17 09 24 Predigt von Nuntius Eterovic am 25. Sonntag im Jahreskreis

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am 25. Sonntag im Jahreskreis – LJ A

Berlin, 24. September 2017
 

 
„Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“ (Mt 20,15).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Die Worte Jesu: „Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“ öffnen uns einen Zugang zur Lesung des heutigen Sonntags aus dem Evangelium nach Matthäus. Darin werden Gerechtigkeit (I) und Güte (II) gegenübergestellt, Werte, die heute wieder stark gefragt sind, und die uns alle angehen (III).
 
1. Gerechtigkeit.
 
Wenn wir das Gleichnis lesen, müssen wir zugeben, dass wir uns spontan auf die Seite der Arbeiter stellen, die vom frühen Morgen an gearbeitet und „den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze ertragen“ hatten (Mt 20,12). Wir teilen ja das Konzept der Lohngerechtigkeit: der Arbeiter verdient seinen Lohn je nach Tätigkeit und der Arbeitszeit. Daher scheint es merkwürdig, dass alle Arbeiter den gleichen Lohn erhalten sollen, ob sie nun seit dem Morgengrauen arbeiten, seit neun Uhr, der Mittagsstunde, drei Uhr nachmittags oder sogar erst seit fünf! In vielen Ländern ist ein Mindestlohn für eine Stunde Arbeit gesetzlich festgelegt, der dann mit der Anzahl der geleisteten Stunden multipliziert wird, um das Wochen- oder Monatsgehalt zu errechnen. Das ist eine von allen Seiten akzeptierte Praxis, auch von den Gewerkschaften. 
 
2. Die Güte des Herren.
 
Es gibt jedoch noch eine andere Gerechtigkeit, die des Herrn und jener Menschen, die sich daran orientieren. Jesus erzählt dieses provokative Gleichnis, damit die Jünger Herz und Denken öffnen und verstehen, dass es auch andere Arten und Weisen gibt, Menschen und ihre Arbeit zu bewerten. Der Besitzer des Weinbergs hatte ja seinen Verwalter angewiesen, mit der Bezahlung bei den Arbeitern der letzten Stunde anzufangen. Da sie einen Denar erhielten, erwarteten die Arbeiter, die schon früh am Morgen angefangen hatten, mehr zu bekommen, auch wenn sie den Lohn von „einem Denar für den Tag“ abgesprochen hatten (Mt 20,2). An diese Absprache erinnerte sie der Gutsherr, als sie anfingen zu murren. Er erklärte ihnen zudem seine Handlungsweise: „Nimm dein Geld und geh! Ich will dem letzten ebenso viel geben wie dir“ (Mt 20,14). Seine Begründung ist zweifach: einmal materiell: „Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will?“ und dann moralisch-geistlich: „Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“ (Mt 20,15).
 
3. Aktualität der Lehre Jesu.
 
Die Worte des Propheten Jesaja helfen uns, die Denkweise Jesu zu verstehen: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege - Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Jes 55,8-9). Jesus lädt uns ein, von der Lohngerechtigkeit noch einen Schritt weiter zu gehen zu Güte und Barmherzigkeit. Der letzte Satz unseres heutigen Evangeliums „So werden die Letzten die Ersten sein“ (Mt 20,16) weist darauf hin, dass mit diesem Gleichnis die Beziehungen zwischen Juden, die Arbeiter seit dem Morgengrauen, und den Heiden, die erst später zu unterschiedlichen Zeiten zur Arbeit in den Weinberg gerufen wurden,  angesprochen sind. Beide werden die gleiche Bezahlung erhalten, nämlich das ewige Leben. Darüber sollten sich alle freuen, es sollte nicht Grund zu Neid und Eifersucht sein.
 
Aber dieses Gleichnis kann man auch auf die menschlichen Beziehungen übertragen. Jesus kannte das Herz der Menschen (vgl. Joh 2,25) und wusste, dass auch die Arbeiter der letzten Stunde leben und ihre Familien ernähren müssen, genauso wie diejenigen, die früh am Morgen mit der Arbeit angefangen hatten. Daher gab er ihnen, was sie brauchten.
 
Danken wir Gott dafür, dass diese Denkweise des Evangeliums zumindest teilweise auch in den Staaten, die auf die soziale Gerechtigkeit achten, Eingang gefunden hat. Die Politiker der sogenannten Sozialstaaten haben gemerkt, dass man über die bloße Lohngerechtigkeit hinausgehen muss, um die Gesellschaft menschlicher zu machen und eine größere Gerechtigkeit zu erreichen. Dort bekommen zum Beispiel diejenigen, die Kinder haben, einen Zuschuss, ohne dass sie eine andere Arbeit machten als Kinderlose. Zudem erhalten Arbeitnehmer Lohn, wenn sie aus Krankheitsgründen nicht arbeiten können. In vielen Ländern werden Arbeitslose monatlich in ihrem Lebensunterhalt unterstützt. 
 
Wenn es dieses Positive in den traditionell christlich geprägten Gesellschaften gibt, wieviel mehr sollte es in unseren christlichen Gemeinschaften so sein! Bitten wir den Dreieinen Gott auf die Fürsprache der Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche, dass er uns jeden Egoismus und Neid nehme. So können wir uns mit unseren Brüdern über die ihnen erwiesene Güte und Barmherzigkeit Gottes und der Menschen freuen, auch dann, wenn sie über die menschliche Gerechtigkeit hinausgeht. Erlauben wir Gott, mit seinen Geschöpfen großzügig zu sein, vor allem mit den Menschen, die in geistlicher und materieller Not sind. Mehr noch, freuen wir uns über die Güte des Herrn, der sich in der Geschichte der Menschen und Völker offenbart.
Amen.