Predigt von Nuntius Eterovic am 3. Ostersonntag

Apostolische Nuntiatur, 23. April 2023

(Apg 2,14.22-33; Ps 16; 1 Petr 1,17-21; Lk 24,13-35)

„Und er legte ihnen dar…, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24,27).

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Geschichte jener zwei Jünger, die Jesus auf ihrem Weg von Jerusalem nach Emmaus begegneten, ist sehr bekannt und bedeutungsvoll. Ich möchte bei drei Aspekten des biblischen Abschnitts verweilen, die anzeigen, wie auch wir als Christen des 21. Jahrhunderts dem auferstandenen Herrn begegnen können, der unter uns gegenwärtig ist. Es sind begnadete Wege, die uns zur Verfügung stehen und persönlich oder als Glieder der kirchlichen Gemeinschaft zur Begegnung mit dem Sieger über Sünde und Tod führen, der von sich selbst sagt: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe, ich lebe in alle Ewigkeit und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt“ (Offb 1,17-18). Diese Gnadenwege sind die Heilige Schrift (I), die Sakramente (II) und die Werke der Liebe (III).

1. „Und er legte ihnen dar …, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24,27).

Die beiden Jünger waren vom Tod ihres Meisters Jesus tief betroffen. Sie hatten einen starken Messias erwartet, der die Macht des römischen Imperiums besiegen könne, und erlebten einen schwachen Jesus, der verurteilt und gekreuzigt wurde und gestorben ist. Der auferstandene Herr aber wollte den beiden, wie auch uns allen, die Bedeutung des Leidens näherbringen, was schon in jenen Stellen der Bibel vorgezeichnet war, die sich auf den Messias beziehen. Nach der freundlichen Zurechtweisung: „Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben“, sagte Jesus: „Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen?“, woraufhin er ihnen den wahren Sinn der Schrift erschloss, „ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht“ (Lk 24,25-27).

Liebe Brüder und Schwestern, Jesus Christus lehrt uns, dass die Schriften von ihm sprechen. Er bezieht sich auf jene Bücher, die wir das Alte Testament nennen. Die Aussagen des Herrn Jesus sind sehr wichtig, insofern Er der erste und maßgebliche Exeget der heiligen Bücher ist, die gemäß Ihm von Anfang an von Ihm sprechen. Mit seinen Reflexionen bekommt die Kirche diesen Schlüssel der Auslegung und erkennt auch im Alten Testament die Verheißungen des Neuen Testamentes, was in dem Satz des heiligen Augustinus zusammengefasst ist: „Novum in Vetere latet et in Novo Vetus patet“ – „Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, das Alte wird im Neuen offenbar“ (Hept 2,73).

Somit sind wir ermuntert, die Heilige Schrift mit dem christologischen Schlüssel zu lesen, wie es uns der Herr Jesus gezeigt hat. Um dieses Werk zu erfüllen, genügt nicht das einfache Lesen. Auch die beiden Emmausjünger kannten die Schriften des Alten Testamentes gut, doch erkannten sie die Bezüge auf den Messias nicht, der durch Leiden siegen werde. Der heilige Hieronymus machte eine ähnliche Erfahrung. Für ihn war die Lektüre der Bibel weniger interessant, als es die der lateinischen Schriftsteller war, wie beispielsweise des Cicero. In einem Brief an Eustachius (XXII, 30) erzählt Hieronymus von einem Traum, in dem ihm Jesus vorwarf, „ein Ciceronianer zu sein, aber kein Christ“. Danach weihte er sein ganzes Leben dem Studium und der Auslegung der Bibel. Für ein fruchtbares Verständnis der Heiligen Schrift muss zur literarischen Lektüre des Textes die geistliche Lesung hinzutreten, die sodann in der Tradition der Kirche unterschieden wird in den allegorischen, den moralischen und anagogischen Schriftsinn (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche 114-119). Unter den zuweilen sperrigen Buchstaben verbirgt sich eine unerwartete Tiefe der göttlichen Offenbarung, die fähig ist, zu jedem Menschen guten Willens zu sprechen, der ehrlichen Herzens das Angesicht Gottes sucht.

2. „Er nahm das Brot“ (Lk 24,30).

Eine sichere Weise, dem auferstandenen Herrn zu begegnen, ist die Feier der Sakramente. Alle sieben Sakramente erlauben uns die Begegnung mit Jesus Christus, der siegreich über Sünde und Tod ist, angefangen mit dem ersten, dem grundlegenden Sakrament der Taufe. Sie empfängt man nur einmal im Leben, wie auch die Firmung. Das dritte Initiationssakrament, die Eucharistie, das vom Sakrament der Versöhnung begleitet wird, empfangen wir hingegen immerfort, jeden Sonntag, ja jeden Tag. Wie wir im heutigen Evangelium hörten, haben die beiden Jünger den Herrn im eucharistischen Zusammenhang erkannt. Der Bericht des Evangelisten Lukas ist wesentlich: „Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn“ (Lk 24,30-31).

Der Weisung des Herrn gehorsam: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19), hat die Kirche die Eucharistie gläubig gefeiert, wie es der heilige Paulus im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth bezeugt (vgl. 1 Kor 11,23-26). Der heilige Märtyrer Justin beschreibt im Jahr 155 die Weise der Feier der Heiligen Messe aus Wortgottesdienst und Eucharistiefeier, so wie auch wir sie heute noch kennen. Nähern auch wir uns, liebe Schwestern und Brüder, dem großen Geheimnis der Eucharistie mit den Augen des Glaubens, um Jesus Christus in der Feier seines Ostergeheimnisses begegnen zu können. Im ihrem Verlauf hören wir Abschnitte der Schrift, die von der weisen Pädagogik der Kirche auf die liturgischen Zeiten hin ausgewählt wurden. Wir müssen uns vorbereiten auf die eucharistische Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, der wirklich gegenwärtig ist unter den Gestalten von Brot und Wein.

3. „Noch in derselben Stunde brachen sie auf“ (Lk 24,33).

Der dritte begnadete Weg zur Begegnung mit dem auferstandenen Herrn sind die Werke der Liebe (Caritas). Das erste dieser caritativen Werke ist die Verkündigung. Die Freude über die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus kann nicht allein in den Herzen der beiden Jünger verborgen bleiben. Sie mussten vielmehr die gute Nachricht mit den anderen teilen. Daher kehrten die beiden schnellstens nach Jerusalem zurück, um zu berichten, „was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach“ (Lk 24,33). Ihre Freude wird noch größer, als sie von den Erscheinungen Jesu hörten, von denen „die Elf und die mit ihnen versammelt waren“ (Lk 24,33) berichten: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen“ (Lk 24,34).

Es ist, wie der heilige Paulus schreibt, dass der Glaube vom Hören kommt (vgl. Röm 10,17). Hören setzt eine Botschaft voraus, die gehört werden kann, was wiederum eine Person verlangt, die fähig ist, die gute Nachricht zu jeder Zeit an jeden Ort zu bringen. Der Glaube an den auferstandenen Herrn verwandelt sodann notwendigerweise die Herzen der Christen, wenn sie die Aktualität des neuen und großen Gebots der Liebe zu Gott und dem Nächsten (vgl. Mk 12,28-31) entdecken, vor allem gegenüber den materiell und geistlich Hilfsbedürftigen. Die Begegnung mit dem lebendigen Jesus in Wort und Eucharistie setzt sich fort in der Begegnung mit jedem Armen oder an den Rand der Gesellschaft Gedrängten. Der Herr selbst sagt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Die Sprache der Liebe ist universal und wird von allen verstanden. Durch sie bezeugen die Christen überzeugend ihren Glauben an den auferstandenen Herrn und werden so ohne viele Worte zu eifrigen Jüngern Jesu Christi und Kündern seines Evangeliums der Liebe.

Liebe Schwestern und Brüder, vertrauen wir unsere Überlegungen der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, der Königin des Himmels, auf dass auch wir immer wieder ihrem auferstandenen Sohn im Wort Gottes, in der Eucharistie und in den Werken der Liebe begegnen können. Amen.

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