13 07 14 Predigt von Nuntius Périsset zur Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben in Altötting

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDFDruckenE-Mail



Predigt des Apostolischen Nuntius in Deutschland,
Erzbischof Jean-Claude Périsset,
im Pontifikalamt zur Gelöbniswallfahrt der Donauschwaben
 

Altötting, 14. Juli 2013
 



„Oh Gott …. gib allen, die sich Christen nennen, die Kraft zu meiden, was diesem Namen widerspricht und zu tun, was unserem Glauben entspricht.“ (Tagesgebet)

Sehr geehrter Vorsitzender des St. Gerhards-Werks,
liebe Brüder im Priesteramt,
Brüder und Schwestern im Glauben!

Das heutige Tagesgebet, das ich gerade wieder teilweise zitiert habe, passt perfekt zu unserer heutigen Gelöbniswallfahrt zur Mutter Gottes von Altötting im Jahr des Glaubens. Und das nicht nur, weil das Wort „Glaube“ im Gebet ausdrücklich vorkommt, sondern hauptsächlich weil es den Grund unseres Gelöbnisses enthält, d.h. dass wir Christen sind, wegen unserer Zugehörigkeit zu Christus verfolgt wurden, wenn auch aus unserer schwäbischen Abstammung. Die Donauschwaben beweisen eben in ihrer Geschichte, durch ihre Auswanderung aus deutschsprachigen Regionen und besonders entlang der Donau, von ihrer Quelle in Donaueschingen bis zum Mündungsdelta am Schwarzen Meer in Rumänien, dass ihre Vorfahren den katholischen Glauben mit sich mitgenommen hatten und ihm treu geblieben sind, als Minderheit - sowohl sprachlich wie auch konfessionell - in Ungarn, Jugoslawien und Rumänien. Obwohl die Ansiedler nicht nur aus Schwaben kamen, wurden im 20. Jahrhundert alle Einwohner deutscher Sprache in diesen Ländern „Donauschwaben“ genannt. Als Nuntius in Rumänien für neun Jahre habe ich noch die letzten deutschsprachigen Gemeinschaften besonders in Temeswar (Timişoara) kennengelernt und sogar meine bis jetzt einzige Bischofsweihe einem Ihrer Landsleute erteilt, Bischof Martin Roos in Temeswar. Nach Gottes Vorsehung und Güte wurde ich vor drei Jahren von Herrn Pfarrer Hans Peter Fischer eingeladen, eine Kanzelrede in Donaueschingen am 21. Februar 2010 zu halten. Aus meinem Fenster im Pfarrhaus konnte ich die Quelle der Donau direkt anschauen; während ich in Rumänien einmal auf Einladung des Pfarrers von  Tulcea  über das Delta eine Schiffsreise gemacht habe. Ein Fluss wie die Donau hat eine lebendige Geschichte, nicht nur für sich selber, sondern für die Völker, die sie durchfließt. Davon sind Sie selber Zeugen und Handelnde. Soviel über Ihre menschliche Geschichte, die bei Gottes Gnade durch den katholischen Glauben erhellt und für Ihr Wohl, trotz widriger politischer Ereignisse, Sie im Leben und im Glauben bewahrt habt.

1. „Gib uns die Kraft“, Christ zu sein, ist unser erster Ausruf. Der Glaube ist eine Gabe Gottes, wie der Apostel Paulus an die Korinther schreibt, daß der Glaube „nicht auf Menschenweisheit beruht, sondern auf Gottes Kraft“ (1 Kor 2,5), und an die Römer schreibt er weiter, daß „der Glaube aus dem Hören kommt, und das Hören aber durch das Wort Christi“ (Röm 10,17).

In der zweiten Lesung, immer wieder vom Heiligen Paulus, aber diesmal an die Kolosser, wird eben Christus uns vorgestellt als „Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ und „Haupt des Leibes“, der Kirche (vgl. Kol 1,15-20). Wenn wir Christ heißen, bedeutet es, daß wir Ihm, unserem Haupt gehören, seiner Kirche als lebendige Mitglieder. Welch‘ eine Gnade für uns und für die Welt,  wenn wir im Glauben Christi Lehre annehmen und verwirklichen: „Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alle zu versöhnen.“ (Kol 1,19-20) Versöhnung meint nicht nur die persönliche Ebene, sondern auch die zwischen allen Völkern, auch denen, die sich in der jüngeren Geschichte gegenseitig gehasst und vernichtet haben. 

2. Deshalb, weil wir in unserer eigenen Haltung nicht immer die Kraft haben, nach Gottes Willen zu handeln, bitten wir Gott, uns die Kraft zu geben, um „zu meiden, was unserem Namen ‚Christen‘ wiederspricht“ (Tagesgebet). Die erste Bedingung dazu ist, Gottes Stimme zuhören, wie Mose zum Volk Israel bei seinem Exodus aus Ägypten sagte. Dies sollen wir auch selber heute tun, wenn wir Volk Gottes sind, lebendige Mitglieder des Leibes Christi, der Kirche, so daß wir „zum Herrn, unserem Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zurückkehren“ (Dtn 30,10), wie die erste Lesung uns sagte. In seiner Ermahnung gibt uns Mose sogar konkrete Mittel, dies zu schaffen. Das Wort Gottes ist nicht im Himmel, auch nicht jenseits des Meeres (vgl. Dtn 30,12-13), sondern „ganz nah bei dir: es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten“ (Dtn 30,14). Und das ist eben der Glaube, die Gabe Gottes durch das Werk Christi in seiner Kirche.

3. Dazu ist die Antwort Jesu an den Schriftgelehrten eine ständige Ermahnung, damit wir das „tun, was unserem Glauben entspricht“, wie das heutige Tagesgebet sagt. Der Glaube ist ja Kenntnis, die wir im Wort Christi erhalten, und uns in der Kirche ständig weiter verkündet wird. Der Glaube ist grundsätzlich Begegnung mit einer Person: Christus. Der Glaube ist deshalb auch Leben, weil die Kenntnis Christi uns dazu fördert, nach seiner Lehre zu leben, ihn nachzuahmen. Jesus sagt uns heute wie in jener Zeit zum Schriftgelehrten: „Darum geh und handle genauso!“ (Lk 10,3)

Ist es uns möglich, denen, die uns vertrieben haben, solche Nächstenliebe zu zeigen, so daß wir über die menschlichen Züge der Geschichte die Völker, aus denen wir vertrieben wurden, als brüderliche und geschwisterliche Völker anerkennen. Auf politischer Ebene ist uns die fortwährende Bildung und Vergrößerung der Europäischen Union dazu ein gutes Mittel. Aber auf christlicher Ebene sind wir wegen unseres Christseins und unseres Glauben gerufen, diesen Völkern mit Liebe und Unterstützung entgegenzukommen. Es ist ja wohl bekannt, was Deutschland sofort nach der Wende in Osteuropa für Ungarn, Jugoslawien und Rumänien getan hat. Als Nuntius in Rumänien war ich sogar einmal direkt Zeuge solcher Hilfe; zwanzig Lastwagen aus Deutschland brachten Güter für die armen Leute im Bistum Temeswar, genauer nach Lipova, und ich konnte sogar ein paar Worte an die ehrenamtlichen Fahrer richten. Ich schätze solche Hilfe als heutige Verwirklichung der Nächstenliebe, wie dieser Mann aus Samarien auf seinem Weg nach Jericho dem verletzten Juden getan hat, obwohl ihre Völker geschichtlich verfeindet sind.

Das „entspricht unserem Glauben“ (Tagesgebet), wenn wir trotz aller menschlichen Vorbehalte und Gefühle mit der Kraft des christlichen Glaubens Versöhnung wirken. Im Gabengebet und im Schlußgebet unserer heutigen Liturgie werden wir noch weiter Gott bitten: damit wir „in deiner Liebe wachsen und dir immer treuer dienen“ (Gabengebet), weil du, o Gott, „deine Heilsgnade in uns wachsen läßt, sooft wir diese (heilige) Speise (der Eucharistie) empfangen“ (Schlußgebet).

So hat es in seiner Zeit ihr Schutzpatron St. Gerhard getan, dessen Grab ich zweimal in Chasnad  besuchte. Im 10. Jahrhundert hatte er die Lehre Christi verkündet und die Treue im Glauben durch seinen Tod bezeugt, wofür er Märtyrer - Zeuge Christi – anerkannt wurde.

Möge Maria, die Gottesmutter und unsere Mutter, unsere Liebe Frau von Altötting, uns dazu helfen, zu der wir mit Zuversicht kommen, weil sie, wie wir sie in der Lauretanischen Litanei nennen: „Trösterin der Betrübten“, „Hilfe der Christen“ und „Königin des Friedens“ ist. Ja, unter ihrem Schutz erlangen wir, die wir uns Christen nennen, „die Kraft, zu meiden, was diesem Namen widerspricht und zu tun, was unserem Glauben entspricht“.

Amen!