Predigt von Nuntius Eterovic am 24. Sonntag im Jahreskreis

Apostolische Nuntiatur, 17. September 2023

(Sir 27, 30 – 28, 7; Ps 103; Röm 14,7-9; Mt 18,21-35)

„Bis zu siebzigmal siebenmal“ vergeben. (Mt 18, 20).

Liebe Schwestern und Brüder,

das Wort Gottes dieses 24. Sonntages im Jahreskreis spricht vor allem von den großen Themen der Vergebung und der Barmherzigkeit. Öffnen wir unsere Herzen für die Gnade des Heiligen Geistes, damit wir besser die verstehen, wie groß Gottes Barmherzigkeit ist. Er hat sich bereits im Alten Testament als „ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“ (Ex 34,6) zu erkennen gegeben. Jesus Christus hat diese Dimension der Liebe des dreieinigen Gottes weiter offenbart (I). Diese Botschaft fordert alle Christen heraus, denn wir sind alle Sünder und bedürfen der Vergebung durch Gott und die Menschen (II).

I) Gott ist „barmherzig und gnädig“ (Ex 34,6).

Aufgrund einer reduzierten Lesart der Bücher des Alten Testaments wird die moralische Lehre des Judentums manchmal mit dem Ausdruck „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ (Ex 21,24; Lev 24,20) dargestellt. Die Realität ist jedoch vielfältiger. Dies wird durch die erste Lesung aus dem Buch Jesus Sirach bestätigt. Es handelt sich um das letzte Buch des Alten Testaments, das um die Jahre 120-80 vor Christus in griechischer Sprache verfasst wurde, um die Überlegenheit der von Gott inspirierten jüdischen Weisheit, die durch das Gesetz an das auserwählte Volk weitergegeben wurde, gegenüber der heidnischen Philosophie aufzuzeigen. Der vom Heiligen Geist inspirierte Autor weist auf die negative Kraft des Zorns hin: „Groll und Zorn, auch diese sind Gräuel und ein sündiger Mann hält an ihnen fest.“ (Sir, 27, 30). Auch die Rache soll keinen Platz im Herzen des Gläubigen haben: „Wer sich rächt, erfährt Rache vom Herrn; seine Sünden behält er gewiss im Gedächtnis.“ (Sir 28,1). Nur wenn der Mensch die Verfehlungen seines Nächsten vergibt, kann er sein Herz läutern und wirklich beten, und sein Gebet wird Gott gefällig sein. „Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben!“ (Sir 28,2). Der inspirierte Verfasser weiß, dass es für die Menschen schwierig ist, dies zu befolgen und erklärt, aus welchem Grund es sinnvoll ist. Zunächst einmal währt unser Leben nur eine kurze Spanne und sollte daher in Frieden und Eintracht verbracht werden. „Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft, denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu!“ (Sir 28,6). Zudem geht es um unsere Verpflichtung, den Geboten Gottes treu zu sein: „Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler!“ (Sir 28,7).

II) „bis zu siebzigmal siebenmal“ vergeben (Mt 18,22).

Jesus Christus bringt die Lehre des Alten Testaments zu ihrer Fülle. Das zeigt sich schon im Gespräch mit Simon Petrus. Auf die Frage des Apostels, ob es ausreiche, seinem Bruder bis zu siebenmal zu vergeben, antwortete der Herr: „Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.“ (Mt 18,22). Um seine Gedanken über die Barmherzigkeit Gottes und die Anforderungen an die Gläubigen weiter zu erläutern, erzählte Jesus das Gleichnis von zwei Männern, die beide verschuldet sind, sich aber ihrem Schuldner gegenüber unterschiedlich verhalten. Jesus kritisiert die Haltung des Knechtes, dem vom großzügigen König Schulden über eine enorme Summe, heute würden wir sagen Millionen, erlassen wurden. Er selbst aber handelte ganz anders und erließ seinem Kollegen, einem anderen Knecht, nicht die Schuld von hundert Denaren. Auch dies war eine beträchtliche Summe und entsprach dem Lohn für hundert Tage Arbeit, war aber viel, 600.000 Mal weniger als was ihm selbst vorher erlassen worden war. Als der König hörte, was geschehen war, verurteilte er den bösen Knecht, der seinem Bruder nicht verzeihen wollte, und bestrafte ihn hart (vgl. Mt 18,32-34).

Jesus folgerte nun: „Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt“ (Mt 18,35), sollte uns dazu bringen, über die Echtheit unseres christlichen Lebens nachzudenken. Wir wissen, dass Jesus das menschgewordene Antlitz der Barmherzigkeit Gottes, des Vaters, ist. Wir brauchen nur an das Gebet par excellence, das Vaterunser, zu denken, dass Jesus uns gelehrt hat und in dem wir Gott, den Vater, bitten: „Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben!“ (Mt 6,12). Jesus vergab allen, die mit Reue zu ihm kamen. Erinnern wir uns zum Beispiel an sein Verhalten gegenüber dem Gelähmten, der nicht nur die körperliche, sondern auch eine geistige Heilung brauchte: „Damit ihr aber erkennt, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – sagte er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus!“ (Mt 9,6).

Jesus Christus fordert uns eindringlich auf: „Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden!“ (Lk 6,37). Vergebung ist die Gnade Gottes, die unser Herz von der oft erdrückenden Last des Grolls und des Zorns gegenüber den Menschen befreit, die uns beleidigt haben. Um von Herzen zu verzeihen, brauchen wir die Kraft der Gnade. Denken wir an Eltern, die im Glauben die Kraft finden, den Mord an einem ihrer Kinder zu vergeben. Das kann im Krieg, aber auch in Friedenszeiten geschehen. Die heldenhafte Haltung dieser Menschen ist nur aus einem gelebten Glauben heraus möglich, ist für sie dann aber in mehrfacher Hinsicht befreiend. Vor allem haben sie ihr Herz von feindseligen Gefühlen wie Gereiztheit und Wut befreit und konnten neu beginnen. Außerdem konnten sie durch die Vergebung den Teufelskreis von Hass und Rache durchbrechen, wie er zum Beispiel in manchen Unterweltgruppen besteht. Vergebung befreit also von der Last des Hasses und der Böswilligkeit und trägt dazu bei, Feindschaft und Feindseligkeit in der Gesellschaft abzubauen.

Vergebung setzt Gegenseitigkeit voraus, die leider oft nicht gegeben ist. Die Person, die uns beleidigt hat, sollte sich dessen bewusst sein und um Vergebung bitten. Das gilt für den Einzelnen, aber auch für die Völker. Der Heilige Johannes Paul II. hat das so ausgedrückt: „Lasst uns vergeben und um Vergebung bitten.“ Dabei ging es um die Erfahrung der Versöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber dieser goldene Grundsatz bleibt immer aktuell. Es sollte auch für den tragischen Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine gelten. Natürlich gibt es besondere Situationen, in denen es um kriminelle Handlungen geht, zum Beispiel Kriegsverbrechen, deren Täter gefunden und vor Gericht gestellt werden müssen. Aber ohne Vergebung kommt man nicht aus der Logik „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ und damit aus dem ständigen Kreislauf der Gewalt heraus.

Wenn der Bruder nicht bereut, kann der Glaubende, der schon vergeben hat, für seine Bekehrung beten, damit er erkennt, dass er gesündigt hat, seine Tat bereut und die Kraft findet, um Vergebung zu bitten.

Liebe Brüder und Schwestern, vertrauen wir diese Gedanken der Fürsprache der Seligen Jungfrau Maria an, Mutter der Barmherzigkeit, damit sie für uns alle die Gabe der Vergebung und des Friedens erbitte, gemäß der Weisung des Herrn, „nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal“ zu vergeben.
Amen.

Zurück