17 07 23 Predigt von Nuntius Eterovic im Pontifikalamt zur Annaberg-Wallfahrt der Schlesier in Haltern am See

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
im Pontifikalamt zur Annaberg-Wallfahrt der Schlesier

Haltern am See,  23. Juli 2017
 

 
„Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn“ (Mt 13,37).
 
Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, 
liebe Brüder und Schwestern!
 
Das Wort Gottes, das wir gehört haben, spricht vom Himmelreich und wird uns mit zwei Grundbegriffen aufgezeigt: die Geduld oder Langmut Gottes (I) und die christliche Hoffnung (II). Offen für den Heiligen Geist, wollen wir gemeinsam über diese wichtigen Aspekte des Evangeliums, die unser menschliches und christliches Leben zu erleuchten imstande sind (III). 
 
Bevor wir uns am Wort Gottes stärken, das uns die Kirche für diesen 16. Sonntag im Jahreskreis vorlegt, möchte ich Euch die herzlichen Grüße des Heiligen Vaters Franziskus, des Bischofs von Rom und Hirten der Universalkirche, übermitteln, den ich die Freude habe, in der Bundesrepublik Deutschland zu vertreten. Besonders grüße ich Herrn Andreas Gundrum, den Vorsitzenden der Landsmannschaft der Oberschlesier in Nordrhein-Westfalen, der mich eingeladen hat, der Eucharistiefeier aus Anlass der 72. Annabergwallfahrt vorzustehen. Durch Euch übermittele ich die besten Wünsche von Papst Franziskus an Eure Angehörigen, Freunde und alle, die zur Landsmannschaft der Oberschlesier gehören. In jeder Heiligen Messe beten wir für den Heiligen Vater, so im Hochgebet, das der Priester nach der Konsekration spricht. Dieses Gebet ist wichtig, weil es die Gemeinschaft aller Christen mit dem Bischof von Rom ausdrückt, der das Symbol der Einheit und der Liebe der Katholischen Kirche ist. Heute wird unser Gebet umso eifriger sein wegen der Anwesenheit des Apostolischen Nuntius, des Vertreters des Obersten Pontifex in Eurer Mitte. Als Zeichen der lebendigen Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater Franziskus erteile ich Euch am Ende der Heiligen Messe in seinem Namen den Apostolischen Segen. 
 
1. Die Geduld Gottes.
 
Das Gleichnis vom guten Weizen und dem Unkraut ist erleuchtend, um die Natur des Reiches Gottes und Gottes Handeln in der menschlichen Geschichte zu verstehen. Jesus antwortet auf die Frage der Jünger nach der Bedeutung des Gleichnisses: „Der Mann, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn; der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Söhne des Reiches; das Unkraut sind die Söhne des Bösen; der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Arbeiter bei dieser Ernte sind die Engel“ (Mt 13,37-39). Mit diesem Gleichnis richtet sich Jesus an jene, die über die Existenz des Bösen in der Welt schockiert sind, und welche diese Tatsachse auch zum Vorwand nehmen, nicht an Gott zu glauben. Der Herr lehrt uns, daß das Gute, der gute Samen, von Gott kommt, doch in der Nacht, „während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg“ (Mt 13,25). Das Gute und das Böse koexistieren in der Welt, denn die Welt ist unter dem Einfluss des guten Gottes, aber auch unter dem des Teufels, „der ein Mörder von Anfang an war …. ein Lügner und Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Den Arbeitern, die vorschlugen, das Unkraut zu sammeln und vom Weizen zu trennen, antwortet der Gutsherr: „Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus“ (Mt 13,29). Man muss beachten, daß vom Beginn des Wachstums an schwer zwischen Weizen und Unkraut zu unterscheiden ist, und daher die Möglichkeit des Irrtums gegeben und die Gefahr groß ist, den guten Weizen auszureißen. Der Gutsherr schlägt also vor, bis zur Ernte zu warten. Als es soweit ist, weist er die Schnitter an, zuerst das Unkraut zu sammeln, es zu bündeln und zu verbrennen und danach den Weizen zu ernten und ihn in seine Scheune zu bringen (vgl. Mt 13,30). Die erste Lesung aus dem Buch der Weisheit nennt uns einen weiteren Grund für die Geduld Gottes. Er ist machtvoll, doch diese Macht übt er aus, wann er will; stattdessen urteilt er mit Milde und leitet uns mit großer Nachsicht (vgl. Weish 12,18). Durch diese Art zu handeln zeigt Gott, „dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss“ (Weish 12,19), denn Gott liebt alle, den Sünder eingeschlossen, aber er hasst die Sünde. In seiner Langmut gewährt Gott „den Sündern die Umkehr“ (Weish 12,19). Die Geduld Gottes hat somit die Umkehr der Sünder zum Ziel. Durch den Propheten Ezechiel hat Gott geoffenbart: „Ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt“ (Ez 33,11). Im Verlauf seiner Predigttätigkeit wiederholt Jesus Christus mehrfach: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15), „Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe“ (Mt 4,17). Er achtet die Freiheit der menschlichen Person und zwingt nicht zur Umkehr, die er gleichzeitig mit Geduld erwartet. 
 
2. Die christliche Hoffnung.
 
Die beiden anderen Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteigt beschreiben die Charakteristiken des Reiches Gottes und bringen die christliche Hoffnung zum Ausdruck. Das Senfkorn „ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten“ (Mt 13,32). Das Himmelreich, die Kirche hat bescheidene Anfänge. Zu Beginn ist es kaum wahrnehmbar. Doch nach der Vorsehung Gottes ist dieser Same dazu bestimmt, zu wachsen und zu einem Baum zu werden. Diese Lehre Jesu muss uns mit Freude erfüllen. Auch in unserer Welt gibt es zahlreiche Samen des Himmelreiches. Sie sind oft kaum merklich, aber nach Gottes Plan und des Heiligen Geistes Gnade sind sie bestimmt, sich zu entwickeln und reiche Frucht zu bringen. Natürlich müssen die Christen zusammen mit der Gnade Gottes wirken, aber sie sollen den Samen keimen, wachsen und reifen lassen und sie dürfen diesen Heilsprozess nicht behindern. 
 
Der Sauerteig zeigt sodann die innere Kraft des Himmelreiches: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war“ (Mt 13,33). Der Sauerteig wirkt verborgen und macht, dass das Ganze durchsäuert ist, was zum Brot werden wird. So ähnlich soll der Sauerteig des Himmelreiches die Menschen und die Welt erheben und umwandeln. Die zweite Lesung aus dem Römerbrief lässt ahnen, daß dieser Sauerteig der Heilige Geist ist, der in jedem Getauften wohnt. „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (Röm 8,26). Der Geist sucht die Herzen der Gläubigen, betet in ihnen und lenkt die Gedanken, er führt zu Jesus Christus und zur Kirche, die sein Leib ist, dessen Haupt Jesus ist (vgl. Eph 5,3).
 
3. Das christliche Zeugnis.
 
Das Wort Gottes erleuchtet unser christliches Leben und gibt ihm die Richtung an. Es lässt uns entdecken, daß der allmächtige Gott unser Vater ist, der uns gut will. Er wartet darauf, daß jeder von uns eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm hat. Aber Gott liebt auch jene, die sich von ihm entfernt haben und nicht in Übereinstimmung mit seinem Willen leben, der in den zehn Geboten zum Ausdruck kommt. Die Liebe Gottes zu ihnen ist durch das Warten auf ihre Bekehrung und deren Rückkehr zum guten und barmherzigen Vater gekennzeichnet. Mit einer ähnlichen Haltung müssen auch wir alle Menschen lieben, unsere Feinde eingeschlossen, indem wir für ihre Bekehrung beten. Dadurch, daß wir alle Sünder sind, beginnen wir die Bekehrung bei uns selbst. Jeder von uns, wenn auch in unterschiedlichem Umfang, muss diese Rückkehr zum Vater betreiben, indem wir die Lehre Jesu in die Tat umsetzen und mit der Gnade des Heiligen Geistes wirken. Beginnen wir alle bei unserem Leben, indem wir in uns das Gute stärken, den guten Samen, und das Unkraut unterdrücken. Auf diese Weise leisten wir einen Beitrag dafür, daß sich das Unkraut auch in der Welt vermindert und das Gute widerstandsfähiger und stärker wird. 
 
Als Christen sollten wir angesichts der vielen Herausforderungen unserer Welt keine Angst haben. Derjenige, der Jesus Christus nachfolgt, welcher „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist (Joh 14,6), ist sicher, sich auf dem rechten Weg zum Himmelreich zu befinden. Er hat Vertrauen, daß Gott die Samen des Reiches, das auch in der heutigen Welt gegenwärtig ist, keimen lässt. Der Glaube an die verwandelnde Kraft des Heiligen Geistes, den Geist des auferstandenen Jesus Christus, ist imstande, unsere Welt zu verwandeln, die der Sünde und der Korruption unterworfen ist, und „einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“ (1 Petr 3,13) aufzurichten. 
 
Liebe Brüder und Schwestern, vertrauen wir unsere Überlegungen der Fürsprache der Mutter der Kirche an, der seligen Jungfrau Maria und ihrer Mutter Anna, zu der wir heute gewallfahrtet sind, damit wir, ihrem Beispiel folgend, authentische Christen werden, Kinder Gottes des Vaters, der mit Geduld auf die Rückkehr der fehlgeleiteten Menschen wartet; auf daß wir treue Jünger Jesu Christi werden, des Menschensohnes, der fortfährt, in uns den guten Samen zu säen; und schließlich Zeugen des Geistes werden, der in uns die Freude über das Evangelium erweckt und Kraft gibt, es zu verkünden, vor allem durch unser persönliches, familiäres und soziales Lebenszeugnis. Amen.