17 11 05 Predigt von Nuntius Eterovic am 31. Sonntag im Jahreskreis in Hof

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
31. Sonntag im Jahreskreis – LJ A
Gedenktag des Seligen Bernhard Lichtenberg
 
Hof/Saale, 5. November 2017
 

 
„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Mt 23,12).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Der Heilige Paulus schreibt mit zärtlichen Worten an die Gemeinde in Thessaloniki und ist davon überzeugt, daß das Wort Gottes in den Gläubigen wirksam ist (vgl. 1 Thess 2,13). Dies wollen wir an diesem 31. Sonntag im Jahreskreis von dem Wort Gottes, das wir gehört haben, glauben: daß Ihr Wort Gottes annehmt und es in Euch wirksam wird für ein christliches Leben und für das ewige Leben (I). Diese Wirksamkeit des lebendigen Wortes, das vom Himmel herabgekommen ist, Jesus Christus, hat der Priester Bernhard Lichtenberg bezeugt, der am 5. November 1943 in dieser Stadt gestorben ist (II). Ganz im Gegenteil zu den Worten des Propheten Maleachi, die wir über die Priester seiner Zeit in Israel gehört haben, ist der Berliner Dompropst nicht „abgewichen vom Weg“ (Mal 1,8). Im Gegenteil hat er den Namen des guten und barmherzigen Gottes „in Ehren zu halten“ (Mal 2,2) gesucht. Gegen alle Widerstände hat er dem „Herrn der Heere“ (Mal 1,14.2,2.8), der ihn zum Priestertum gerufen hat, durch 44 Jahre die Treue gehalten. Dadurch hat er vorgelebt, daß die Wahrheit frei macht (III). 
 
Ich danke der gnädigen Vorsehung Gottes, die mich heute in Eure schöne oberfränkische Stadt geführt hat. Dem Hochwürdigen Herrn Dekan Holger Fiedler danke ich von Herzen für die Einladung, der ich gerne gefolgt bin. Ebenfalls dankbar bin ich für die ökumenische Verbundenheit, die heute Morgen durch die freundliche Begrüßung durch den evangelischen Pfarrer Hans-Jürgen Konrad deutlich wurde. Der Selige Bernhard Lichtenberg führt uns als Christen zusammen. In Sichtweite der St. Hedwigs-Kathedrale ist der Berliner Dom. Unübersehbar ist auch die wiedererrichtete Kuppel der einst größten Synagoge in der Hauptstadt in der Oranienburger Straße. Juden und Christen haben „denselben Vater“, welcher „der eine Gott ist, der uns alle erschaffen hat“ (Mal 2,10). Heute gedenken wir des Todestages des Seligen Bernhard Lichtenberg, am kommenden Donnerstag erinnern wir uns der Pogromnacht vom 9. November 1938, in der in ganz Deutschland die Synagogen brannten und vernichtet wurden. Diesen und den noch schlimmeren grausamen Taten hatten die Gläubigen, Juden und Christen wenig entgegenzusetzen. Doch sie hatten Gottes Wort. Und in diesem Zusammenhang klingt das Zitat eines anderen Märtyrers groß und erhaben, das er in der Haft aufgeschrieben hat. Dietrich Bonhoeffer sagt: „Das Wort allein besteht. Es fordert jede Tat heraus und fürchtet sich nicht; denn es ist ewig, unverwundbar und allmächtig“. 
 
1. Gottes Wort ist in euch wirksam.
 
Im heutigen Evangelium setzt sich der Herr Jesus kritisch mit den Schriftgelehrten und Pharisäern auseinander und sagt dem Volk, das ihm zuhört: „Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht“ (Mt 23,3). Sie haben sich durch ihre Bildung und durch die Kenntnis der Schrift zu Meistern und Lehrern der Menschen entwickelt und dadurch viele Vorteile verschafft. Die Ehrenplätze bei Festen und die besten Plätze in der Synagoge sind nur Beispiele dafür (vgl. Mt 23,6). Sie heben sich ab von den einfachen Gläubigen durch äußerliche Dinge wie Gebetsriemen und Quasten (vgl. Mt 23,5), vor allem aber durch eine innere Haltung, anderen „schwere Lasten“ aufzubürden, aber selbst nichts dafür zu tun, die Last von den Schultern der Menschen zu nehmen (vgl. Mt 23,4). Ihre Erhöhung begründet sich in der Erniedrigung der anderen. So werden sie zur Belastung der Menschen, die keine Freude mehr am Glauben spüren. So gilt das Wort des Propheten Maleachi auch den Schriftgelehrten und Pharisäern: „Ihr habt viele zu Fall gebracht durch eure Belehrung“ (Mal 2,8). 
 
Es geht Jesus nicht darum, das Gesetz aufzuheben oder zu lehren, dass alles gleichgültig ist und die Menschen einfach machen können, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Jesus Christus will den Menschen einen Weg zeigen, der sie zu Gott führt, den er als den Vater offenbart hat. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6). Er ist aber nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer, die zwar wie Straßenschilder den Weg zeigen, aber diesen Weg nicht selber gehen. Jesus ist wirklich der Christus, der Messias, der Gesalbte, der den Weg der Erniedrigung geht, durch Leiden und Tod. Doch Gottvater lässt Seinen Sohn nicht im Tod, sondern er ruft ihn zur Auferstehung und zum Leben, so daß das Wort Gottes letztlich Leben bedeutet. Wo Gottes Wort wirksam ist, da ist das Leben, selbst wenn es schwierig ist und manchmal schwer. Aber wir vertrauen unserem Herrn, der gesagt hat: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden“ (Mt 16,24-25). 
 
2. Der selige Priester Bernhard Lichtenberg.
 
Wir berichten am heutigen Tag von keiner Erfolgsgeschichte nach den Maßstäben der Welt. Wir erinnern an einen Priester, der auf dem Weg der Erniedrigung ist. Vom geachteten Dompropst der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin zum verachteten Häftling der Nationalsozialisten; aus der Hauptstadt ist er unterwegs zum Konzentrationslager in Dachau. Wessen hat er sich schuldig gemacht, daß er trotz Alter und Krankheit auf diesen Kreuzweg geschickt wurde? Er hat bei seinen Predigten, bei der Verkündigung des Evangeliums eben nicht auf die Person gesehen (vgl. Mal 2,9), sondern sich gegen die Verfolgung von Juden oder die Ermordung von Behinderten ausgesprochen. Lichtenberg sagte Nein, nicht mit großer Rhetorik, sondern schlicht und einfach. Im Bernhard Lichtenberg-Lied Gespriesen bist du, herrlicher Gott heißt es dazu: „Bernhard, der erhob seine Stimme für die Juden und Kranke, damit Menschenrechte und Würde nicht wanken“ (3. Strophe). Wir wissen, daß Bernhard Lichtenberg ein treuer Zeuge des Evangeliums war und die Sakramente aus Gottes Ewigkeit den Menschen wie ein Licht in die Dunkelheit der Zeit hinein spendete. Aber er war kein Held und wollte auch keiner sein. Der Selige Bernhard suchte nicht das Martyrium, sondern wurde als Märtyrer erwählt. Nichts anderes tat er, als „von Herzen“ des Allerhöchsten „Namen in Ehren zu halten“ (Mal 2,2). Als er hier in Hof mit dem Gefangenentransport ankam, halfen Menschen, ihn ins hiesige Krankenhaus zu bringen. Als sie bemerkten, dass er dem Tode nahe war, riefen sie den Pfarrer von St. Marien, der ihm die Tröstungen der Kirche brachte. Nachdem er tot war, waren es wieder aufrechte Menschen in Hof, die dafür sorgten, daß sein Leichnam unversehrt nach Berlin zurückkehren konnte. Dadurch haben wir heute in der Kathedrale von Berlin mit seinem Grab einen Gnadenort. Bei der Seligsprechung von Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner am 23. Juni 1996 in Berlin erinnerte der Heilige Papst Johannes Paul II. in seiner Predigt, „daß dort, wo die Wahrheit Gottes nicht mehr geachtet wird, auch die Würde des Menschen verletzt wird. Wo die Lüge herrscht, regiert auch immer das falsche und böse Handeln“ (4). Und der Papst zitiert den Seligen Bernhard, der bei seiner Vernehmung durch die Gestapo zu Protokoll gibt: „Die Taten eines Menschen sind die Konsequenzen seiner Grundsätze. Sind die Grundsätze falsch, werden Taten nicht richtig sein ... Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Taten entstehen müssen“ (ebd.). In gewisser Weise spricht der Selige Bernhard von den Schriftgelehrten und Pharisäern seiner Zeit. 
 
3. Die Wahrheit wird euch befreien (Joh 8,32).
 
Die Wahrheit des Menschen liegt nicht darin, wie bedeutend er ist oder wie hoch er stehen mag. Die Wahrheit des Menschen liegt in Gott. Nur Er vermag es, in tiefstem Elend Licht zu sein und Trost und – ja, Freude. Wir machen uns oft sehr viel Sorgen um Dinge, die nicht wirklich wichtig sind. Im Glauben ist es nötig, die rechte Lehre mit dem richtigen Tun zu verbinden. Die Lehre ohne das angemessene Tun bleibt leer, die Taten ohne Beziehung zur Lehre sind blind. Das hat der Selige Bernhard gewusst. Und Papst Johannes Paul II. sprach prophetische Worte bei dessen Seligsprechung: „Das Beispiel des seligen Bernhard ruft uns auf, »Mitarbeiter für die Wahrheit« (vgl. 3 Joh 8) zu werden. Laßt Euch nicht beirren, wenn Gott und der christliche Glaube auch in unseren Tagen schlecht gemacht oder verspottet werden. Bleibt der Wahrheit treu, die Christus ist. Meldet euch mutig zu Wort, wenn falsche Grundsätze wieder zu falschen Taten führen, wenn die Würde des Menschen verletzt oder die sittliche Ordnung Gottes in Frage gestellt wird“ (4). Als Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland erteile ich Euch allen gerne am Ende dieser Heiligen Messe den Apostolischen Segen. Nehmt die Grüße des Bischofs von Rom und Hirten der Universalkirche mit nachhause und vor allem zu den Kranken. Mit der seligen Jungfrau Maria, der Königin der Märtyrer, erbitte ich, daß wir als Christen immer tiefer erfassen, was der Herr Jesus meint, wenn er uns auffordert: „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Mt 23,12). Amen.