalmission in Lateinamerika nach der V. Generalkonferenz des Episkopates von Lateinamerika und der Karibik 2007 in Aparecida (Brasilien). Es ist nötig, mehr und besser die modernen sozialen Kommunikationsmittel anzuwenden. Sodann bleibt die Herausforderung der Nichtchristen in Europa und in Teilen Deutschlands. Im Osten Deutschlands beispielsweise gibt es weite Teile, wo über 80% der Bevölkerung erklärt, keiner Religion anzugehören. Diese große Herausforderung richtet sich auch an unsere Brüder und Schwestern der protestantischen kirchlichen Gemeinschaften, die traditionell die Mehrheit in diesen Gegenden bildete. Die große Zahl der Nichtchristen, der Ungetauften oder einer nichtchristlichen Religion Angehörenden ist eine andere große Herausforderung. Hier sind die beiden oben genannten Prinzipien anzuwenden und das heißt, die Christen haben die Pflicht die Frohe Botschaft zu verkünden, ohne Prosyletismus, und jene haben die Pflicht, das Christentum zu kennen, die Religion, die geschichtlich und nach einer noch immer bestehenden Mehrheit in dieses Land gehört, in dem sie leben. Diesbezüglich wird Papst Franziskus nicht müde die Kirche aufzurufen, aus sicher herauszugehen, um „alle Ränder zu erreichen, die das Licht des Evangeliums nötig haben“[10]. Nicht vergessen werden kann, daß nicht die personale Begegnung zwischen dem Verkündiger und der Person, welche die Wahrheit sucht, ersetzen kann. Mehr als detaillierte Programme einer neuen Evangelisierung ist es nötig, Vertrauen in Gott zu haben und größeren Raum dem Heiligen Geist zu geben, der Gabe des auferstandenen Jesus.

Mit Blick auf die Säkularisierung ist es nötig, daran zu erinnern, daß sie nach den Synodenvätern ein Prozess ist, der auf unterschiedlichen Ebenen auf der ganzen Welt voranschreitet. Die mit diesem Begriff beschriebene Wirklichkeit ist ambivalent: er kann negative, aber auch positive Bedeutung haben. In seiner radikalen Form wird sie Säkularismus genannt, der den Anspruch erhebt, die Welt so zu gestalten, als ob Gott nicht existiere (etsi Deus non daretur). In dieser negativen Bedeutung begründet die Säkularisierung eine wahre spirituelle Wüste an verschiedenen Orten, wo einmal eine lebendige christliche Gemeinschaft bestand. Nach Papst Franziskus heißt das: „Der Säkularisierungsprozess neigt dazu, den Glauben und die Kirche auf den privaten, ganz persönlichen Bereich zu beschränken. Außerdem hat er mit der Leugnung jeglicher Transzendenz eine zunehmende ethische Deformation, eine Schwächung des Bewusstseins der persönlichen und sozialen Sünde und eine fortschreitende Zunahme des Relativismus verursacht, die Anlass geben zu einer allgemeinen Orientierungslosigkeit, besonders in der Phase des Heranwachsens und der Jugend, die gegenüber Veränderungen so anfällig ist“[11].

Es existieren aber auch positive Aspekte im Zusammenhang mit dem Prozess der Säkularisierung. Sie löschen die Natur des Menschen nicht aus, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist (vgl. Gen 1,27), und der den Wunsch nach Glück in sich trägt. Auch in den neuen Wüsten der modernen Welt bleibt das Herz des Menschen offen hin zur Transzendenz. Es bleibt eine schwache Glut des Feuers, das wieder entfacht werden kann. Die Evangelisierung hat tatsächlich die Aufgabe, dieses Feuer wieder anzuzünden. Über die Herausforderung hinaus ist die Säkularisierung also auch eine Möglichkeit. Nach Papst Benedikt XVI. ermöglicht die Wüste, das Resultat der Säkularisierung, die Wiederentdeckung der Bedeutung des Glaubens und das Konzentrieren auf die wesentliche Methode der Weitergabe des Glaubens. „In der Wüste entdeckt man den Wert dessen, was zum Leben wesentlich ist; so sind in der gegenwärtigen Welt zahllos die Anzeichen, oft in indirekter oder negativer Weise zum Ausdruck gebracht, eines Durstes nach Gott, nach dem letzten Sinn des Lebens. In der Wüste sind vor allem Menschen des Glaubens nötig, die mit ihrem eigenen Leben den Weg weisen zum Gelobten Land und so die Hoffnung wach halten“[12]. Für die Kirche ist die Wüste eine Einladung, „nur das Nötigste mit sich zu nehmen: weder Stab, noch Tasche, kein Brot, kein Geld, keine zwei Gewänder – wie es der Herr zu den Aposteln sagt, als er sie zur Mission aussendet (vgl. Lk 9,3), dafür aber das Evangelium und der Glaube der Kirche, den die Dokumente des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils so erleuchtet auslegen, wie auch der Katechismus der Katholischen Kirche, der vor 20 Jahren veröffentlicht worden ist“[13]. Diese Worte laden alle ein, die mit der Weitergabe des Glaubens betraut sind, sich auf die wesentlichen Wahrheiten des kerygmas zu konzentrieren. Und das heißt, die Verkündigung des Lebens, des Todes und der Auferstehung unseres Herrn Jesus. Man kann nicht davon ausgehen, daß diese Inhalte bekannt sind, weil heute einen eher diffusen religiösen Analphabetismus gibt[14]. Daneben hat die Säkularisierung heute eine große Ähnlichkeit mit jener Gesellschaft, die am Beginn des Christentums existierte. Wie in jenen Zeiten, so sind die Christen auch heute eine kleine Herde, aber „wir tragen die Heilsbotschaft des Herrn weiter und sind gerufen, Salz und Licht einer neuen Welt zu sein (vgl. Mt 5,13-16)“[15].

In diesem Zusammenhang der Säkularisierung unterstreichen die Synodenväter, daß die bewährten traditionellen Methoden mit einer angemessenen pastoralen Kreativität zu harmonisieren sind, besonders auf den drei Feldern des Handelns: der Pfarrei, der Familie, der Jugend.

2. Der Friede in der Welt und die Religionsfreiheit

Im Laufe seines Lebens hat Jesus Christus den Seinen das Geschenk des Friedens versprochen. „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie ihn die Welt gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Habt keine Angst“ (Joh 14,27). Nachdem die Sünde und der Tod überwunden waren, ist der auferstandene Herr den Jüngern im Abendmahlssaal erschienen und wiederholt die Gabe des Friedens, der mit einer Mission verbunden ist: „Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Um diese Mission erfüllen zu können, hauchte Jesus Christus sie an und sagte: „Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22-23).

Der Friede, das Geschenk des auferstandenen Herrn, ist gleichsam die Aufgabe der Christen, sei es als Person, sei es als Glieder der kirchlichen Gemeinschaft. Schon immer war die Katholische Kirche eine Promotorin des Friedens gewesen und hat sich in diesem Sinne auch auf sozialem und politischem Gebiet betätigt, vor allem in den Zeiten schwerer Krisen. Bei dieser Aufgabe will die Kirche stets mit allen Menschen guten Willens zusammenarbeiten.

Wir können in einem kurzen geschichtlichen Abriss erinnern an das Wirken der Kirche durch die Römischen Päpste während der Weltkriege. Im ersten Weltkrieg hat Papst Benedikt XV. am 01. August 1917 an alle Kriegsparteien eine Friedensbotschaft gerichtet, indem er alle Völker und kriegsführenden Regierungen zur Umkehr aufforderte und „so schnell wie möglich diesen schrecklichen Kampf einzustellen, in dem jeder weitere Tag des Schlachtens sinnlos ist“[16]. Leider blieb seine Stimme ungehört und das sinnlose Schlachten ging weiter und die Zahl der Opfer stieg auf circa 18 Millionen Tote, von denen 7 Millionen Zivilisten waren.

Auch die Intervention von Pius XII. vor Beginn des Zweiten Weltkrieges blieb ungehört. Am 24. August 1939 richtete er sich über eine Radiobotschaft an die Regierenden und Völker, indem er ausrief: „Nichts ist verloren mit dem Frieden. Alles aber kann verloren sein mit dem Krieg. Die Menschen mögen zurückkehren dazu, sich zu verstehen. Sie sollen die Verhandlungen wieder aufnehmen“[17]. Der Zweite Weltkrieg hat wiederum leider noch mehr Menschenleben zerstört, man schätzt die Opfer auf 70 Millionen, von denen 48 Millionen Zivilisten waren, dazu unermessliche materielle und spirituelle Schäden[18]. In den dramatischen Situationen der beiden Weltkriege hat sich die Katholische Kirche, sofern die kriegsführenden Staaten es erlaubten, auf dem humanitären Feld, im Beistand für die Opfer, als Netzwerk zum Austausch von Briefen und Informationen der Kriegsgefangenen mit den betroffenen Familien, bei der Rückkehr von Gefangenen etc.

Nach der Tragödie dieser zwei Weltkriege hat sich die Katholische Kirche wiederum sehr eingesetzt für die Förderung des Friedens. Die Radiobotschaft des Heiligen Johannes XXIII. während der Raketenkrise auf Kuba vom 25. Oktober 1962 hatte mehr Erfolg und hat zur Lösung der gefährlichen Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion beigetragen. Einen wichtigen Beitrag im Einsatz für den Frieden hat auch die Enzyklika Pacem in terris geleistet, die am 11. April 1963 veröffentlicht wurde.

Vom Beginn seines Pontifikates an hat sich der Selige Paul VI. als Verteidiger des Friedens gezeigt. Seine Rede vor den Vereinten Nationen am 04. Oktober 1965 war ein starker Beitrag für den Frieden. Bei dieser Gelegenheit sind seine Worte zu betonen: „Nie mehr Krieg!“, die der Heilige Johannes Paul II. in seinem starken Einsatz gegen den Krieg im Irak im Jahr 2003 wiederholte[19]. Seine Nachfolger, Benedikt XVI. und Papst Franziskus, haben diesen Weg fortgesetzt. Es genügt an die Apostolische Reise Benedikt‘ XVI. in den Libanon vom 14. bis 16. September 2012 zu erinnern. Bei dieser Gelegenheit hat er an den Episkopat und an die Menschen guten Willens das Nachsynodale Apostolische Schreiben Ecclesia in Medio Oriente gerichtet, ein Resultat der Sonderversammlung der Bischofssynode über den Mittleren Osten. In diesem so wichtigen Dokument wird beharrlich auf die Notwendigkeit des Friedens insistiert. Papst Franziskus hat zwischenzeitlich als Pilger des Friedens auf seiner Apostolischen Reise vom 24. bis 28. Mai 2014 Jordanien, Palästina und Israel besucht.  Außerdem wird er vom 28. bis 30. November die Türkei besuchen. Im Bemühen um den Frieden nimmt das Gebet, das Papst Franziskus im Vatikan am 08. Juni 2014 organisiert hat, einen besonderen Platz ein, an dem der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel Bartholomäus, der Präsident des Staates Israel, Herr Shimon Peres, und der Palästinenserpräsident, Herr Mahmud Abbas (Abu Mazen), teilnahmen.

Als besonderes Engagement für den Frieden ist es nötig, darin zu erinnern, daß Paul VI. am 01. Januar 1968 den Welttag des Friedens eingesetzt hat. Seit 47 Jahren werden am Beginn eines jeden neuen Jahres die Gläubigen eingeladen, gemeinsam mit den Politikern und Menschen guten Willens für den Frieden zu beten und zu arbeiten. Zu diesem Anlass geben die Römischen Päpste jeweils zu einem bestimmten Gesichtspunkt ein Thema und ein Dokument heraus.

Das persönliche Erleben der Tragödie des Zweiten Weltkrieges und die Teilung der Welt in zwei Machtblöcke, deren Trennlinie durch das Herz Europas ging, hat Johannes Paul II. den Heiligen Stuhl in der Förderung des Friedens angetrieben. Diesbezüglich erinnern wir uns an die Mediation des Heiligen Stuhls im Beagle-Konflikt zwischen Chile und Argentinien um die Souveränität über die drei Inseln im Beagle-Kanal in den Jahren 1978-1984, der zum Krieg zwischen den Nachbarn zu werden drohte. Zu erinnern ist auch an die Friedensbemühungen in verschiedenen von Krieg verwüsteten Gebieten der Welt wie zum Beispiel in Ex-Jugoslawien, im Mittleren Osten etc.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Teilnahme des Heiligen Stuhl als Gründungsmitglied der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSCE).  In der Schlussakte von Helsinki im Jahr 1975, also zu Zeiten des sogenannten Kalten Krieges, ist es dem Heiligen Stuhl gelungen, unter Punkt VII die Menschenrechte einzuführen und die grundlegenden Freiheiten, so auch die Freiheit des Gewissens, der Religion und des Bekenntnisses. Diese Norm hatte großen Einfluss auf den Kampf um die Freiheit in den totalitären Staaten, angefangen bei den kommunistischen Ländern Mittel- und Osteuropas.

Religionsfreiheit. Der Friede ist verbunden mit der Achtung der Menschrechte, unter denen das erste die Achtung der Religionsfreiheit ist. Johannes Paul II. hat nachdrücklich darauf bestanden, daß die Religionsfreiheit das Fundament jeder Freiheit ist. In Ländern, wo es keine Religionsfreiheit gibt oder eingeschränkt ist, sind auch die anderen Freiheiten begrenzt oder verboten. Hier ist wichtig, an die Botschaft Johannes Pauls II. zu erinnern, die er an die Staatsoberhäupter im Jahre 1980 richtete. Bei der Freiheit der Religion hat er sich auf die Erklärung der Religionsfreiheit des Zweiten Vatikanischen Konzils Dignitatis Humanae vom 07. Dezember 1965 bezogen, um zu bekräftigen, daß diese Freiheit auf der Natur der menschlichen Person basiert: „Diese konkrete Freiheit ist begründet in der Natur des Menschen selbst, dessen Natur ist es, frei zu sein, und die nach den Worten der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils ‚auch denjenigen erhalten bleibt, die ihrer Pflicht, die Wahrheit zu suchen und daran festzuhalten, nicht nachkommen, und ihre Ausübung darf nicht gehemmt werden, wenn nur die gerechte öffentliche Ordnung gewahrt bleibt‘ (Dignitatis Humanae, 2)“[20]. In seiner Botschaft hat er sodann in Erinnerung gerufen, daß „im Ausdruck und in der Ausübung der Religionsfreiheit sich die individuellen, gemeinschaftlichen, privaten und öffentlichen Aspekte zeigen, die so eng miteinander verbunden sind, daß der Genuss der Religionsfreiheit diese Dimensionen verknüpft und ergänzt“[21]. In der Folge hat er die personalen und gemeinschaftlichen Aspekte der Religionsfreiheit aufgeführt. Über die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zur Religionsfreiheit hinaus hat der Papst auch auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO vom 10. Dezember 1948 (Artikel  18) und auf den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte der Vereinten Nationen vom 16. Dezember 1966 (Artikel 18) hingewiesen.

In seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium  nimmt Papst Franziskus Bezug auf die synodalen Überlegungen und schreibe unter anderem: „Die Synodenväter haben an die Bedeutung der Achtung der Religionsfreiheit erinnert, die als ein fundamentales Menschenrecht betrachtet wird. »Sie schließt die Freiheit ein, die Religion zu wählen, die man für die wahre hält, und den eigenen Glauben öffentlich zu bekunden.« Ein gesunder Pluralismus, der die anderen und die Werte als solche wirklich respektiert, beinhaltet keine Privatisierung der Religionen mit der Zumutung, sie zum Schweigen zu bringen und auf die Verborgenheit des Gewissens jedes Einzelnen zu beschränken oder sie ins Randdasein des geschlossenen, eingefriedeten Raums der Kirchen, Synagogen oder Moscheen zu verbannen. Das wäre dann letztlich eine neue Form von Diskriminierung und Autoritarismus. Der Respekt, der den Minderheiten von Agnostikern oder Nichtglaubenden gebührt, darf nicht auf eine willkürliche Weise durchgesetzt werden, die die Überzeugungen der gläubigen Mehrheiten zum Schweigen bringt oder die Reichtümer der religiösen Traditionen unbeachtet lässt. Das würde auf lange Sicht mehr den Groll schüren als die Toleranz und den Frieden fördern“[22]. Schon in diesem Dokument beklagte der Heilige Vater die Einschränkung und Verweigerung der Religionsfreiheit. „Wir evangelisieren auch dann, wenn wir versuchen, uns den verschiedenen Herausforderungen zu stellen, die auftauchen können. Manchmal zeigen sie sich in echten Angriffen auf die Religionsfreiheit oder in neuen Situationen der Christenverfolgung, die in einigen Ländern alarmierende Stufen des Hasses und der Gewalt erreicht haben“[23]. Angesichts der steigenden Gewalt gegen Christen und andere Minderheiten vor allem im Mittleren Osten, die religiös motiviert sind, hat Papst Franziskus erklärt: „Niemand soll meinen, er könne sich hinter Gott verstecken, während er Gewalttaten und Übergriffe plant und ausführt! Niemand nehme die Religion zum Vorwand für seine Taten, die der Würde des Menschen und seinen Grundrechten entgegenstehen, an erster Stelle dem Recht auf Leben und auf Religionsfreiheit aller“[24]. An die Führer anderer Religionen und christlicher Konfessionen gerichtet, bestätigt er kraftvoll die folgenden grundlegenden Prinzipien: „Die echte Religion ist eine Quelle des Friedens und nicht der Gewalt! Niemand darf den Namen Gottes gebrauchen, um Gewalt auszuüben! Im Namen Gottes zu töten, ist ein schweres Sakrileg! Im Namen Gottes zu diskriminieren, ist unmenschlich“[25].

 

Betroffen von der weiten Verbreitung von sogenannten lokalen Kriegen mit geringer Ausstrahlung, aber dennoch beispielloser Gewalt, fragte sich Papst Franziskus, ob wir uns nicht in einem Dritten Weltkrieg befinden, der sich „stückweise“ vorankämpft[26].

Die maßgebende Position des Heiligen Stuhls lässt sich auch im Licht des Dramas, das die Christen im Mittleren Osten gemeinsam mit anderen Minderheiten erleben, verstehen. Aber die Situation ist sehr vielschichtig und gilt leider auch für andere Regionen in der Welt. Nach dem in Frankreich soeben erschienenen Schwarzbuch zur Lage der Christen in der Welt [27] werden zwischen 150 und 200 Millionen Christen in gut 50 Ländern[28] weltweit verfolgt. 75% der Gewalt gegen religiöse Minderheiten in der Welt wird gegen Christen verübt. Diese Situation ruft die ganze internationale Gemeinschaft zu dringender humanitärer Hilfe auf für die Flüchtlinge, die Kranken, die Verletzten und Menschen in Notlagen. Erforderlich ist aber vor allem eine dauerhafte politische und soziale Lösung, damit der Friede in Gerechtigkeit und Sicherheit wiederhergestellt werden kann und die Flüchtlinge zurückkehren können in ihre Häuser. Zahlreiche katholische Einrichtungen, darunter als Beispiel Caritas internationalis, sind vor Ort um den Armen und Notleidenden zu helfen.

In diesem Kontext scheint der Ökumenische Dialog der Katholischen Kirche mit anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sehr wichtig. Zugleich ist ein ehrlicher und konstruktiver Dialog der Katholischen Kirche und der anderen christlichen Denominationen mit den nichtchristlichen Religionen gefordert, besonders mit dem Islam. Es handelt sich um eine große Herausforderung, dem sich die Kirchen und die nichtchristlichen Religionen gegenwärtig und zukünftig stellen müssen. Ein gutes Einvernehmen und eine gute Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Religionen könnten zeigen, daß die Religionen ein positiver Faktor in den Beziehungen zwischen den Personen und Nationen sind. Außerdem diente dies als Anreiz für die Politiker und andere Menschen guten Willens, so schnell wie möglich eine Lösung für einen stabilen Frieden zu finden; gerecht und dauerhaft und mit Respekt vor den Rechten der Menschen und Völker.  

3. Das soziale und caritative Handeln

Die Kirche sucht das Werk Jesu fortzusetzen, denn er „zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk“ (Mt 4,23).

Dem Beispiel Jesu Christi folgend, hat die Kirche stets die Evangelisierung mit der Förderung des Menschen verbunden. Die Verkündigung des Evangeliums war immer verbunden mit der Pflege der ganzheitlichen Förderung der menschlichen Person, vor allem mittels der Bildung und des Gesundheitswesens. Die Kirche hat sich auch in Projekten engagiert, die in der Regel klein waren, aber wichtig für die soziale und ökonomische Entwicklung. Einige Daten zu katholischen Schulen und zu Kranken- und Pflegeeinrichtungen[29]:

Katholische Schulen. Auf diesem Gebiet ist die Katholische Kirche weltweit engagiert mit 70.544 Kindergärten bzw. Vorschulen mit 6.478.627 Kindern und Schülern; 92.847 Grundschulen mit 31.151.170 Schülern; weiterführende Institute zählen 43.591 Schulen mit 17.793.559 Schülern. Es folgen 2.304.171 Schüler an Oberschulen und 3.338.455 Studenten an Universitäten. Es gibt in der Welt mehr als 900 Katholische Universitäten.

Wohlfahrtseinrichtungen. Die Katholische Kirche unterhält weltweit 5.305 Krankenhäuser, die meisten davon in Amerika (1.694) und Afrika (1.150); 18.179 Ambulanzen, zum größten Teil in Amerika (5.762), Afrika (5.312) und Asien (3.884): 547 Leprastationen, die sich vor allem auf Asien (258) und Afrika (198) verteilen; 17.223 Einrichtungen für Alte, chronisch Kranke und Behinderte, zum großen Teil in Europa (8.021) und Amerika (5.650); 9.882 Waisenhäuser, zu einem Drittel davon in Asien (3.606); 11.379 Kindergärten; 15.327 Eheberatungen, vor allem in Amerika (6.472); 34.331 Bildungseinrichtungen oder Einrichtungen der sozialen Rehabilitation und 9.391 Einrichtungen anderer Art, zum größten Teil in Amerika (3.564) und Europa (3.159).

In diesen Statistiken nimmt bei einem Punkt auch Deutschland einen wichtigen Platz ein, wo die Katholische Kirche 9.200 Kindergärten mit über 600.000 Kindern unterhält, 908 Katholische Schulen, die von mehr als 370.000 Schülern besucht werden[30]. Es gibt in Deutschland sodann 435 Akutkliniken und 75 Rehakliniken mit 98.000 Betten und 165.000 Beschäftigten. Etwa 3,5 Millionen stationäre Patientinnen und Patienten und 5 Millionen ambulante Patienten und Patientinnen. Die Herausforderung besteht darin, diesen Dienst der Kirche fortzuführen für die Menschen und die Gesellschaft auf den Feldern der Erziehung und Bildung und des Gesundheitswesens. Hierfür braucht es Antworten auf nicht wenige Schwierigkeiten, so auch die Frage, wie diese Einrichtungen den katholischen Charakter behalten.

Soziale Entwicklung. Nach seinen Möglichkeiten bemüht sich der Heilige Stuhl auch um die ökonomische und soziale Entwicklung der armen Bevölkerung. So bestehen zum Beispiel beim Päpstlichen Rat Cor Unum im Vatikan zwei Organismen: die Stiftung Johannes Paul II. für die Sahelzone, die das Ziel hat, kleine Projekte in den afrikanischen Ländern zu finanzieren, die  gegen die fortschreitende Ausbreitung der Wüste kämpfen. Daneben Populorum Progressio, die bestimmt ist für soziale Hilfen in den Lateinamerikanischen Ländern und besonders für die indigene Bevölkerung, die gemischter Abstammung und die Afro-Amerikaner.

Natürlich gibt es noch andere zahlreiche Initiativen der Kirche, Maßnahmen zur Bekämpfung der traditionellen Krankheiten (wie Malaria und Lepra) oder der mehr neuzeitlichen (AIDS, Ebola), Häuser zur Gesundung der Opfer des Drogenkonsums, des Alkoholismus, der Prostitution, die öffentlichen Tische für die Armen etc. Auf diesem gewaltigen Feld muss die Kirche mit allen Menschen guten Willens zusammenarbeiten, um auf beste Weise den Opfern in unseren Gesellschaften helfen und sie heilen zu können. Das ist eine Herausforderung, die in der gegenwärtigen Welt nicht kleiner wird, sondern immer größer.

Soziale Gerechtigkeit. Der Heilige Vater Franziskus hat kürzlich folgende Übel unserer Welt aufgezeigt, gegen die nicht allein die Kirche kämpfen muss, sondern alle Menschen guten Willens: „Man kann von einer Milliarde Menschen sprechen, die in äußerste Armut geworfen sind. 1,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu hygienischen Einrichtungen, zu Trinkwasser, zu Elektrizität, zu grundlegender Bildung oder zum Gesundheitssystem und müssen unter ökonomischen Entbehrungen leiden, die mit einem Leben in Würde unvereinbar sind (2014 Human Development Report, UNPD). Auch wenn sich die absolute Zahl von Menschen in dieser Situation in den letzten Jahren vermindert hat, so ist ihre Verletzlichkeit gestiegen aufgrund der vermehrten Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert sind, um aus dieser Situation herauszukommen. Und dies aufgrund der steigenden Zahl von Menschen, die in Konfliktgebieten leben. Allein im Jahr 2012 sind 45 Millionen Menschen aufgrund von Situationen von Gewalt oder Verfolgung gezwungen zu fliehen; 15 Millionen sind Flüchtlinge, die höchste Zahl in 18 Jahren. 70% dieser Menschen sind Frauen. Zusätzlich wird geschätzt, daß sieben von zehn derer, die Hunger leiden, Frauen und Kinder sind (Fondo delle Nazioni Unite per le Donne, UNIFEM)“[31]. In dieser Ansprache hat Papst Franziskus den Menschenhandel verurteilt, erneut die Folter, die Entführung von Menschen, die Todesstrafe verdammt und auch die lebenslange Haft hinzugefügt, die er eine „verborgene Todesstrafe“ nennt[32].

Bei vielen Gelegenheiten hat der Heilige Vater eine größer Gerechtigkeit in der Welt angemahnt, wenn er das gegenwärtige ökonomische System kritisiert, das die große Kluft zwischen den wenigen Reichen und der immer größer werdenden Zahl der Armen noch weiter vertieft. Es ist eine große Herausforderung, daß die menschliche Person inmitten dieses Sozial- und Wirtschaftsmodell nicht zum Götzen des Geldes und des Profits um jeden Preis wird. In Evangelium gaudium werden die Begriffe Gerechtigkeit, Solidarität oft und in verschiedenen Zusammenhängen benutzt. Einer seiner Gedanken: „Der Globalisierung der Märkte muss notwendig eine Globalisierung der Solidarität entsprechen; mit dem Wirtschaftswachstum muss eine größere Achtung der Schöpfung einhergehen; gemeinsam mit den Rechten des Einzelnen müssen die Rechte der Wirklichkeiten zwischen dem Einzelnen und dem Staat geschützt werden, allen voran die Familien“[33], was eine große Herausforderung bleibt für alle, für die Kirche und für die internationale Gemeinschaft.

Abschluss

Treu seinem Gebot, sucht die durch Raum und Zeit zur Ewigkeit pilgernde Kirche die frohe Botschaft zu verkünden, die Freude, Christen zu sein, die Liebe, die sie vom Herrn empfangen hat und die sie mit anderen teilen möchte. Das wird normalerweise von konkreten Zeichen der Brüderlichkeit und Caritas begleitet, sei es auf der persönlichen oder der gemeinschaftlichen Ebene, besonders in der Erziehung und Bildung, im Gesundheitswesen und in den Einrichtungen der Begleitung und Wohlfahrt. Ohne in Proselythismus zu fallen, gehorchen die Christen der inneren Dynamik des Guten, das sich ebenso wie die Liebe ausbreiten will und die Freude, das Glück zu allen, wenigstens aber zu einer möglichst großen Zahl von Menschen bringen möchte.

Bei dieser Aufgabe wird das große Gebot in die Tat umgesetzt, das nach dem Herrn Jesus zwei Aspekte hat, die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Einem Gesetzeslehrer, der ihn fragt: „Welches ist das höchste der Gebote“ (Mk 12,28), antwortet Jesus: „Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als diese“ (Mk 12,29-30).

In angemessener Weise auf dieses Gebot zu antworten, das bleibt die große Herausforderung der Kirche im 21. Jahrhundert, das wir erst begonnen haben. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


[1] Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio, 40.

[2] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte, 57; zitiert von Benedikt XVI. bei der Audienz am 12. Oktober 2012.

[3] Vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Apostolica sollicitudo (15. September 1965); AAS 57 (1965).

[4] Johannes Paul II., Rede an die XIX. Vollversammlung der CELAM (Port au Prince, Haiti, 09. März 1983), 3; AAS 75 I (1983) 778.

[5] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 14.

[6] Ebd., 14.

[7] Ebd., 14.

[8] Ebd.,14.

[9] Benedikt XVI., Predigt zum Abschluss der XIII. ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode (28. Oktober 2012), L’Osservatore Romano, 29.-30. Oktober 2012, p. 8.

[10] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 20.

[11] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 64.

[12] Benedikt XVI., Predigt zur Feier des 50. Jahrestages der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und dem 20. Jahrestag der Promulgation des Katechismus der Katholischen Kirche (11. Oktober 2012), in Allocutiones, p. 18.

[13] Ebd., p. 18.

[14] Vgl. Benedikt XVI., Lectio divina, 23. Februar 2012.

[15] Ebd.

[16] Benedikt XV., Friedensbotschaft 1917, in Pietro Parolin, Imparzialità della pace. La Santa Sede e i conflitti dalla Grande guerra a oggi, L’Osservatore Romano, 16. Oktober 2014, 4.

[17] Pio XII., Radio messaggio, 24. August 1939, in ebd., 4.

[18] Die Daten sind entnommen aus: Joseph V. O’Brien, World War II, Combatants And Casualties (1937-1945) Department of History, John Jay College of Criminal Justice, New York, NY, USA.

[19] Johannes Paul II., Angelus, 16. März 2003.

[20] Johannes Paul II., Botschaft an die Staatsoberhäupter der Teilnehmerstaaten der Schlussakte von Helsinki,

(01. September 1980), 2.

[21] Ebd., 4.

[22] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 255.

[23] Franziskus, ebd., 61.

[24] Franziskus, Begegnung mit Behördenvertretern, Tirana, 21. September 2014.

[25] Franziskus, Begegnung mit Führern anderer Religionen und anderer christlicher Konfessionen, Tirana,

21. September 2014.

[26] Franziskus, Pressekonferenz des Heiligen Vaters Franziskus während des Rückfluges von Korea, 11. August 2014.

[27] Herausgegeben unter der Leitung von. Jean-Michel di Falco, Timothy Radcliffe, Andrea Riccardi, Livre noir de la condition des chrétiens dans le monde, XO Editions, Paris 2014.

[28] Die ersten 10 Länder sind: Nordkorea, Somalia, Syrien, Irak, Afghanistan, Saudi Arabien, Malediven, Pakistan, Iran, Jemen. Vgl. Le Figaro, 22 Oktober 2014,2.

[29] Die Daten sind entnommen aus Agenzia fides (13.10.2012), die Bezug nehmen auf das Annuarium Statisticum Ecclesiae, Città del Vaticano, 2012.

[30] Katholische Kirche in Deutschland. Zahlen und Fakten. 2012/2013, 28.

[31] Franziskus, Discorso alla Deleganzione dell Assonciazione Internazionale di Diritto Penale, L’Osservatore Romano, 24. Oktober 2014, 4.

[32] Ebd., 4-5.

[33] Franziskus, Begegnung mit Behördenvertretern, Tirana, 21. September 2014.