17 10 08 Predigt von Nuntius Eterovic am 27. Sonntag im Jahreskreis

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am 27. Sonntag im Jahreskreis – LJ A

Berlin, 8. Oktober 2017


 
„Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden“ (Mt 21,42).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Die erste Lesung (I) und das Evangelium (II) dieses 27. Sonntags im Jahreskreis sprechen vom Weinberg des Herrn. Unter der Eingebung des Heiligen Geistes zeigt der Prophet Jesaja dessen Bedeutung: „Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel und die Männer von Juda sind die Reben, die er zu seiner Freude gepflanzt hat“ (Jes 5,7). Der Prophet weist aber auch auf die Sünde des erwählten Volkes hin: Gott „hoffte auf Rechtsspruch - doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit - doch siehe da: Der Rechtlose schreit“ (Jes 5,7). Angesichts dieser Botschaft müssen wir nach der Bedeutung fragen, die das Wort Gottes für uns persönlich und als Glieder der kirchlichen Gemeinschaft hat (III). 
 
1. Der Weinberg JHWH
 
Die erste Lesung beschreibt den Gegensatz zwischen der Sorge von Seiten des Herrn für den Weinberg und dem Unglauben des Volkes Israel. Gott liebt sein Volk, seinen Weinberg: „Ich will ein Lied singen von meinem geliebten Freund, ein Lied vom Weinberg meines Liebsten“ (Jes 5,1). Der Prophet zeigt im Einzelnen, was der Herr in der Erwartung, daß er Trauben hervorbringt, getan hat, um seinen Weinberg zu schützen und zu kultivieren. Leider brachte der Weinberg nur saure Beeren. Angesichts der Undankbarkeit der Bewohner von Jerusalem und Juda droht Gott durch den Propheten Jesaja, was bewirken soll, daß die Glieder des Volkers Israel in sich gehen, damit sie sich bekehren und zurückkehren zum Glauben ihrer Väter, erneut die Schönheit und das Glück des Bundes erfahren, der zwischen Gott und seinem Volk gestiftet worden war. Die Warnungen Gottes hingegen führten nicht zur Bekehrung, so daß die Strafte folgte: Jerusalem wurde zerstört und das Volk in die Sklaverei verschleppt. An diese dramatischen Ereignisse erinnert der Antwortpsalm. Der Verfasser trauert über das Schicksal des Weinbergs: „Warum rissest du seine Mauern ein? Alle, die des Weges kommen, plündern ihn aus. Der Eber aus dem Wald wühlt ihn um, die Tiere des Feldes fressen ihn ab“ (Ps 80,15-16). 
 
2. Jesus und der Weinberg.
 
Jesus Christus ist die Antwort auf die Bitten des gläubigen Volkes Israel. Aber auch ihm begegneten Schwierigkeiten bei seiner Mission im Heiligen Land, wie das heutige Evangelium des Heiligen Matthäus berichtet. Als er sich an die Führer des Volkes wendet, benutzt der Herr Jesus das bekannte Bild vom Weinberg. Im Unterschied zur ersten Lesung, wo das ganze Volk wegen seines Unglaubens getadelt wurde, kritisiert Jesus im Evangelium die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes, weil sie den Willen Gottes nicht beachteten, der mit dem Besitzer des Weinbergs identifiziert wird. Er hat ihnen seinen Weinberg anvertraut, aber sie sind nicht geeignet und wollen ihn sich mit Gewalt aneignen. Sie steinigen nicht nur die Diener des Herrn, die er zweimal zu ihnen gesandt hat, um den Anteil an der Ernte zu holen, sondern brachten auch den Sohn des Gutsbesitzers um. Die genaue Beschreibung lautet: „Sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um“ (Mt 21,39), was sich auf Jesus Christus und seinen gewaltsamen Tod bezieht. Auf die rhetorische Frage: „Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun?“ (Mt 21,40) antworteten die aufmerksam zuhörenden Leute zu Jesus: „Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist“ (Mt 21,41). Die spontane Reaktion der Zuhörer gab Jesus die Gelegenheit, das große und universale Heilsprojekt anzukündigen, bei dem Er der die Hauptfigur sein wird. In der Tat ist der verworfene Stein, der zum Eckstein wurde, Jesus Christus, den die Verantwortlichen des Volkes verurteilt und umgebracht haben. Mit der Auferstehung aber ist dieser Stein zum Fundament des neuen Gottesvolkes geworden, auferbaut von Ihm, der das Haupt des Leibes der Kirche ist (vgl. Kol 1,18). Dieses wunderbare Werk Gottes für das ganze Volk kann man aus den prophetischen Worten des Herrn Jesus heraushören: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt“ (Mt 21,43). 
 
3. Die Aktualität des Wortes Gottes.
 
Das Wort Gottes ist immer lebendig und wirksam (vgl. Hebr 4,12). Es erleuchtet den Geist und das Herz all derer, die es mit Aufmerksamkeit und bereitwilligem Geist hört. Die Herr Jesus kritisiert die Verantwortlichen Israels scharf, weil sie das authentische Projekt Gottes nicht akzeptiert, ja sogar abgelehnt haben. Ihre Verantwortung ist groß, weil sie das Gesetz und die Propheten gut kannten, aber das hatte keinen Einfluss auf ihr Leben. Es handelte sich um eine formale, äußerliche Kenntnis, die sie den anderen auferlegten, aber selbst nicht in die Praxis umgesetzt haben. Bei einer Gelegenheit hat Jesus das Volk, das ihm zuhörte, gelehrt: „Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun; denn sie reden nur, tun selbst aber nicht, was sie sagen“ (Mt 23,3). Deshalb fordert Jesus von allen, die Verantwortung in den Gemeinschaften der Gläubigen haben, die Authentizität, die Predigt zuoberst mit dem Beispiel des Lebens und erst dann mit Worten. Auch heute wiederholt sich die Erfahrung Gottes mit dem Weinberg Israels in verschiedenen Teilen der Welt, einschließlich hier auf unserem europäischen Kontinent. Viele Menschen, und das bedeutet wesentliche Teile von Völkern, haben sich von Gott entfernt und leben, als existiere Er nicht. Denken wir an die ausgedehnten säkularisierten Regionen Europas, wie zum Beispiel Ostdeutschland oder die Tschechische Republik, wo die Bewohner mehrheitlich erklären, keiner Religion anzugehören. Zugleich zeigt der christliche Glaube in anderen Ländern Zeichen von Vitalität, zum Beispiel in Afrika und Asien. Wir wollen dem dreieinen Gott für dieses Geschenk des Glaubens an viele Menschen und Nationen danken, die vorher Jesus Christus und sein Evangelium nicht kannten. Aber wir dürfen nicht resignieren angesichts der verbreiteten religiösen Gleichgültigkeit in der Welt, besonders in Europa. Beten wir und tun wir, was uns möglich ist, damit diese Tendenz sich umkehrt und immer mehr Menschen im Herrn Jesus die Quelle des Sinns, des Glücks und des Lebens entdecken. 
 
Vertrauen wir unsere Bitten der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, die wir in diesem Monat Oktober mit dem schönen Namen der Mutter des Rosenkranzes anrufen. Ihr Beispiel und ihr Gebet vermag jedem von uns und vielen unserer Brüder und Schwestern zu helfen, die Schönheit des christlichen Glaubens wieder zu entdecken und aktive und eifrige Glieder der Heiligen Kirche Gottes zu werden, die auf Jesus Christus gegründet ist, dem Stein, der verworfen war, und der „zum Eckstein geworden ist“ (Mt 21,42). Amen.