Predigt von Nuntius Eterovic am 3. Ostersonntag

Apostolische Nuntiatur, 18. April 2021

(Apg 3,13-15.17-19; Ps 5; 1 Joh 2,1-5; Lk 24,35-48)

„Ihr seid Zeugen dafür“ (Lk 24,48).

Liebe Schwestern und Brüder,

in der Beschreibung der Begegnung des auferstandenen Jesus mit seinen Jüngern legt der Evangelist Lukas Wert auf zwei wichtige Aspekte: die Materialität des Herrenleibes (I) und das Zeugnis der Schrift für ihn (II). Daher muss jeder Jünger des Herrn, jeder Christ Zeuge sein (III).

1. „Fasst mich doch an und begreift“ (Lk 24,39).

Die Jünger waren überrascht, den auferstandenen Herrn zu sehen. Als er sie grüßte: „Der Friede sei mit euch“ (Lk 24,36), bekamen sie „große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen“ (Lk 24,37). Jesus nahm ihre Zweifel wahr und wollte sie auf rationale Weise überzeugen: „Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht“ (Lk 24,39). Als nichts half, ihre Vorbehalte zu beseitigen, zeigte er ihnen die Wundmale, die an seinem Leib sichtbar waren: „Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst“ (Lk 24,39). Seine Wundmale geben Zeugnis für den auferstandenen Herrn. Als die Jünger die Gegenwart des auferstandenen Jesus wahrnahmen, schwankte ihre Stimmung zwischen Erstaunen und Freude. Um all ihre Zweifel zu zerstreuen, akzeptierte Jesus, mit seinen Jüngern den gebratenen Fisch zu essen.

Das Beharren Jesu auf der materiellen Wirklichkeit seines Auferstehungsleibes ist für uns Christen von Bedeutung. Es unterstreicht nämlich, wie wichtig unser Leib ist, der vom allmächtigen Gott gegeben wurde, der uns mit Leib und Seele geschaffen hat. Im Unterschied zur Konzeption der griechischen Philosophie, welche die Ewigkeit der Seele lehrt, den Leib aber eher als deren Gefängnis betrachtet, hat das Christentum eine ganzheitliche Sicht von Seele und Leib, die beide die menschliche Person formen. Offensichtlich hatte der Auferstehungsleib des Herrn eine vom sterblichen Leib unterschiedene Dimension. Er konnte beispielsweise durch geschlossene Türen gehen; die Jünger konnten ihn nicht sogleich erkennen. Der auferstandene Herr übersteigt die Dimensionen von Zeit und Raum, die unsere menschliche Natur charakterisieren. Gleichzeitig aber war sein Leib real, was die Wundmale zeigen, welche die Jünger nicht nur sehen, sondern auch berühren konnten. Er konnte essen, sprechen und mit menschlichen Gesten ausdrücken. Diese Tatsache lässt uns in rechter Weise unseren geschaffenen Leib betrachten, der nach dem Willen des guten und barmherzigen Gottes der Tempel des Heiligen Geistes geworden ist (vgl. 1 Kor 6,19). Daher muss der Christ auf seinen Leib achten, auf seine und des Nächsten Gesundheit. Diese Wahrheit wird in schwierigen Zeiten einer Pandemie, wie jetzt durch die Verbreitung des Covid19-Virus, besonders wichtig. Christen und alle Menschen guten Willens sind aufgefordert, gegen diese Krankheit zu kämpfen, auch mit medizinischen Mitteln oder durch Impfung, um auf diese Weise eine noch größere Zahl von Opfern zu vermeiden. Unser Leib ist sterblich. Alle werden wir an einem von Gott bestimmten Tage sterben. Aber angesichts dieser Feststellung tröstet uns die Auferstehung Jesu Christi und sein verherrlichter, verwandelter Leib. Da Jesus „der Erstgeborene der Toten“ ist (vgl. Kol 1,18), glauben wir, dass auch wir im Herrn Jesus Christus mit Leib und Seele zum ewigen Leben auferstehen werden.

2. „So steht es geschrieben“ (Lk 24,46).

Der zweite Aspekt, auf den der auferstandene Herr besteht, ist die Kenntnis der Schrift. Er erwähnt ausdrücklich die Schriften des jüdischen Volkes, die wir das Alte Testament nennen: das Gesetz, die Propheten und die Psalmen. Jesus will die Erinnerung der Jünger auffrischen, indem er sie an seine Lehre erinnert, wo er stets auf die Schrift Bezug genommen hat, und sie sollen im Licht des Sieges über Sünde und Tod begreifen: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht“ (Lk 24,44). Mit diesen Worten öffnet ihnen der exzellente Exeget Jesus den Geist zum Verständnis der Schrift. Der Evangelist berichtet sodann die Synthese unseres Glaubensbekenntnisses, das jeder Christ nicht nur theoretisch kennen, sondern worüber er meditieren und in die Praxis umzusetzen suchen soll: „So steht es geschrieben: Der Christus wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem“ (Lk 24,46-47).

Das Ostergeheimnis ist die Quelle der Versöhnung zwischen Gott und Mensch, wie auch zwischen den Menschen. Es ruft sie zur Umkehr, die über das Bußsakrament zum wahren Frieden führt, zur Frucht der Vergebung der Sünden und zur Reinigung der Herzen. Dieser Heilsprozess beginnt in Jerusalem, dem Ort des Todes, der Auferstehung und der Himmelfahrt des Herrn. Wenn Jerusalem das Zentrum ist, dann ist die ganze Welt Empfänger der guten Nachricht von der Auferstehung Jesu Christi, des „Erstgeborenen unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29).

Verweilen wir aber bei der Bedeutung der Schrift gemäß der Lehre Jesu Christi. In den siebenundzwanzig Büchern des Neuen Testamentes kommt die Wendung und der Bezug auf die Schrift häufig vor. Es genügt, an die synoptischen Evangelien zu erinnern. Gleich zu Beginn des Markusevangeliums heißt es: „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn. Wie geschrieben steht beim Propheten Jesaja“ (Mk 1,1-2). Die Ablehnung Jesu auf die Versuchungen des Teufels beginnen jedes Mal mit den Worten: „Es steht geschrieben“ (vgl. Lk 4,4.7.10). Jesus begründet mit der Schrift den Vorwurf an Vertreter seines Volkes, Gott nur äußerlich, mit den Lippen zu verehren (vgl. Mk 7,6), er spricht vom Kommen des Elia (vgl. Mt 9,11.13), von der Sendung des Täufers Johannes (vgl. Mt 11,10; Lk 7,27), vom obersten Gebot (vgl. Lk 10,26). Mit Bezug auf die Schrift rechtfertigt Jesus die Tempelreinigung (vgl. Mt 21,12; Lk 19,45). Die Hinwendung zur Schrift findet sich oft in den entscheidenden Momenten im Leben des Herrn, wie auf dem Leidensweg (vgl. Mk 14,21.26; Mt 26,24.31) und bei der Auferstehung (vgl. Lk 24,45).

3. „Ihr seid Zeugen dafür“ (Lk 24,48).

Der Herr Jesus ermuntert seine Jünger, Zeugen seiner Auferstehung zu sein. Jesus Christus ist mit einem verherrlichten, verwandelten, geistlichen Leib auferstanden und in seiner Kirche und unter den Menschen gegenwärtig, was die Schrift bezeugt. Es handelt sich nicht um ein Gespenst, sondern um eine konkrete Person, der auch wir durch den Glauben auf personale Weise und im Schoß der Kirche begegnen können, vor allem in den Sakramenten. Der auferstandene Herr hat uns vor allem die Gnade geschenkt, ihn im Sakrament der Eucharistie berühren zu können, wenn wir die Kommunion empfangen und seinen Leib essen und sein Blut trinken. Der auferstandene Jesus ist auch in unseren Schwestern und Brüdern gegenwärtig, die nach dem Bild Gottes geschaffen sind (vgl. Gen 1,26-27), vor allem in den Armen, Kranken und in jenen, deren Wunden an die des Herrn Jesus erinnern.

Um an den auferstandenen Herrn zu glauben, ist es nötig, die Schrift gut zu kennen. Das also ist die andere Dimension des christlichen Zeugnisses. Die Heilige Schrift führt uns durch den Heilsprozess Gottes, der das ganze Menschengeschlecht betrifft und den zentralen Höhepunkt im Ostergeheimnis Jesu Christi hat. Von all dem soll der Christ Zeugnis ablegen, nicht allein mit Worten, sondern vor allem durch sein persönliches Leben in der Familie, der Kirche und in der Gesellschaft.

Auf die Fürsprache der seligsten Jungfrau Maria, der Königin des Himmels, erflehen wir die Gnade des Heiligen Geistes, um immer mehr zu Zeugen des auferstandenen Herrn Jesus Christus zu werden, der unter uns gegenwärtig ist. Amen.

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