17 09 25 Grußwort von Nuntius Eterovic zur Eröffnung der Herbstvollversammlung der DBK in Fulda

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Grußwort
des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
zur Eröffnung der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Fulda, 25. September 2017


 
“Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber nicht nur das, sondern auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Heiligen Geist haben, auch wir seufzen in unseren Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden“ (Röm 8,22-23).
 
Eminenzen, Exzellenzen, liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst!
 
Dieses Zitat aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer ist der erste biblische Bezug, den der Heilige Vater Franziskus in seiner Enzyklika Laudato si’ nimmt: „Darum befindet sich unter den am meisten verwahrlosten und misshandelten Armen diese unsere unterdrückte und verwüstete Erde, die ‚seufzt und in Geburtswehen liegt‘ (Röm 8,22)“. Gleichzeitig beklagt der Papst, „wir vergessen, dass wir selber Erde sind (vgl. Gen 2,7)“.
 
Mit Freude habe ich aufgenommen, dass im Programm der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz ein halber Studientag zur Enzyklika Laudato si’ vorgesehen ist. Sie wurde am 24. Mai 2015 veröffentlicht und fand in der ganzen Welt große Beachtung, auch außerhalb der Katholischen Kirche. Aus diesem Grund schien es mir angebracht, einen kleinen Beitrag anzubieten, der sich mit den biblischen Bezügen des päpstlichen Dokuments befasst. Die Heilige Schrift zeigt die Schöpfung als Werk Gottes. Die Natur gibt sich als „ein prächtiges Buch zu erkennen, in dem Gott zu uns spricht und einen Abglanz seiner Schönheit und Güte aufscheinen lässt: ‚Von der Größe und Schönheit der Geschöpfe lässt sich auf ihren Schöpfer schließen‘ (Weish 13,5), und ‚seine unsichtbare Wirklichkeit [wird] an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit‘ (Röm 1,20)“.
 
Von den sechs Kapiteln der Enzyklika enthält das zweite am meisten Zitate der Heiligen Schrift. So ist es folgerichtig, dass es den Titel „Das Evangelium von der Schöpfung” trägt (I). Hier gibt es die Bezüge zum Alten und zum Neuen Testament. Aber auch in den anderen Kapiteln gibt es biblische Bezugspunkte (II). Hiervon ausgehend, werden einige zusammenfassende Anmerkungen gemacht (III). 
 
I) Das Evangelium von der Schöpfung.
 
Von den zahlreichen biblischen Zitaten im zweiten Kapitel möchte ich vor allem diejenigen hervorheben, die der Heilige Vater ausdrücklich zitiert, ohne all die anderen Bezüge zu nennen, die sehr zahlreich sind. 
 
A) Das Alte Testament.
 
Indem er sich auf die Schöpfungsberichte bezieht, schreibt Papst Franziskus: „In der ersten Schilderung des Schöpfungswerkes im Buch Genesis schließt der Plan Gottes die Erschaffung der Menschheit ein. Nach der Erschaffung des Menschen heißt es: ‚Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut‘ (Gen 1,31). Die Bibel lehrt, dass jeder Mensch aus Liebe erschaffen wurde, als Abbild Gottes und ihm ähnlich (vgl. Gen 1,26)“ . Es handelt sich dabei um ein Werk der ordnenden Weisheit des Logos, das uns mit Freude erfüllen muss. „Was für eine wunderbare Gewissheit ist es, dass das Leben eines jeden Menschen sich nicht in einem hoffnungslosen Chaos verliert, in einer Welt, die dem puren Zufall unterliegt oder Zyklen, die sich sinnlos wiederholen! Der Schöpfer kann zu jedem von uns sagen: ‚Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen‘ (Jer 1,5)“.
 
Der Heilige Vater besteht auf der Tatsache, dass Gott die Welt der Sorge des Menschen anvertraut hat, dem Geschöpf nach seinem Abbild und ihm ähnlich (vgl. Gen 1,26). „Es ist wichtig, die biblischen Texte in ihrem Zusammenhang zu lesen, mit einer geeigneten Hermeneutik, und daran zu erinnern, dass sie uns einladen, den Garten der Welt zu ‚bebauen‘ und zu ‚hüten‘ (vgl. Gen 2,15). Während ‚bebauen‘ kultivieren, pflügen oder bewirtschaften bedeutet, ist mit ‚hüten‘ schützen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen gemeint. Das schließt eine Beziehung verantwortlicher Wechselseitigkeit zwischen dem Menschen und der Natur ein. Jede Gemeinschaft darf von der Erde das nehmen, was sie zu ihrem Überleben braucht, hat aber auch die Pflicht, sie zu schützen und das Fortbestehen ihrer Fruchtbarkeit für die kommenden Generationen zu gewährleisten. Denn ‚dem Herrn gehört die Erde‘ (Ps 24,1), ihm gehört letztlich ‚die Erde und alles, was auf ihr lebt‘ (Dtn 10,14). Darum lehnt Gott jeden Anspruch auf absolutes Eigentum ab: ‚Das Land darf nicht endgültig verkauft werden; denn das Land gehört mir, und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir‘ (Lev 25,23)“.
 
Die Tatsache, dass die Erde von Gott geschaffen wurde, schließt ein, dass der Mensch „die Gesetze der Natur und die empfindlichen Gleichgewichte unter den Geschöpfen auf dieser Welt respektiert, ‚denn er gebot, und sie waren erschaffen. Er stellte sie hin für immer und ewig, er gab ihnen ein Gesetz, das sie nicht übertreten‘ (Ps 148,5b-6). Daher kommt es, dass die biblische Gesetzessammlung sich damit aufhält, dem Menschen verschiedene Vorschriften nicht nur in Beziehung zu den anderen Menschen, sondern auch in Beziehung zu den anderen Lebewesen zu geben: ‚Du sollst nicht untätig zusehen, wie ein Esel oder ein Ochse deines Bruders auf dem Weg zusammenbricht. Du sollst dann nicht so tun, als gingen sie dich nichts an […] Wenn du unterwegs auf einem Baum oder auf der Erde zufällig ein Vogelnest mit Jungen oder mit Eiern darin findest und die Mutter auf den Jungen oder auf den Eiern sitzt, sollst du die Mutter nicht zusammen mit den Jungen herausnehmen‘ (Dtn 22,4.6). Auf dieser Linie wird die Ruhe am siebten Tag nicht nur für den Menschen vorgeschrieben, sondern auch, ‚damit dein Rind und dein Esel ausruhen‘ (Ex 23,12)“ . „Wegen seiner einzigartigen Würde und weil er mit Vernunft begabt ist, ist der Mensch aufgerufen, die Schöpfung mit ihren inneren Gesetzen zu respektieren, denn ‚der Herr hat die Erde mit Weisheit gegründet‘ (Spr 3,19)“.
 
Die Sünde des Menschen hat die Harmonie der Schöpfung zerstört, denn hier ist alles in Beziehung, die menschlichen Beziehungen und jene mit der Schöpfung, wie die Erzählung von Kain und Abel zeigt. „Die Eifersucht [Kains führte dazu], das extreme Unrecht gegen seinen Bruder zu verüben. Das wiederum verursachte einen Bruch der Beziehung zwischen Kain und Gott sowie zwischen Kain und dem Land, aus dem er vertrieben wurde. Diese Textstelle ist in dem dramatischen Gespräch Gottes mit Kain zusammengefasst. Gott fragt: ‚Wo ist dein Bruder Abel?‘ Kain antwortet, er wisse es nicht, und Gott beharrt: ‚Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden. So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden‘ (Gen 4,9-11)“ . „Wenn alle diese Beziehungen vernachlässigt werden, wenn die Gerechtigkeit nicht mehr im Lande wohnt, dann – sagt uns die Bibel – ist das gesamte Leben in Gefahr. Das ist es, was uns die Erzählung von Noach lehrt, als Gott droht, die Menschheit zu vernichten wegen ihrer andauernden Unfähigkeit, entsprechend den Anforderungen von Gerechtigkeit und Frieden zu leben: ‚Ich sehe, das Ende aller Wesen aus Fleisch ist da; denn durch sie ist die Erde voller Gewalttat‘ (Gen 6,13)“.
 
Gott aber verlässt den Menschen nicht, sondern schenkt ihm eine andere Möglichkeit der Rettung. „Obwohl ‚auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm‘ (Gen 6,5) und es Gott ‚reute […], auf der Erde den Menschen gemacht zu haben‘ (Gen 6,6), entschied er doch, über Noach, der noch rechtschaffen und gerecht geblieben war, einen Weg zur Rettung zu öffnen. So gab er der Menschheit die Möglichkeit zu einem neuen Anfang“ . Gott gab auch der Schöpfung ihren Rhythmus, den der Mensch zu achten hatte, wenn er das Gesetz des Shabatt festsetzte, das Sabbatjahr, wie auch das Jubiläum alle fünfzig Jahre, „ein Jahr der allgemeinen Vergebung und der ‚Freiheit für alle Bewohner des Landes‘ (Lev 25,10)“ . Diese Normen zielten auf das Gleichgewicht und die Gerechtigkeit der Beziehungen des Menschen mit anderen und mit der Erde, die er bebaute, sowie auch darauf anzuerkennen, dass das Geschenk der Erde mit all seinen Früchten dem ganzen Volk gehört. „Diejenigen, die das Land bebauten und hüteten, mussten seinen Ertrag teilen, besonders mit den Armen, den Witwen, den Waisen und den Fremden: ‚Wenn ihr die Ernte eures Landes einbringt, sollt ihr das Feld nicht bis zum äußersten Rand abernten. Du sollst keine Nachlese von deiner Ernte halten. In deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten und die abgefallenen Beeren nicht einsammeln. Du sollst sie dem Armen und dem Fremden überlassen‘ (Lev 19,9-10)“.
 
In den Psalmen nimmt das Lob Gottes für das Werk der Schöpfung des Weltalls einen besonderen Platz ein. „Die Psalmen laden den Menschen häufig ein, Gott, den Schöpfer zu preisen, ‚der die Erde über den Wassern gegründet hat, denn seine Huld währt ewig‘ (Ps 136,6). Doch sie laden auch die anderen Geschöpfe ein, ihn zu preisen: ‚Lobt ihn, Sonne und Mond, lobt ihn, all ihr leuchtenden Sterne; lobt ihn, alle Himmel und ihr Wasser über dem Himmel! Loben sollen sie den Namen des Herrn; denn er gebot, und sie waren erschaffen‘ (Ps 148,3-5)“.
 
In der Heiligen Schrift wird oft die Schöpfung mit der Befreiung verbunden. „In der Bibel ist der Gott, der befreit und rettet, derselbe, der das Universum erschuf, und diese beiden göttlichen Handlungsweisen sind zutiefst und untrennbar miteinander verbunden: ‚Ach, mein Herr und Gott! Du hast Himmel und Erde erschaffen durch deine große Kraft und deinen hoch erhobenen Arm. Nichts ist dir unmöglich […] Du hast dein Volk Israel unter Zeichen und Wundern […] aus Ägypten herausgeführt‘ (Jer 32,17.21). ‚Der Herr ist ein ewiger Gott, der die weite Erde erschuf. Er wird nicht müde und matt, unergründlich ist seine Einsicht. Er gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er große Stärke‘ (Jes 40,28b-29)“ . In den Zeiten der Krise wie während der Gefangenschaft in Babylon oder der Unterdrückung durch das Römische Reich „fanden die Gläubigen wieder Trost und Hoffnung, indem sie ihr Vertrauen auf den allmächtigen Gott stärkten und sangen: ‚Groß und wunderbar sind deine Taten, Herr, Gott und Herrscher über die ganze Schöpfung. Gerecht und zuverlässig sind deine Wege, du König der Völker!‘ (Offb 15,3). Wenn er das Universum aus dem Nichts erschaffen konnte, kann er auch in dieser Welt eingreifen und jede Form des Bösen überwinden“.
 
In der jüdisch-christlichen Konzeption kann die Schöpfung nur als ein Geschenk Gottes verstanden werden, ein Geschenk seines schöpferischen Wortes: „ ‚Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen‘ (Ps 33,6). So wird uns gezeigt, dass die Welt aus einer Entscheidung hervorging, nicht aus dem Chaos oder der Zufallswirkung, und das verleiht ihr noch mehr Würde. Es gibt eine freie Entscheidung, die in dem schöpferischen Wort ausgedrückt ist. Das Universum entstand nicht als Ergebnis einer willkürlichen Allmacht, einer Demonstration von Kraft oder eines Wunsches nach Selbstbestätigung. Die Schöpfung ist in der Ordnung der Liebe angesiedelt. Die Liebe Gottes ist der fundamentale Beweggrund der gesamten Schöpfung: ‚Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen‘ (Weish 11,24)“ . Die Geschöpfe dieser Welt gehören Gott: „Alles ist dein Eigentum, Herr, du Freund des Lebens (vgl. Weish 11,26)”.
 
Die Soziallehre der Kirche lehrt die allgemeine Bestimmung der Güter, das Privateigentum ist der allgemeinen Bestimmung der Güter untergeordnet. „Der Reiche und der Arme besitzen die gleiche Würde, denn ‚der Herr hat sie alle erschaffen‘ (Spr 22,2), ‚er hat Klein und Groß erschaffen‘ (Weish 6,7)".
 
B) Das Neue Testament. 
 
Dem Alten Testament folgt auch die Lehre Jesu Christi. Er „übernimmt den biblischen Glauben an den Schöpfergott und betont etwas Grundlegendes: Gott ist Vater (vgl. Mt 11,25)“ , „ ‚der seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten‘ (Mt 5,45)“ . Gott hat eine väterliche Beziehung zur ganzen Schöpfung, wie aus den Worten des Herrn Jesus folgt: „ ‚Verkauft man nicht fünf Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch vergisst Gott nicht einen von ihnen‘ (Lk 12,6). ‚Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie‘ (Mt 6,26)“ . Jesus war in ständigem Kontakt mit der Natur, was sich aus seinen vielen Worten darüber erschließt. Wir erinnern an folgende: „ ‚Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte‘ (Joh 4,35). ‚Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum‘. (Mt 13,31-32)”.
 
Der Herr Jesus hat die harmonische Beziehung mit dem Geschöpf auch durch die Wunder gefestigt, die das Volk in Staunen versetzten. „Jesus lebte in vollkommener Harmonie mit der Schöpfung, und die anderen wunderten sich: ‚Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar die Winde und der See gehorchen?‘ (Mt 8,27). Er erschien nicht wie ein weltfremder und den angenehmen Dingen des Lebens feindlich gesonnener Asket. In Bezug auf sich selbst sagte er: ‚Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagen sie: Dieser Fresser und Säufer‘ (Mt 11,19)“ . Im Unterschied zur Philosophie, die den Leib und die Materie verachtete, arbeitete Jesus „mit seinen Händen und hatte täglich Kontakt mit der von Gott geschaffenen Materie, um sie mit seinem handwerklichen Geschick zu gestalten. Es ist auffallend, dass der größte Teil seines Lebens dieser Aufgabe gewidmet war, in einem einfachen Leben, das keinerlei Bewunderung erregte: ‚Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria?‘ (Mk 6,3). So heiligte er die Arbeit und verlieh ihr einen besonderen Wert für unsere Reifung“. 
 
Jesus hat außerdem die Mentalität der Welt verworfen, mit welcher der Stärkere sich auch die Ressourcen der Erde aneignet. „Das Ideal von Harmonie, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Frieden, das Jesus vorschlägt, liegt im Gegensatz zu einem solchen Modell, und so drückte er es im Hinblick auf die Machthaber seiner Zeit aus: ‚Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein‘ (Mt 20,25-26)“.
 
Jesus Christus ist „das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Offb 22,13). Diese Idee wird deutlich auch in dieser Enzyklika betont. „Nach dem christlichen Verständnis der Wirklichkeit geht die Bestimmung der gesamten Schöpfung über das Christusmysterium, das vom Anfang aller Dinge an gegenwärtig ist: ‚Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen‘ (Kol 1,16). Der Prolog des Johannesevangeliums (1,1-18) zeigt das schöpferische Handeln Christi als des göttlichen Wortes (Lógos). Doch dieser Prolog überrascht durch seine Behauptung, dass dieses Wort ‚Fleisch geworden‘ ist (Joh 1,14). Eine Person der Trinität hat sich in den geschaffenen Kosmos eingefügt und ihr Geschick mit ihm durchlaufen bis zum Kreuz. Vom Anbeginn der Welt, in besonderer Weise jedoch seit der Inkarnation, wirkt das Christusmysterium geheimnisvoll in der Gesamtheit der natürlichen Wirklichkeit, ohne deswegen dessen Autonomie zu beeinträchtigen“. 
 
Der Sieg Jesu über Sünde und Tod hat jedoch auch eine kosmische Dimension. „Das Neue Testament spricht zu uns nicht nur vom irdischen Jesus und seiner so konkreten und liebevollen Beziehung zur Welt. Es zeigt ihn auch als den Auferstandenen und Verherrlichten, der mit seiner allumfassenden Herrschaft in der gesamten Schöpfung gegenwärtig ist: ‚Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.‘ (Kol 1,19-20). Das versetzt uns ans Ende der Zeiten, wenn der Sohn dem Vater alles übergibt und Gott alles in allem ist (vgl. 1 Kor 15,28). Auf diese Weise erscheinen uns die Geschöpfe dieser Welt nicht mehr als eine bloß natürliche Wirklichkeit, denn geheimnisvoll umschließt sie der Auferstandene und richtet sie auf eine Bestimmung der Fülle aus. Die gleichen Blumen des Feldes und die Vögel, die er mit seinen menschlichen Augen voll Bewunderung betrachtete, sind jetzt erfüllt von seiner strahlenden Gegenwart“ . „Das Ziel des Laufs des Universums liegt in der Fülle Gottes, die durch den auferstandenen Christus – den Angelpunkt des universalen Reifungsprozesses – schon erreicht worden ist”. 
 
II) Andere biblische Bezüge.
 
Auch in den übrigen Kapiteln der Enzyklika Laudato si’ finden sich, wenn auch weniger zahlreiche, biblische Bezüge. 
 
Im dritten Kapitel Die menschliche Wurzel der ökologischen Krise unterstreicht die Enzyklika die Notwendigkeit, die Arbeit zu schützen und präzisiert: „Erinnern wir uns, dass nach dem biblischen Schöpfungsbericht Gott den Menschen in den gerade erschaffenen Garten setzte (vgl. Gen 2,15), nicht nur um das Vorhandene zu bewahren (hüten), sondern um es so zu bearbeiten, dass es Frucht bringe (bebauen). Auf diese Weise unterstützen die Arbeiter und Handwerker die ewige Schöpfung (vgl. Sir 38,34 LXX). In der Tat ist das Eingreifen des Menschen, das für die vernünftige Entwicklung der Schöpfung sorgt, die angemessene Form, sie zu hüten. Dies schließt nämlich mit ein, als Werkzeug Gottes seinen Platz einzunehmen, um zu helfen, dass sich die Möglichkeiten, die Gott selbst in die Dinge hineingelegt hat, entfalten: ‚Gott bringt aus der Erde Heilmittel hervor, der Einsichtige verschmähe sie nicht‘ (Sir 38,4)“.
 
Das sechste Kapitel Ökologische Erziehung und Spiritualität handelt von der ökologischen Umkehr und zeigt verschiedene Grundhaltungen auf: die Dankbarkeit, die Großzügigkeit und den universalen Gemeinsinn. „An erster Stelle schließt es Dankbarkeit und Unentgeltlichkeit ein, das heißt ein Erkennen der Welt als ein von der Liebe des himmlischen Vaters erhaltenes Geschenk. Daraus folgt, dass man Verzicht übt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, und großzügig handelt, auch wenn niemand es sieht oder anerkennt: ‚Deine linke Hand [soll] nicht wissen, was deine rechte tut […] und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten‘ (Mt 6,3-4). Es schließt auch das liebevolle Bewusstsein ein, nicht von den anderen Geschöpfen getrennt zu sein, sondern mit den anderen Wesen des Universums eine wertvolle allumfassende Gemeinschaft zu bilden. Der Glaubende betrachtet die Welt nicht von außen, sondern von innen her und erkennt die Bande, durch die der himmlische Vater uns mit allen Wesen verbunden hat. Da die ökologische Umkehr die besonderen Fähigkeiten, die Gott ihm verliehen hat, wachsen lässt, bringt sie den Glaubenden außerdem dazu, seine Kreativität zu entfalten und seine Begeisterung zu steigern, um die Dramen der Welt zu lösen und sich selbst ‚als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt‘ (Röm 12,1)“. 
 
Im Schöpfungsakt hat Gott dem Kosmos eine Ordnung und eine Dynamik eingeschrieben, die der Mensch zu respektieren hat. „Wenn jemand im Evangelium liest, dass Jesus von den Vögeln spricht und sagt, dass ‚Gott nicht einen von ihnen vergisst‘ (Lk 12,6), wird er dann fähig sein, sie schlecht zu behandeln oder ihnen Schaden zuzufügen? Ich lade alle Christen ein, diese Dimension ihrer Umkehr zu verdeutlichen, indem sie zulassen, dass die Kraft und das Licht der empfangenen Gnade sich auch auf ihre Beziehung zu den anderen Geschöpfen und zu der Welt, die sie umgibt, erstrecken und jene sublime Geschwisterlichkeit mit der gesamten Schöpfung hervorrufen, die der heilige Franziskus in so leuchtender Weise lebte“.
 
Die integrale Ökologie erfordert eine „Haltung des Herzens, das alles mit gelassener Aufmerksamkeit erlebt; das versteht, jemandem gegenüber ganz da zu sein, ohne schon an das zu denken, was danach kommt; das sich jedem Moment widmet wie einem göttlichen Geschenk, das voll und ganz erlebt werden muss. Jesus lehrte uns diese Haltung, als er uns einlud, die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels zu betrachten, oder als er in der Gegenwart eines unruhigen Mannes diesen ansah und ihn liebte (vgl. Mk 10,21)“.
 
In Nummer VI Sakramentale Zeichen und Feiertagsruhe schreibt der Heilige Vater: „Das Gesetz der wöchentlichen Ruhe schrieb vor, am siebten Tag keine Arbeit zu tun, ‚damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremde zu Atem kommen‘ (Ex 23,12). Die Ruhe ist eine Ausweitung des Blickfeldes, die erlaubt, wieder die Rechte der anderen zu erkennen. So strahlt der Tag der Ruhe, dessen Mittelpunkt die Eucharistie ist, sein Licht über die ganze Woche aus und motiviert uns, uns die Sorge für die Natur und die Armen zu eigen zu machen“.
 
In der Reflexion über die Rolle der seligen Jungfrau Maria in Nummer VIII Die Königin der ganzen Schöpfung, die sich auch um unsere verwundete Welt sorgt, liest man unter anderem: Maria „lebt mit Jesus in völliger Verklärung, und alle Geschöpfe besingen ihre Schönheit. Sie ist die Frau ‚mit der Sonne bekleidet; der Mond […] unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt‘ (Offb 12,1). In den Himmel erhoben, ist sie Mutter und Königin der ganzen Schöpfung. In ihrem verherrlichten Leib, vereint mit dem auferstandenen Christus, hat ein Teil der Schöpfung die ganze Fülle ihrer Schönheit erreicht. Sie schaut in ihrem Herzen nicht nur auf das ganze Leben Jesu, das sie dort sorgsam bewahrte (vgl. Lk 2,19.51), sondern versteht jetzt auch den Sinn von allem. Darum können wir sie bitten, dass sie uns hilft, diese Welt mit weiseren Augen zu betrachten“.
 
In der eschatologischen Vision, die in Nummer IX Jenseits der Sonne beschrieben wird, können wir mit Freude auch das Geheimnis des Universums erfassen, das mit uns teilhaben wird an der Fülle des ewigen Lebens: „Wir sind unterwegs zum Sabbat der Ewigkeit, zum neuen Jerusalem, zum gemeinsamen Haus des Himmels. Jesus sagt uns: ‚Ich mache alles neu‘ (Offb 21,5). Das ewige Leben wird ein miteinander erlebtes Staunen sein, wo jedes Geschöpf in leuchtender Verklärung seinen Platz einnehmen und etwas haben wird, um es den endgültig befreiten Armen zu bringen“ 
 
III) Zusammenfassende Anmerkungen.

Im Licht des Gesagten können wir auch einige wichtige Anmerkungen zur pastoralen Tätigkeit der Katholischen Kirche in Deutschland machen. 
 
1) Die Heilige Schrift ist reich an Bezügen auf die von Gott geschaffene Welt. Sie ist der Ort, wo auch der Mensch lebt, das von der Erde genommene Geschöpf nach dem Abbild Gottes (vgl. Gen 2,7), und mit ihm alle geschaffenen Pflanzen und Tiere. Ausgestattet mit Einsicht und der Gabe der Unterscheidung erkennt der Mensch in der Schöpfung die Spuren Gottes und preist den Schöpfer.
 
2) Die Spuren des Schöpfergottes bleiben im Geschaffenen auch nach dem Sündenfall des Menschen, der auch schwere Auswirkungen für den Kosmos hatte, eingeschrieben. Einige können wir auch heute in der Umweltverschmutzung, in den Flüchtlingen, in der Müllkultur, im Klimawandel erkennen (vgl. das erste Kapitel Was unserem Haus widerfährt). Die großen ökologischen Fragen stellen sich daher nicht außerhalb der Kirche, sondern vielmehr müssen ihre Lösungen in Übereinstimmung mit den Weisungen des Wortes Gottes, das in der Schöpfung eingeschrieben ist und sich vor allem in der Bibel findet, gefunden werden.
 
3) Der Christ ist überzeugt, dass die Ökologie des Geschaffenen engstens mit der menschlichen Ökologie verbunden ist. „Die Humanökologie beinhaltet auch einen sehr tiefgründigen Aspekt: die notwendige Beziehung des Lebens des Menschen zu dem moralischen Gesetz, das in seine eigene Natur eingeschrieben ist. Diese Beziehung ist unerlässlich, um eine würdigere Umgebung gestalten zu können”. 
 
4) Die Reflexion über die Erschaffung der Welt zeigt, dass Gott der Schöpfer die Welt der Hut des Menschen anvertraut hat (vgl. NN. 67, 124, 199). Auch in der gemeinsamen Botschaft von Papst Franziskus und dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus zum Weltgebetstag zur Bewahrung der Schöpfung heißt es: „Der Schöpfungsbericht gewährt uns einen herrlichen Rundblick über die Welt. Die Heilige Schrift offenbart, dass Gott ‚im Anfang‘ wollte, dass die Menschheit bei der Erhaltung und Bewahrung der natürlichen Umwelt mitarbeite. Zu Beginn, wie wir im Buch Genesis lesen, ‚gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen; denn Gott, der Herr, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen und es gab noch keinen Menschen, der den Erdboden bearbeitete‘ (Gen 2,5). Die Erde wurde uns anvertraut als ein erhabenes Geschenk und Vermächtnis, für das wir alle gemeinsam Verantwortung tragen, bis ‚am Ende‘ in Christus alles zusammengeführt wird, alles, was im Himmel und auf Erden ist (vgl. Eph 1,10)“.
 
5) Den vorangegangenen Betrachtungen folgt ein Appell an alle, sich für den Schutz und die Sorge um unser gemeinsames Haus einzusetzen. Auch die erwähnte Botschaft erneuert diesen Aufruf: „Wir richten einen dringenden Appell an die gesellschaftlichen und ökonomischen wie auch politischen und kulturellen Verantwortungsträger, den Schrei der Erde zu hören und sich um die Nöte der an den Rand Gedrängten zu kümmern. Ganz besonders sollen sie aber auf die Bitte von Millionen antworten und den Konsens der Welt zugunsten der Heilung unserer verwundeten Schöpfung unterstützen. Wir sind überzeugt, dass es keine echte und nachhaltige Lösung zur Veränderung der ökologischen Krise und des Klimawandels gibt, wenn wir keine übereinstimmende und gemeinsame Antwort geben, wenn wir nicht zusammen Verantwortung und Rechenschaft übernehmen, wenn wir nicht der Solidarität und dem Dienst den Vorzug geben“.
 
6) Als Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland danke ich Euch, verehrte Mitbrüder im Bischofsamt, für die Sensibilität und Förderung einer integralen Ökologie, das heißt der menschlichen Ökologie und jener des Geschaffenen gemäß den Weisungen der Enzyklika Laudato si’. Über Euch danke ich allen Personen und Organisationen der Kirche, die auf diesem wichtigen Gebiet tätig sind. Der Dank geht weiter zu allen Menschen guten Willens, die sich um den Schutz des gemeinsamen Hauses bemühen, nicht zuletzt den Verantwortlichen in den Regierungen des Bundes und der Länder. Ihr Beitrag ist sehr wichtig. Aber um noch effektiver zu werden, muss dieser in die internationalen Anstrengungen integriert sein. „Die dringende Herausforderung, unser gemeinsames Haus zu schützen, schließt die Sorge ein, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen, denn wir wissen, dass sich die Dinge ändern können“.