17 10 08 Predigt von Nuntius Eterovic zum Abschluss der 340. Wallfahrtswoche zur Schwarzen Muttergottes von Benrath

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
zum Abschluss der 340. Wallfahrtswoche 
zur Schwarzen Muttergottes von Benrath

Benrath, 8. Oktober 2017


 
„Frau, siehe dein Sohn! ….. Siehe deine Mutter“ (Joh 19,25.27).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Mit diesen Worten, die uns der Heilige Evangelist Johannes überliefert hat, hat uns Jesus Christus Maria zur Mutter gegeben. Der Herr war am Sterben. Er durchlebt die dramatischsten Momente seiner Existenz. Bevor er diese Welt verließ, hat er uns gleichsam testamentarisch bedacht und uns seine Mutter Maria geschenkt, die somit die Mutter von uns allen, die Mutter der Kirche wurde. Es handelt sich vom theologischen und geistlichen Standpunkt her um einen sehr reichen Titel, worauf der selige Papst Paul VI. zum Abschluss der III. Session des Zweiten Vatikanischen Konzils am 21. November 1963 mit den Worten verkündet hat: „Zur Ehre der seligen Jungfrau und zu unserem Trost erklären wir die allerseligste Jungfrau Maria zur Mutter der Kirche, das heißt zur Mutter des ganzen christlichen Volkes, seien es die Gläubigen, seien es die Hirten, die sie ihre geliebte Mutter nennen; und wir verfügen, daß mit diesem Titel das ganze christliche Volk von nun an noch größere Verehrung der Gottesmutter zuteilwerden lässt und ihre Bitten an sie richte“ (Ansprache zum Abschluss der 3. Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils, 21. November 1964, Nr. 30). 
 
Bevor ich mit Euch einige Aspekte dieser bedeutsamen Wahrheit unseres Glaubens reflektiere, möchte ich meiner Dankbarkeit gegenüber Gott dem Vater, Sohn und Heiligen Geist ausdrücken, durch dessen Gnade ich dieser Marienfeier am Ende der 340. Wallfahrtswoche zur Schwarzen Muttergottes von Benrath vorstehen kann. Ich danke besonders Eurem Herrn Pfarrer Mons. Dr. Thomas Vollmer, der den Apostolischen Nuntius zu diesem feierlichen Anlass eingeladen hat. Ich habe gerne diese Einladung angenommen, die mir erlaubt, Euch allen die herzlichen Grüße des Heiligen Vaters Franziskus zu übermitteln, den ich die Ehre habe, in der Bundesrepublik Deutschland zu vertreten. Papst Franziskus ist der Bischof von Rom und Hirte der Universalkirche. Er ist das Zeichen der Einheit in der Liebe der großen Familie von 1,3 Milliarden Katholiken weltweit. Wir beten immer für den Heiligen Vater und nehmen so seine ständige Bitte um das Gebet auf, besonders in dieser Marienfeier. 
 
Der Heilige Vater verehrt sehr die Muttergottes und zeigt dies in Zeichen der kindlichen Verehrung, wie auch durch sein Lehramt. Wir erinnern an seine Worte, die er zum verkündeten Evangelium gesagt hat und unsere Meditation anregen: „Jesus Christus hat im Moment der äußersten Hingabe seines Lebens am Kreuz nichts für sich selbst behalten wollen, und indem er sein Leben hingab, übergab er uns auch seine Mutter. Er sagte zu Maria: Siehe, dein Sohn, siehe, deine Kinder. Und wir wollen sie in unsere Häuser aufnehmen, in unsere Familien, in unsere Gemeinschaften, in unsere Völker. Wir wollen ihrem mütterlichen Blick begegnen. Dieser Blick, der uns von der Verwaisung befreit; dieser Blick, der uns daran erinnert, dass wir Brüder und Schwestern sind: dass ich zu dir gehöre, dass du zu mir gehörst, dass wir „ein Fleisch und Blut“ sind. Dieser Blick, der uns lehrt, dass wir lernen müssen, das Leben auf die gleiche Weise und mit derselben Zärtlichkeit zu umsorgen, mit der sie es umsorgt hat: indem wir Hoffnung säen, Zugehörigkeit säen, und Brüderlichkeit säen“ (Predigt vom 01. Januar 2017). 
 
Mit diesen Gedanken des Heiligen Vaters erfassen wir besser die Bedeutung der Mutterschaft Mariens nach Gottes Plan (I). Sie ist die Frau, die schon am Anfang der Schöpfung, wie auch an ihrem Ende vorgebildet war (II). Diese Frau, die demütig und verherrlicht zugleich ist, hilft auch uns, Jesus zu finden (III). 
 
1. Jesus gibt uns Maria zur Mutter.
 
Die Worte des Gekreuzigten haben eine tiefe kirchliche Bedeutung. Er wendet sich an Maria und ruft sie nicht Mama oder Mutter, sondern Frau. „Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,26-27). Die Feierlichkeit des Augenblicks, wie auch die Worte und besonders die Ansprache „Frau“ lassen daran denken, daß Jesus die Verbundenheit als Sohn übersteigt und seine Mutter einem Jünger anvertraut, den er am meisten liebt. Nach der Tradition der Kirche erkennen wir in diesen Worten Jesu seinen Willen, uns allen Maria zur Mutter zu geben. Der Apostel Johannes hat uns alle unter dem Kreuz von Golgotha repräsentiert. Nach dem Willen des Herrn Jesus wurden wir alle zu Kindern Mariens. Diese Wahrheit wurde durch die Worte bestärkt, die der Gekreuzigte an Johannes richtet: „Siehe deine Mutter!“ (Joh 19,27). Der Apostel, den Jesus liebte, hat diese Worte gut verstanden und hat in seinem Evangelium geschrieben: „Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“ (Joh 19,27). Es entsteht durch den Willen Jesu eine besondere Beziehung zwischen Maria und Johannes, zwischen der seligen Jungfrau Maria und jedem von uns, so daß wir sie unsere Mutter nennen können und müssen, die Mutter der Kirche. Maria von Nazareth ist die Mutter Jesu. Die Kirche ist der mystische Leib Jesu, wie wir in der Schrift lesen (vgl. 1 Kor 12,12-31). Jesus Christus ist „das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche“ (Kol 1,18). Aus Gnade wurde die Jungfrau Maria nicht nur die Mutter Jesu, sondern auch seine beste Schülerin, was an dieser mystischen Dimension der Mutterschaft teilhat. Durch ihren Sohn Jesus wurde sie auch die Mutter der Kirche und das heißt, von uns allen. In diesen Zusammenhang fügt sich auch gut das Motto für die Wallfahrtwoche dieses Jahres: Maria - Mutter aller Getauften. 
 
2. Die Frau in der Genesis und in der Offenbarung des Johannes.
 
Das Worte Jesu: „Frau, siehe dein Sohn!“ führt uns zurück an den Anfang der der Heilsgeschichte, zur Sünde von Adam und Eva, welche den Bruch der Freundschaft zwischen Gott und den ersten Menschen verursacht haben. Aber auch in diesem dramatischen Moment der menschlichen Geschichte hat Gott den Menschen, seine Kreatur, nicht ohne Hoffnung gelassen. Im Gegenteil, Gott hat den zukünftigen Sieg durch eine andere Frau, eine andere Eva angekündigt: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen“ (Gen 3,15). In dieser Prophetie erkennt man leicht Maria und ihre Rolle als neue Eva der im Blut ihres Sohnes Jesus Christus erlösten Menschheit. Aber die Worte Jesu führen uns auch an das Ende der Heilsgeschichte, zum endgültigen Sieg des Guten über das Böse. Auch er ist durch eine Frau charakterisiert, die selige Jungfrau Maria: „Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt. Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße. Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron. Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertsechzig Tage“ (Offb 12,1-6). Auch in diesem Text scheint auf, daß Maria alles von ihrem Sohn Jesus empfängt, dem Erlöser der Welt. Sie ist auf einzigartige Weise mit Jesus verbunden und führt alle ihre Kinder zu Ihm. 
 
3. Zu Jesus durch Maria.
 
Die selige Jungfrau Maria wird auch am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu Frau genannt. In Kana in Galiläa bemerkt sie, daß der Wein zur Neige geht, und lässt es Jesus wissen. Seine Antwort ist zunächst erstaunlich und offensiv: „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh 2,4). Maria hingegen versteht ihren Sohn gut und bringt ihn in gewisser Weise dazu, das erste Wunder der Verwandlung von Wasser in Wein zu bewirken. Sie stört nicht, Frau genannt zu werden oder die Aussage, seine Stunde sei noch nicht gekommen. Im Gegenteil, die Mutter Jesu sagte den Dienern: „Was er euch sagt, das tut“ (Joh 2,5). 
 
Die Gottesmutter wiederholt diese Aufforderung auch heute und richtet sie an uns alle: Tut das, was Jesus Euch sagt! Der Wille Gottes ist im Liebesgebot zusammengefasst mit den Worten des Herrn Jesus: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,37-39). Auf diese Weise können wir leicht die mütterliche Aufgabe Mariens im Heilswerk erfassen. Sie hält uns seine Aufforderung vor Augen, den Willen Gottes zu erfüllen auch durch die marianischen Erscheinungen, die von der Kirche anerkannt sind, wie zum Beispiel jene in Fatima vor 100 Jahren. Aber diese Erscheinungen enthalten nichts Neues über das Wort Gottes hinaus, das uns in der Bibel und in der Tradition der Kirche offenbart worden ist und vom Lehramt authentisch interpretiert wird. Die selige Jungfrau Maria führt uns immer zu Jesus, der gebenedeiten Frucht ihres Leibes. Sie schenkt uns aber ein Beispiel der Mütterlichkeit, die mit der Macht der Heiligen Geistes Jesus Christus zeugt. Als seine erste Schülerin setzt sie dies auf spirituelle Weise in der Geburt der Christen fort. So ist Maria das Bild der fruchtbaren Kirche, die durch das Wasser und den Heiligen Geist zahlreiche Söhne und Töchter des Volkes Gottes zum Leben der Gnade zeugt. Ihre Glieder pilgern auf den Straßen dieser Welt in der Hoffnung, die himmlische Heimat zu erreichen, wo sie in der Herrlichkeit vereint sind mit ihrem Herrn Jesus Christus und ihrer Mutter, der Jungfrau Maria, die in den Himmel aufgenommen und zur Königin des Himmels und der Erde gekrönt worden ist. Die Kirche aber, das sind wir alle, alle Getauften. Daher müssen auch wir Maria nachahmen und neue Glieder des Glaubens zeugen. Das geschieht, wenn wir den Glauben den Mitgliedern unserer Familien, den Verwandten, den Menschen unserer Gemeinschaften und Pfarreien, an all jene, denen wir auf unserem Lebensweg begegnen, weitergeben. Wir müssen als Christen aktive Jünger Jesus Christi sein und eifrige Missionare seines Evangeliums, wie es der Heilige Vater Franziskus oft wiederholt. 
 
Dem dreieinen Gott für das Geschenk der seligen Jungfrau Maria, der Mutter der Kirche dankbar, richten wir an Sie das Gebet des seligen Papstes Pauls VI., das er formulierte, da er sie offiziell zur Mutter der Kirche erklärte. Seit diesem Tag sind 54 Jahre vergangen. Daher ändern wir die Bezüge zum Zweiten Vatikanischen Konzil mit der Bitte um die treue Umsetzung des genannten Konzils, wie auch Papst Franziskus oft sagt. Wir beten gemeinsam: 
 
„Du jungfräuliche Mutter Maria, erhabene Mutter der Kirche, dir anempfehlen wir die ganze Kirche und die Umsetzung der Beschlüsse des Ökumenischen Konzils.
 
Du wirst mit einem rührenden Namen „Hilfe der Bischöfe” genannt. Beschütze die Hirten der Kirche in ihrem Amt und steh ihnen bei. Steh bei auch allen Priestern, Ordensleuten und Gläubigen aus dem Laienstand, die jenen in den mühevollen Aufgaben des Hirtendienstes ihre Hilfe leihen.
 
Du bist vom göttlichen Heiland, deinem Sohn, als er am Kreuze starb, dem Jünger, den er liebhatte, zur liebevollen Mutter gegeben worden. Gedenke des christlichen Volkes, das sich dir anvertraut.
 
Gedenke aller deiner Kinder. Ihren Bitten füge deine Macht und Geltung vor Gott hinzu. Bewahre ihren Glauben rein und standhaft, stärke ihre Hoffnung, entzünde ihre Liebe.
 
Gedenke derer, die in Angst, Not und Gefahr schweben; besonders derer, die ob ihres christlichen Glaubens Folter leiden und in Ketten liegen. Du jungfräuliche Mutter, erflehe ihnen innere Kraft und Stärke, und bringe rasch herbei den ersehnten Tag des Rechtes und der Freiheit.
 
Wende deine gütigen Augen unseren getrennten Brüdern zu. Dir möge es gefallen, dass wir bald wieder miteinander verbunden werden. Du hast ja Christus geboren, den Brückenbauer der Einheit zwischen Gott und den Menschen.
 
Du Heiligtum des reinen, niemals verfinsterten Lichtes. Bitte bei deinem eingeborenen Sohn, durch den wir nun die Versöhnung mit dem Vater empfangen haben (vgl. Röm. 5, 11), dass er mit unseren Fehlern Nachsicht habe, alle Zwietracht fernhalte und die Freude der Bruderliebe in uns senke.
 
Deinem Unbefleckten Herzen, jungfräuliche Gottesmutter, anempfehlen wir die ganze Menschheit. Führe sie zur Anerkennung des einzigen und wahren Erlösers Christus Jesus. Treibe von ihr das Unheil, das der Sünde entstammt, und schaffe ihr Frieden, der gegründet ist in Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe.
 
Endlich gewähre der ganzen Kirche, dass sie es bei der Feier dieses großen Ökumenischen Konzils vermag, dem Gott des Erbarmens den Hochgesang des Lobes und des Dankes anzustimmen, den Hochgesang der Freude und des Jubels; denn durch dich hat Großes getan, der da mächtig ist, du milde, du gute, du holde Jungfrau Maria“. Amen.