15 04 25 Vortrag von Nuntius Eterovic "Die christlichen Wurzeln Europas" beim Banking Community in Frankfurt

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Vortrag des Apostolischen Nuntius
Dr. Nikola Eterović
„Die christlichen Wurzeln Europas

Banking Community Frankfurt, 24. April 2015


 
I. Einführung: die missionarische Kirche
 
„Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,19-20). Mit diesen Worten hat der auferstandene Herr vor der Himmelfahrt seinen Jüngern den Auftrag gegeben, das Evangelium allen Nationen zu verkünden und die Frohe Botschaft bis an die Grenzen der Erde zu predigen. Bei diesem Werk werden die Jünger Jesu Christi, die Christen, nicht allein gelassen. Er, der verherrlichte Herr, hat seine bleibende Gegenwart inmitten der Seinen versprochen: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Treu dem Auftrag des Herrn hat die Kirche seit ihren Anfängen diese missionarische Aufgabe ernstgenommen, welche eines ihrer wesentlichen Charakteristika ist. Tatsächlich könnte es eine Kirche, die nicht missionarisch ist, nicht geben, die nicht als Hauptanliegen hätte, Jesus Christus und sein Evangelium den Menschen aller Zeiten zu verkünden. Gott sei Dank wurde das Evangelium nach 2.000 Jahren des Ereignisses von Jesus Christus, seinem Leben, Tod und seiner Auferstehung, auf allen fünf Erdteilen bekannt gemacht. Es gibt aber Kontinente und Länder, wo das Christentum in der Minderheit ist und nicht ausreichend verbreitet. Gemäß den statistischen Daten von 2013 repräsentieren die Christen bei einer Gesamtbevölkerung von 7.094 Milliarden Erdbewohner nur etwa 33%, davon 17,7% Katholiken. Daher bleibt die missionarische Aufgabe aktuell und die Zeit der Missionen ist noch lange nicht vorbei. Schon im Jahr 1990 hat der Heilige Papst Johannes Paul II in seiner Missionsenzyklika Redemptoris missio geschrieben, daß die „Mission ad gentes (an die Völker) noch in ihren Anfängen“ sei (1). Bei diesem erneuerten Werk muss die ganze Kirche beteiligt sein, wie auch der Heilige Vater Franziskus unterstreicht (2). 

Ich bin sehr froh, mein Wort an Sie richten zu dürfen, verehrte Teilnehmer der Banking Community in Frankfurt. Herrn Dr. Wolfgang Tischler danke ich herzlich für die Einladung und die Organisation dieser Begegnung. 

In meinen Ausführungen möchte ich einige bedeutsame Punkte des Zusammenhangs zwischen dem Christentum und unserem uns so lieben europäischen Kontinent aufzeigen. Das Thema ist so weit und bräuchte viel mehr Zeit, um es angemessen in seinen verschiedenen Aspekten zu behandeln. Für hier möge uns genügen, einige Grunddaten zu nennen, um einige Schlaglichter zu werfen, die unserer Reflektion aufhelfen mögen und den fortwährenden Wandel der Ideen verstehen lassen. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriss möchte ich einige signifikante Beiträge des Christentums zur europäischen Kultur benennen, um dann zur aktuellen Situation zu kommen, wo es sowohl relevante positive Aspekte gibt, als auch einige Herausforderungen. 
 
II. Kurzer geschichtlicher Abriss
 
Vom Mittleren Osten her, wo Jesus Christus öffentlich gewirkt hat und das Heilsgeheimnis sich vollendete, hat sich das Christentum schnell in Europa ausgebreitet. Aus verschiedenen geschichtlichen, religiösen und kulturellen Gründen, die für uns Christen Ausdruck der Göttlichen Vorsehung sind, wurde Europa der Kontinent, der am nachdrücklichsten vom Christentum berührt worden ist. Seine Ausbreitung von Jerusalem und von Palästina wurde von positiven Elementen begünstigt: von der sogenannten pax augustana, der Stabilität des Römischen Imperiums, vom gut ausgebauten Straßennetz, wo man sich relativ sicher fortbewegen konnte. Bei der negativen Seite muss man die Christenverfolgung und die Zerstörung Jerusalems (70 n.Chr.) nennen. Rom, die Hauptstadt des Reiches, hat viele Christen angezogen, von denen die Apostel Petrus und Paulus am bekanntesten sind. Beide starben in Rom den Märtyrertod, der Heilige Petrus vermutlich im Jahr 64 und der Heilige Paulus etwa im Jahr 67. Ihre Gräber wurden immer verehrt. Über beiden entstanden in den nachfolgenden Perioden Kapellen und Kirchen. Heute sind es die monumentalen Basiliken von St. Peter und St. Paul vor den Mauern. Die Kirche von Rom hütet mit Stolz und großer Verantwortlichkeit nicht nur die Apostelgräber, das Ziel der Pilgerströme, sondern vor allem deren spirituelles und missionarisches Erbe. Die Nachfolger des Heiligen Petrus haben stets die missionarische Tätigkeit befördert und die Einheit der katholischen und universalen Kirche garantiert. 
 
Die Kirche von Rom hat große Verdienste in der Evangelisierung der Welt. Hierbei kann man verschiedene besondere Phasen unterscheiden. Nach der ersten Verbreitung des Christentums in Europa in apostolischer Zeit, gab es eine segensreiche missionarische Welle nach den sogenannten Barbareneinfällen der neuen Völker, die aus dem nord-östlichen Europa in verschiedene Teile des Römischen Reiches eingedrungen waren. Das ist die Periode der Missionierung der angelsächsischen und slawischen Völker. Mit der Taufe traten viele Völker zugleich ein in eine zivilisierte Welt, indem sie lesen und schreiben lernten. Die Namen einiger heiliger Verkündiger erinnern an diese große Epoche: Augustinus von Canterbury (534-604), Missionar Englands, Bonifatius (680-754) der Apostel Deutschlands, Kyrill (836-869) und Method (815-885) bei den slawischen Völkern. Den zahlreichen heiligen Verkündigern des Evangeliums muss man dafür danken, daß die Mehrheit der Bewohner Europas noch zu 80% Christen sind. Die Zahl der Katholiken beträgt 286.868.000 (39,9%) bei einer Gesamtbevölkerung von 718.706.000. 
 
Ohne mich bei den Einzelheiten aufzuhalten, ist der große Beitrag hervorzuheben, den die Kirche in Europa bei der Evangelisierung Amerikas seit der Entdeckung des amerikanischen Kontinentes im Jahr 1492 hatte. Danach gab es besonders im 19. und 20. Jahrhundert eine beindruckende Zeit der Mission in Afrika, Asien und Ozeanien. Für dieses Werk des Heiligen Geistes und der zahlreichen Missionarinnen und Missionare aus Europa muss man dem einen und dreifaltigen Gott Dank sagen. Auch heute muss die Katholische Kirche in Europa einen bedeutenden Beitrag an den Missionen leisten, auch wenn sie aktuell nur noch einen Anteil von 23% der Katholiken weltweit hat (3).
 
Leider gibt es auch negative Aspekte, die in Europa Platz griffen und negative Folgen auch für die missionarische Tätigkeit hatten. An erster Stelle ist die Spaltung des Christentums zu nennen, die offiziell im Jahre 1054 zwischen der Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche geschah. In der Folge erlebte die Katholische Kirche andere schmerzhafte Teilungen, von denen es vor allem zwei grundlegende gab: die protestantische Reformation (im Jahr 1517 hat Luther durch das Anbringen der 95 Thesen öffentlich mit dem Protest gegen die Kirche von Rom begonnen) und die in den Zeiten von Heinrich VIII. von England (1491-1547) entstandene anglikanische Kirche. Die religiösen Spaltungen hatten sodann tragische Folgen, wie der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) beweist. Verheerende Folgen hatten die beiden Weltkriege, der erste von 1914-1918 und der zweite von 1939-1945, die ausgehend von Europa die ganze Welt in den Abgrund gerissen haben. Diese großen Kriege, die aus politischen und sozialen Motiven entstanden, hatten negative Folgen auch aus religiöser Sicht, denn sie beförderten unter anderem den Prozess der Säkularisierung. 
 
Angesichts dieser schmerzlichen Wirklichkeit können wir aber zwei positive Reaktionen betonen. 
 
a) Die ökumenische Bewegung
 
Die ökumenische Bewegung wurde eine positive und unverzichtbare Erfahrung, auch wenn es nicht wenige Schwierigkeiten und Hindernisse gibt. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben sich Gott sei Dank die Beziehungen zwischen den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sehr verbessert. Die Rückkehr zum gegenseitigen Verstehen und zur Zusammenarbeit der Christen, die zu verschiedenen kirchlichen Denominationen gehören, dürfte die Antworten der Christen angesichts der neuen Herausforderungen der modernen Welt erleichtern, welche die Globalisierung, die Säkularisierung, der Relativismus, der Nihilismus, die Armut, der Hunger, die Epidemien und Kriege etc. sind.
 
b) Der Aufbau der Europäischen Union 
 
Vom sozialen und politischen Gesichtspunkt her ist der Aufbau der Europäischen Union sehr wichtig, die gegenwärtig 28 europäische Staaten versammelt. Das Ideal wäre, daß alle Länder des europäischen Kontinents dort einen Platz finden können. Demgegenüber muss man mit Ländern, die geographisch nur zu einem sehr kleinen Teil in Europa liegen (Türkei oder Kasachstan) oder zu einem wesentlichen Teil wie Russland besondere Beziehungen gestalten. Es gibt auch drei Ländern, die zum asiatischen Kontinent gehören, aber geschichtliche und kulturelle Kontakte mit Europa haben: Armenien, Georgien, Aserbaidschan. 
 
Die Katholische Kirche, insbesondere der Heilige Stuhl, das zentrale Organ der Katholischen Kirche, hat die Einigung Europas mit Sympathie begleitet. Da haben die Päpste gezeigt, angefangen mit Pius XII., der Bischof von Rom im Jahr 1951 war, als die europäische Montanunion von Frankreich, Deutschland, Italien und den Benelux-Staaten gegründet wurde. Es ist daran zu erinnern, daß unter den verantwortlichen Politikern drei praktizierende Christen waren, Glieder der Katholischen Kirche: der erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876-1967), der Italiener Alcide de Gasperi (1881-1954) und der Lothringer Robert Schuman (1886-1963). Bei den Letztgenannten gibt es jeweils einen Prozess zur Seligsprechung. 
 
Die nachfolgenden Päpste haben die europäische Einigung unterstützt. Bemerkenswert ist die Idee des Heiligen Johannes Pauls II., ein Europa vom Atlantik bis zum Ural zu errichten. Er besuchte das Europäische Parlament im Jahr 1988. Zwei Bischofssynoden, die sich besonders mit Europa befassten, hat er vorgestanden, im Jahr 1991 nach dem Fall der Berliner Mauer und dann im Jahr 1999 am Vorabend des großen Jubiläums des Jahres 2000. 
 
Das Interesse des Heiligen Stuhls an Europa dauert an. Das zeigt auch der Besuch des Heiligen Vaters Franziskus beim Europäischen Rat und dem Europaparlament in Straßburg am 25. November 2014. Dieses Ereignis hat eine besondere Bedeutung, weil es sich um den Besuch eines Papstes handelte, der nicht in Europa geboren ist, dem ersten Nichteuropäer auf dem Stuhl Petri seit 1.282 Jahren, d.h. seit dem Jahre 731, als Papst Gregor III. zum Papst gewählt wurde, der aus Syrien stammte. 
 
III. Der Beitrag des Christentums zur Kultur Europas
 
Die Neuheit, die das Christentum der Welt gebracht hat, ist Jesus Christus. Der Heilige Irenäus hat zurecht gelehrt, daß der Herr Jesus in seinem Kommen jede Neuheit mit sich brachte: „Omnem novitatem attulit, semetipsum afferens“ (4) (Er hat jede Neuheit gebracht, indem er sich selbst brachte). Jesus von Nazareth ist der Christus, was die griechische Übersetzung des hebräischen Wortes Messias ist, was bedeutet Gesalbter, was uns das Geheimnis Gottes offenbart hat, wie auch die wahre Natur des Menschen. 
 
Die Vorstellung von Gott. Als Mitglied des erwählten Volkes, Jude von Geburt und durch Bildung, hat Jesus von Nazareth wie die anderen Juden den Gott Israels verehrt, den „Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs“ (Ex 3,15). Als Jesus Christus auf die Frage eines Gesetzeslehrers nach dem größten der Gebote antwortete, hat er die zentrale Bedeutung des Monotheismus betont, den Glauben an den einen Gott: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot“ (Mt 22,37-38). Und er fügte hinzu: „Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten“ (Mt 22,39-40). Jesus Christus hat aber Gott nicht als einen einsamen offenbart, sondern als Gott, der die Liebe ist (vgl. Joh 4,8), die Gemeinschaft der drei Personen: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Jesus Christus ist offenbart als eingeborener Sohn Gottvaters. Auferstanden von den Toten, hat er am Pfingsttag den Heiligen Geist über die Apostel ausgegossen. Im  Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis bekennen wir diese Wahrheit mit der Formel: „Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen“ und fügen sodann hinzu: „Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn“ und „Ich glaube an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht“. Im Glauben an Gott, der uns von Jesus Christus offenbart wurde, bleibt der Monotheismus fundamental, jedoch angereichert durch die Beziehungen zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Um die Wahrheit des einen und dreifaltigen Gottes für die menschliche Vernunft aussagbar zu gestalten, wurden in einem fruchtbaren Dialog mit der griechischen Philosophie die Begriffe Person (πρόσωπον) und Natur (φύσις) eingeführt. Daher gibt es in Gott eine einzige Natur, aber drei göttliche Personen. Diese Begriffe dienen auch dazu, um in Jesus Christus eine Person in zwei Naturen zu benennen, die menschliche und die göttliche Natur. 
 
Die Würde der menschlichen Person. In seiner Antwort auf die Frage des Gesetzeslehrers hat Jesus, wie wir gesehen haben, die Liebe zu Gott und zum Nächsten miteinander verbunden. Auf diese Weise hat Jesus die besondere Rolle des Menschen im Schöpfungsakt Gottes unterstrichen. Im Buch Genesis wird die Erschaffung des Menschen als Höhepunkt der Schöpfung beschrieben. Die Erzählung dieses Aktes ist sehr bedeutsam. „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,27). Gott selbst schuf die menschliche Person nach seinem Abbild. Diesen Schöpfungsakt Gottes kommentiert der Heilige Vater Franziskus in seiner Katechese am Mittwoch, den 15. April, wenn er sagt: „Das bedeutet, daß nicht nur der Mann für sich allein ein Abbild Gottes, nicht nur allein die Frau für sich ein Abbild Gottes ist, sondern Mann und Frau sind auch als Paar ein Abbild Gottes“ (5). Als Jesus Christus das Sakrament der Ehe gründete, das unlösbar ist, hat er Komplementarität von Mann und Frau bekräftigt. Ihre fruchtbare Liebe bezieht sich auf den Schöpfergott, auf dessen Bild hin die menschliche Person geschaffen ist. In derselben Katechese hat daher Papst Franziskus die sogenannte Gendertheorie kritisiert, eine Art neuer Ideologie, die darauf abzielt, die Geschlechterdifferenz aufheben zu wollen.
 
Die sozialen Folgen. Die Bibel, die in der Kirche unter dem Licht des Ereignisses und der Lehre Jesu Christi gelesen wird, bietet wesentliche Elemente für eine christliche Anthropologie, welche die Unwiederholbarkeit und Würde jeder menschlichen Person unterstreicht. Der Herr Jesus hat gelehrt, daß wir alle nur einen Vater haben, der in den Himmeln ist (vgl. Mt 6,9). Daher sind wir alle Kinder dieses Vaters und somit untereinander Brüder und Schwestern. Diese substantielle Gleichheit der Menschen hat und muss weitere wichtige Konsequenzen haben, nicht allein für die Gläubigen, sondern für alle Menschen. Wenn wir der Lehre Jesu Christi folgen, ist das Christentum gegen jede Diskriminierung und tritt ein für die gleiche Würde aller menschlichen Wesen. Der Herr Jesus hat in der Welt den guten Samen des Evangeliums eingepflanzt. Zuweilen hat dieser rasch Früchte getragen. Manchmal handelt es sich um einen Prozess, der sich erst im Laufe der Zeit und auf mühsamen Wegen verwirklicht. Wir können hier die christliche Position zur Sklaverei erwähnen, die ihre Anfänge im Neuen Testament, zum Beispiel im Brief des Heiligen Paulus an Philemon hat. Er empfiehlt Philemon, Onesimus, den Sklaven, der von ihm geflohen war, nicht mehr als Sklaven aufzunehmen, sondern als Bruder im Herrn (vgl. Phil 1,16). Allerdings hatte diese Lehre Jahrhunderte nötig, um in der menschlichen Gemeinschaft wirklich anerkannt zu werden. Auf der anderen Seite bleiben die Fragen der neuen Sklaverei in unseren Tagen höchst aktuell. Papst Franziskus hat vielmals diese noch heute gängige Praxis in fast allen Ländern der Welt stark kritisiert und die neuen Formen der Sklaverei angeprangert: „Menschenhandel, Zwangsarbeit, Prostitution, Organhandel sind schwere Straftaten, ein Stachel im Fleisch der zeitgenössischen Menschheit“ (6).
 
Die Soziallehre der Kirche. Auf das Fundament der Heiligen Schrift, der lebendigen Tradition der Kirche und des Lehramtes gründet sich die Soziallehre der Kirche. Es genügt, an einige wichtige Prinzipien zu erinnern, ohne näher auf die Besonderheiten einzugehen, die aktuell sind für die Beziehungen zwischen den Menschen, den Völkern und Staaten in unserer globalisierten Welt (7). Den wichtigsten Platz nimmt die Familie ein, die fundamentale Zelle der Kirche und der Gesellschaft. Über das Gemeinwohl und die Menschenrechte hinaus sind für die Katholische Kirche folgende Prinzipien sehr wichtig: die universale Bestimmung der Güter, die Subsidiarität, die Teilhabe, die Solidarität, die Würde der Arbeit, das Recht auf Arbeit, die Rechte der Arbeitnehmer, die Solidarität zwischen den Arbeitnehmern. Es handelt sich dabei nicht allein um abstrakte Normen. In ihrer jahrhundertelangen Geschichte hat die Kirche jene Banken und Institute favorisiert, die benachteiligten Personen und Gruppen geholfen haben, die Kleinunternehmer mit Darlehen mit niedrigster Verzinsung. Diese populäre soziale Aktivität müsste auch in unseren Zeiten bedacht und angewandt werden. Die katholischen Unternehmer sollten hier die Vorreiter sein. Die Zusammenarbeit zwischen der Kirche und dem Staat gründet sich auf der bekannten Unterscheidung, die Jesus getroffen hat zwischen der zeitlichen Macht und der geistlichen. Auf die Frage, ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuern zu zahlen, hat der Herr geantwortet: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22,21). Die Katholische Kirche sah sich mit vielen Schwierigkeiten und Missverständnissen konfrontiert von Seiten der verschiedenen politischen Systeme (zum Beispiel im Investiturstreit), bis diese Unterscheidung angewandt wurde, die einerseits der Kirche die Freiheit lässt und der politischen Macht die Autonomie. Auf der anderen Seite schafft diese Unterscheidung günstige Bedingungen für eine wechselseitige Zusammenarbeit auf den unterschiedlichen Feldern und bei gemeinsamen Interessen, so beispielsweise auf dem Gebiet der Bildung und Erziehung, dem Gesundheitswesen und der Caritas, wo Kirche und Staat zum Wohl der Menschen zusammenarbeiten müssen, die oft ja Bürger und Gläubige zugleich sind.
 
Der Begriff der Geschichte. Die Inkarnation Jesus Christi, „das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14), gibt der Geschichte der Welt, unserer Geschichte eine ganz besondere Bedeutung. Gott ist nicht nur der Schöpfer der Welt, sondern wollte in dieser Welt leben, als Mensch unter den Menschen, in allem, außer der Sünde (Hebr 2,17), die menschliche Bedingtheit teilen. Mit seiner Auferstehung, dem geschichtlichen Ereignis, das die Grenzen von Raum und Zeit übersteigt, hat er neue Bedingungen geschaffen für eine Neuschöpfung des Menschen und der Welt, „einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“ (2 Petr 3,13). Die Geschichte hat daher einen wirklichen Wert im Christentum. Sie ist den Menschen gegeben, damit sie Gott und dem Nächsten begegnen können und Anteil nehmen an der Heilsgeschichte. Geschichte ist wirklich, wo sie einen Anfang und ein Ende hat, wie eben auch die menschliche Existenz. Das Christentum, das seine Wurzeln im Judentum hat,  kennt nicht eine Geschichte, die sich wiederholt, sich um Kreise dreht und alles von vorne beginnt, wie es einige orientalische Religionen annehmen. Der lineare Begriff von Geschichte im jüdisch-christlichen Denken gibt dem menschlichen Abenteuer einen entscheidenden Aspekt. Denn jeder Mensch ist vor seine personale und soziale Verantwortung gestellt: in den Jahren seines Lebens hat er sich zu verwirklichen als Mensch und als Glaubender, damit er am Ende seines irdischen Pilgerweges das ewige Heil in der Begegnung mit dem einen und dreifaltigen Gott in der Gemeinschaft der Heiligen empfängt. 
 
Die Anwendung in der Geschichte. Das Christentum hat einen beachtlichen religiösen, kulturellen und sozialen Beitrag auf der ganzen Welt geleistet. Das gilt vor allem für Europa, das vom Christentum durchdrungen wurde. Es genügt, an den unschätzbaren Beitrag der monastischen Orden und Ordensleute zur europäischen Kultur zu erinnern. Die Benediktiner zum Beispiel haben großen Anteil daran, daß die klassische griechisch-lateinische Kultur gerettet und überliefert wurde in einem Europa größter Veränderungen, vor allem im tumulthaften Übergang des Römischen Imperiums zu den Nationen auf dem europäischen Kontinent. Über das kulturelle Erbe hinaus haben sie mit dem Leitwort ora et labora – bete und arbeite - auch den Respekt vor der Arbeit überliefert, wie zu den verschiedenen Techniken der Kultivierung des Bodens und der Produktion. Die zahlreichen Kultorte, die überall in Europa entstanden, wurden sogleich Zentren der Begegnung, der Erziehung und Bildung  und der Caritas, waren sensibel vor allem für die Nöte des Volkes, insbesondere der Armen und Kranken. Die großen Kathedralen, die Meisterwerke des Glaubens und der Architektur, die sich in ganz Europa finden, waren Orte, wo es erste Schulen gab, die sich oft zu Studienzentren entwickelten wie die  renommierten Universitäten in Bologna, Paris, Salamanca, Padua, Krakau, Wien, Heidelberg, Köln, Leipzig. 
 
Seit dieser Zeit gab es viele Veränderungen auf dem europäischen Kontinent. Es reicht, an die Abfolge von Imperien und Nationalstaaten zu denken, an die letzte Welle der Unabhängigkeitserklärungen verschiedener Nationen in Europa nach dem Fall der Berliner Mauer, dem Zeichen der Implosion des diktatorischen kommunistischen Systems, das große Teile Europas beherrschte. Im Lauf der Jahrhunderte wurden verschiedene christliche Werte wie beispielsweise die Brüderlichkeit, die Freiheit und die Gleichheit zum Gemeingut, wenigstens in Europa. Auch unter den neuen sozialen und politischen Bedingungen in Europa setzt die Katholische Kirche ihre Tätigkeit fort, vor allem in der Pastoral. Diese aber wird begleitet vom Einsatz auf den Gebieten der Bildung und Erziehung (besonders in den katholischen Schulen der verschiedenen Formen und Stufen), auf dem Gebiet des Gesundheitswesens (mit den Krankenhäusern, Ambulanzen, Hospizen, Seniorenstätten und den übrigen Orten, wo Menschen in Not geholfen wird), der Caritas (vor allem die Ersthilfe an die Hilfsbedürftigen, durch verschiedene integrale Entwicklungsprogramme der menschlichen Person). 
 
IV. Die christlichen Wurzeln Europas anerkennen für eine Renaissance
 
Kein Mensch guten Willens kann die christlichen Wurzeln Europas leugnen. Der christliche Glaube hat seine Kultur durchdrungen, von denen die großartigen Kathedralen auf dem ganzen Kontinent zeugen. Der christliche Kalender bestimmt das Leben der Europäer, vor allem die Feste zu den wichtigen Tagen im Leben Jesu Christi und der Heiligen. In allen europäischen Staaten feiert man auch heute noch Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Die Mehrheit der Bevölkerung Europas trägt Namen von Heiligen. Die Sprache, die literarische wie die des Alltags, ist durchsetzt von zahlreichen Ausdrücken und Bildern der Bibel. In welcher europäischen Sprache sagt man nicht zum Beispiel, daß auch unter den zwölf Aposteln Jesu sich ein Verräter befand, daß der Name Judas den Verräter Jesu anzeigt und eben jeden Feind, daß der Ausdruck „du bist ein Thomas“ eine Person meint, die Schwierigkeiten im Glauben hat, wie es beim Apostel Thomas der Fall war, und so weiter? 
 
Diesbezüglich hat Kardinal Gianfranco Ravasi, der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur erläutert: „Ich würde den Ausspruch Goethes verwenden, der gesagt hat, daß die Muttersprache Europas das Christentum ist. Wir haben verschiedene Kulturen, aber die Basissprache, mit der wir uns ausdrücken, hat Symbole, Matrizen, Charakteristika, die christlich sind. Und das müssen wir fortdauernd bewahren, denn es handelt sich um ein herrliches Erbe, nicht allein ein religiöses, sondern auch ein zutiefst kulturelles im weiten Sinne“ (8).
 
Trotz dieser Evidenz bestehen einige darauf, die christlichen oder jüdisch-christlichen Wurzeln Europas nicht anzuerkennen. Nach hitzigen Diskussionen wurde beispielsweise im Vertrag über eine Verfassung für Europa, statt die christlichen Wurzeln des Kontinentes zu erwähnen, eine sehr neutrale Formulierung gewählt (9). Einige haben versucht, diese Lösung, welche die Laizität des Staates unterstreicht, zu rechtfertigen. In den Aussagen konnte man eine gewisse Angst spüren, wenn man Bezug auf die christlichen Wurzeln Europas nimmt, würde dem christlichen Glauben zu viel Gewicht beigemessen. Hierauf ist nicht schwierig zu antworten, daß eine rechte Konzeption der Laizität des Staates nicht den christlichen Wurzeln der Bevölkerung widerspricht, wie auch die geförderten Werte zu einem guten Teil christliche Bezüge haben. Es gibt keinen Zweifel, daß auch die anderen Religionen, insbesondere das Judentum und der Islam, ihre Verdienste haben und weiterhin ihren Beitrag zur Bildung und zur Identität Europas leisten. Dennoch kann man nicht den bestimmenden Einfluss des Christentums im Lauf der Geschichte von über fast 2.000 Jahre ignorieren, wie eben auch nicht das Faktum, daß trotz eines starken Säkularisierungsprozesses mehr als 80% der Europäer den christlichen Glauben anerkennen. 
 
Der Heilige Stuhl und die Päpste hatten großes Interesse an Europa und seiner Einigung. Sie haben es nicht versäumt, auf die Europäer zu setzen, vor allem auf die Verantwortlichen angesichts ihrer großen Verantwortung. Als sich offenbart, daß an der Wurzel des Verlustes von Hoffnung, der Europa erfasst hat, die Versuchung steht, eine Anthropologie ohne Gott und ohne Christus zu konstruieren, hat im Jahr 2003 der Heilige Johannes Paul II. festgestellt: „Die europäische Kultur erweckt den Eindruck einer »schweigenden Apostasie» seitens des satten Menschen, der lebt, als ob es Gott nicht gäbe“ (10). In seiner Ansprache an das Europaparlament hat Papst Franziskus unter anderem die Vergreisung und die fehlende Dynamik in Europa hervorgehoben. „Von mehreren Seiten aus gewinnt man den Gesamteindruck der Müdigkeit, der Alterung, die Impression eines Europas, das Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist. Demnach scheinen die großen Ideale, die Europa inspiriert haben, ihre Anziehungskraft verloren zu haben zugunsten von bürokratischen Verwaltungsapparaten seiner Institutionen“ (11).
 
Die Worte der Päpste zur „schweigenden Apostasie“ und zu Europa als „Großmutter“, müde und alt geworden, sollte uns allen als Europäer zu denken geben, jeder nach seiner Verantwortlichkeit. Sie suchen nach einer positiven Reaktion, der Wiederentdeckung des Glaubens, der ersten Liebe der Europäer zu Jesus Christus und zur Kirche, und nach einer erneuerten Liebe zum Leben und für das Leben. Um die Gegenwart Europas zusammenfassen zu können und um seine Zukunft zu planen, ist es unverzichtbar, sich seiner christlichen Wurzeln zu besinnen. Die Christen aller Richtungen müssen sich mehr und besser anstrengen, um ein Europa des Geistes aufzubauen. Das Europa des gemeinsamen Marktes ist ein hohes Gut, aber nicht genug, um Europa eine Seele zu geben, um unserem Kontinent eine neue Dynamik zurück zu geben. Wenn die christlichen Wurzeln wiederbelebt werden, kann und muss der alte Baum Europa neuen Lebenssaft erlangen, neue Energie erleben. Über seine industrielle und technische Bedeutung hinaus könnte Europa so von neuem auch durch die Kraft des Geistes einen der ersten Plätze in der Welt besetzten. Es würde zu einer Oase des Friedens in einer Welt voller Gewalt und Blutvergießen in vielen Kriegen. Europa könnte in überzeugender Weise die Vermittlerrolle erfüllen zwischen den Parteiungen, um den Frieden aufzurichten und zu verbreiten. Indem es die authentischen Rechte des Menschen respektiert, könnte Europa ein erfolgreiches Beispiel für den spirituellen und materiellen Fortschritt auch für die anderen Nationen werden, in denen diese Prinzipien unterdrückt werden. Das soziale und politische Modell der europäischen Staaten, in denen die Bevölkerung leben kann dank des Aufbaus eines Sozialstaates, ist ein Europa, das besonders sensibel für die Bedürfnisse der Menschen in Not ist, für die Armen, die Kranken, die Behinderten, die Immigranten. Es würde ein Beispiel von Entwicklung für die anderen Länder der Welt geben. Ein Europa an der Spitze, um die Entwicklung der armen Länder zu unterstützen, würde den Immigrationsprozess vermindern, der so viele Dramen verursacht, den Tod eingeschlossen, bei den Menschen, die aus ökonomischen Gründen oder aus Motiven mangelnder Sicherheit ihre eigenen Länder verlassen, wie die Tragödien im Mittelmeer in jüngster Zeit zeigen. Ein Europa des spirituellen und materiellen Wohlstandes befände sich in erster Linie im Krieg gegen den Hunger in der Welt, unter dem etwa eine Milliarde unserer Zeitgenossen leidet. Es würde einen großen Beitrag zur Ausrottung von endemischen und epidemischen Krankheiten leisten. 
 
Ein solches Europa brauchen wir, ein Europa, das seine Inspiration aus der Anerkennung seiner christlichen Wurzeln zieht, ein Europa, das offen ist für den Dialog auch mit den Mitgliedern der anderen, nichtchristlichen Religionen und mit allen Menschen guten Willens. Ein Europa des gemeinsamen Marktes, aber vor allem des Geistes, dem Leuchtturm unserer Menschheit. Dafür beten wir und hierfür wollen wir arbeiten, indem über uns alle und über den so teuren Kontinent Europa der Segen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes herabgerufen werde. 
 
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. 
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[1] Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio, 40.

[2] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 20. 
[3] Nach den statistischen Angaben des Annuarium Statisticum Ecclesia 2013 lebt die Mehrheit der Katholiken, nämlich 49%, in Amerika. 16,4% sind es in Afrika, 10.9% in Asien und 08% in Ozeanien.

[4] Adversus haereses, IV. c 34, n. 1: PG 7 pars prior, 1083. Von Papst Franziskus zitiert im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium 11.

[5] Franziskus, La Famiglia. 10. Maschio e Femmina (i), L’Osservatore Romano, 16 aprile, p. 8.

[6] Franziskus, Discorso ai partecipanti alla Sessione plenaria della Pontificia Accademia delle Scienze Sociali, L’Osservatore Romano, 19 aprile 2015, p. 8.

[7] Diese Themen sind breit ausgeführt im Kompendium der Soziallehre der Kirche, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano 2004. In deutscher Sprache erschienen in Freiburg in der 3. Auflage 2014.

[8] Gianfranco Ravasi, Preghiera per l’Europa: costruire continente sulle radici cristiane, Radio Vaticana, 9 aprile 2015.

[9] In der Präambel des Vertrages über eine Verfassung für Europa in der Fassung vom 29. Oktober 2004 heißt es: „SCHÖPFEND aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben,“

[10] Johannes Paul II, Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Europa, 28. Juni 2003, 9. 

[11] Franziskus, Ansprache an das Europaparlament, L’Osservatore Romano, 26. November 2014, S. 8.