17 07 17 Predigt von Nuntius Eterovic im Pontifikalamt zum Abschluss der Mooser Wasserprozesision

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
im Pontifikalamt zum Abschluss der Mooser Wasserprozession
 
Radolfzell, 17. Juli 2017
 

 
„Wer Ohren hat, der höre!“ (Mt 13,9).
 
Liebe Mitbrüder im priesterlichen (und diakonischen) Dienst, 
liebe Brüder und Schwestern!
 
Mit dem Wort Gottes aus dem Evangelium des Heiligen Matthäus beginnt der Herr Jesus die Verkündigung in Gleichnissen, von denen uns das vom Sämann, der in unterschiedliche Bedingungen den Samen aussät, vertraut ist. Um das Gleichnis in rechter Weise zu verstehen, braucht es Ohren und vor allem die Bereitschaft zum Hören. „Sie haben Ohren und hören nicht“ (Ps 115,6) klagt der Psalmist und Jesus sagt im gleichen Kapitel des Matthäusevangelium: „Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt, und mit den Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie verschlossen, daß sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile“ (Mt 13,15). Seit dem Propheten Jesaja reißt die Klage über den Ungehorsam des erwählten Volk Gottes nicht ab (vgl. Jes 5,21 und Mt 13,14). Wir wollen unser Herz nicht verschließen und gemeinsam auf das Gleichnis vom Sämann reflektierend hören, seinen Inhalt (I), seine Bedeutung für die christliche Gemeinde (II) und das christliche Leben (III). 
 
I. Das Gleichnis vom Sämann.
 
Wir kennen alle gut dieses Gleichnis und wissen, wie Jesus es für seine Jünger ausgelegt hat (vgl. Mt 13,18-23). Es geht um das Wort Gottes, das seit dem Beginn der Schöpfung da ist. Gott „sprach“ und es „geschah“ (vgl. Gen 1,1-30). Von diesem Urwort der Schöpfung bis zum dem Heilswort in Jesus Christus ist es eine lange Geschichte, die mit der Menschwerdung des Wortes zu ihrem Höhepunkt gelangt. „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Es geht also in diesem Gleichnis nicht um irgendein Wort, sondern um die Person Jesu Christi, die zugleich Sämann und Saat ist, Ausspender und Inhalt der Guten Nachricht. Wenn nun dieser Sämann auf das Feld geht, um zu säen (vgl. Mt 13,3), so ist die Aussaat das Evangelium, das die Menschen aufnehmen sollen, um Frucht zu bringen, das heißt, um das Gute in dieser Welt zu wirken. Der Heilige Vater Franziskus sagt, dass wir das Evangelium, das Wort Gottes, mit unserem Leben bezeugen sollen und mit Worten, wenn es nötig ist. Wir wissen aber alle, das Wort Gottes fällt auch bei den Christen nicht immer auf fruchtbaren Boden, sondern auf viele Felsen der Anfeindungen oder Dornen der Sorgen, so daß es keine Wurzeln schlagen kann und verdorrt. Zwar ist Europa durch den christlichen Glauben geprägt, und eine Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich dazu. Das gilt auch in Deutschland, auch wenn hier der Unterschied von West- und Ostdeutschland beträchtlich ist, denn im Westen sagen etwa 57%, daß sie an Gott glauben, im Osten sind es 23% gegenüber 73%, die sich als religionslos bezeichnen. Insofern gilt, was der Heilige Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom schreibt, auch für unsere Zeit und die Umstände, in denen wir leben: „Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,22). 
 
2. Die Bedeutung für die christliche Gemeinde.
 
Vom großen See Tiberias in Galiläa aus erreicht uns die Verkündigung hier in Radolfzell am Zeller See, den wir heute Morgen von Moos her mit schön geschmückten Booten überquert haben. Ich bin dankbar, diese Prozession erlebt zu haben, mehr noch darüber, die Eucharistie mit Euch in diesem schönen Münster Unserer Lieben Frau zu feiern. Ich danke den Hochwürdigen Herren Pfarrer Michael Hauser und Stefan Hutterer für die freundliche Einladung, auch an diesem Montag des Hausherrenfestes bei Euch zu sein. Wie sehr „Die Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen ist“ (Röm 8,20) haben Eure Vorfahren schmerzlich erlebt, als zu den französischen Revolutionswirren auch noch eine Viehseuche die Ställe heimsuchte und die Bauern um ihre Existenz zu bringen drohte. In ihrer Not wandten sie sich an die Heiligen Radolfzeller Hausherren Theopont, Senesius und Zeno. Sie wurden von der Katastrophe verschont und versprachen, fortan jedes Jahr über den See zu wallfahren, um dem guten und barmherzigen Gott zu danken. Was die Alten im Jahr 1797 begonnen haben, das ist auch im Jahr 2017 noch lebendig. Deswegen freue ich mich, Euch die herzlichen Grüße des Heiligen Vaters Franziskus zu überbringen, den ich die Ehre habe, in der Bundesrepublik Deutschland zu vertreten. Die Mooser Wasserprozession kann ein sprechendes Bild für das sein, was der Heilige Paulus an die Gemeinde in Rom schreibt, „dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18). 
 
Mit Blick auf das Gleichnis vom Sämann ist dies ein Gleichnis für die christliche Gemeinde. Auch in ihr gibt es Menschen, die zwar freudig die Botschaft des Evangeliums hören, aber nicht die Kraft haben, treu zu Jesus Christus zu stehen, wenn sie in ihrem familiären oder sozialen Umfeld deswegen angefeindet werden. Wir alle haben zwar in der Taufe den Heiligen Geist empfangen, der im Sakrament der Firmung bestärkt wurde, doch fällt es vielen sehr schwer, sich von eben diesem Geist führen zu lassen, der uns durch den Herrn Jesus Christus zu Gott dem Vater führt. Und zu dieser Führung gehört vor allem, dem Doppelgebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten zu folgen (vgl. Mt 22,37-40). In der christlichen Gemeinde soll dieses höchste Gebot, an dem „das ganze Gesetz und die Propheten“ hängen (Mt 22,40), offenbar, sichtbar werden. 
Doch nicht nur die Anfeindungen von außen verhindern diese Frucht der Liebe, sondern auch die vielen Sorgen des Lebens, die wie die Dornen auf dem Feld die Saat ersticken (vgl. Mt 13,22). So seufzen auch die Kinder Gottes, dass es ihnen selbst nur schwer gelingt, als Söhne und Töchter des guten und barmherzigen Gottes in dieser Welt offenbar zu werden (vgl. Röm 8, 23). Wir sollen nicht müde werden, darum zu beten, Missionare des Evangeliums und eifrige Zeugen des Herrn Jesus Christus zu werden, damit die Welt erfährt, wir sind Dienerinnen und Diener der Freude am Evangelium (Evangelii gaudium), wie es Papst Franziskus immer wieder betont.
 
3. Das christliche Leben.
 
Die Herausforderungen des christlichen Lebens sind heute anders als vor 220 Jahren, als zum ersten Mal die Mooser über den See nach Radolfzell gerudert sind. Heute wie damals ist es derselbe Gott, der jeden ruft und anspricht und eine besondere Berufung bereithält. Christ sein erwächst aus dem Hören auf Gottes Wort, das in unsere Herzen gesät ist. Dazu braucht es neben der persönlichen Bereitschaft auch eine christliche Umgebung in der Familie, in der Gemeinde. Wo in den Familien der Glaube schwach ist und in den christlichen Gemeinden kein Feuer der Begeisterung für Jesus Christus brennt, kann im Einzelnen kaum die Saat aufgehen, auch wenn für Gott nichts unmöglich ist (Lk 1,37). Für das Wachsen und das Reifen der Frucht christlichen Lebens braucht es immer wieder die Stärkungen auf dem langen Weg. Die Kirche bietet diese Stärkungen in der Eucharistie für jeden Tag und im Sakrament der Versöhnung zu den Zeiten, wo wir der Reinigung und Umkehr bedürfen. 
 
Das christliche Leben kennt die Sorgen um die materiellen Güter, doch mehr noch schauen wir darauf, daß das spirituelle, geistliche Leben nicht verkümmert und verdorrt. Jeder Christ ist dazu berufen, Zeugnis, das heißt Frucht zu bringen, in der Liebe zu dem dreieinen Gott und dem Nächsten. Dankbar dürfen wir für die vielfältige Hilfe sein, die auch die Christen in dieser Gegend des Bodensees für andere Menschen geben, die Not leiden oder der Hilfe bedürfen. So wird schon in dieser Zeit offenbar, dass Gottes Wort in dieser Welt Frucht bringt – „hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach“ (Mt 13,23). 
 
Der Heilige Geist erleuchte unsere Herzen, damit wir hören, was Gottes Wort sagt, und tun, was Gottes Wort will. Dazu erteile ich Euch gerne am Ende der Heiligen Messe im Auftrag des Heiligen Vaters Franziskus den Apostolischen Segen. 
 
„Wer Ohren hat, der höre“ (Mt 13,9). Die selige Jungfrau Maria, die Mutter Gottes und Mutter der Kirche, ist das Urbild des Menschen, der Gottes Wort hört, es befolgt und Frucht bringt. Vertrauen wir uns ihr an und bitten darum, sie möge uns zu Jesus Christus führen, der allein „Worte des ewigen Lebens“ hat (Joh 6,68). Amen.