17 10 29 Predigt von Nuntius Eterovic am 30. Sonntag im Jahreskreis in St. Wendel

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am 30. Sonntag im Jahreskreis – LJ A
Wendelinus - Jubiläumsjahr 2017

St. Wendel, 29. Oktober 2017
 

 
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben …Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,37.39).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Das Wort Gottes an diesem 30. Sonntag im Jahreskreis, das wir gehört haben, führt uns zunächst das „wichtigste und erste Gebot“ (Mt 33,38) vor Augen, nämlich die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Jesus Christus offenbart diese beiden Gebote, woran „das ganze Gesetz samt den Propheten“ (Mt 22,40) hängt, als Schlüssel, die alle Bereiche des Lebens erschließen sollen – das persönliche, familiäre und soziale Leben (I). Der Heilige Paulus preist die Gemeinde in Thessaloniki wegen ihres Glaubens an Gott, der „überall“ bekannt geworden ist (1 Thess 1,8). Es ist auch der Glaube des Heiligen Wendelin, der trotz aller Bedrängnis mit Freude im Heiligen Geist aufgenommen wurde und zum Vorbild für alle Gläubigen in der nahen und fernen Umgebung wurde (vgl. 1 Thess 1,6-7 - II). Ein vorbildliches Verhalten fordert die erste Lesung, wenn es um den Umgang mit den Fremden, den Witwen und Waisen und den Hilfsbedürftigen geht. Gott nimmt sich seines Volkes an, er hört das Klagegeschrei der Armen und hat Mitleid, wenn jemand zu ihm ruft (vgl. Ex 22,22.26). Damit erweist sich Gott als einer, der liebt, und mehr noch, der „die Liebe ist“ (1 Joh 4,16 – III). 
 
Bevor wir näher darüber reflektieren, möchte ich meiner Freude Ausdruck verleihen, an diesem Sonntag mit Euch diese Heilige Messe hier in der Basilika Minor von St. Wendel zu feiern, wo in diesem Jahr des 1.400 Todesjahres des Heiligen Wendelin gedacht wird, dessen Reliquien in dieser Kirche als kostbarer Schatz gehütet werden. Ich danke Eurem Hochwürdigen Herrn Pfarrer Klaus Leist für die Einladung, die ich gerne angenommen habe. Der Heilige Wendelin gibt Eurer Stadt den Namen, sein Glaubensleben sei also Euer Schmuck. Als Vertreter des Heiligen Vaters Franziskus in der Bundesrepublik Deutschland überbringe ich Euch allen die herzlichen Grüße und besten Wünsche des Bischofs von Rom und Hirten der Universalkirche. Durch den Titel einer Basilika Minor seid Ihr in besonderer Weise mit dem Papst verbunden. Wir wollen heute innig für ihn beten, der „als Nachfolger Petri das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ ist (LG 23). Am Ende der Heiligen Messe erteile ich Euch gerne den Apostolischen Segen. Nehmt dies mit nachhause und grüßt besonders die Kranken und all Eure Lieben!  
 
1. An der Liebe hängt alles.
 
Ein Lehrer des Gesetzes wollte Jesus auf die Probe stellen (vgl. Mt 22,35), wollte einen Beweis seiner Rechtgläubigkeit und fragt ihn hinterlistig nach dem wichtigsten Gebot. Jesus Christus, „der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht“ (Joh 1,18), zitiert das Herzensgebet der Juden: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,5). Der fromme Jude betet so jeden Tag das „Höre Israel“ (Dtn 6,4). Die Liebe zu Gott drückt sich einerseits in der Treue zu seinen Geboten aus, andererseits aber darin, gegenüber dem Nächsten ein offenes Herz und eine helfende Hand zu haben. So drückt es die erste Lesung des heutigen Sonntags aus dem Buch Exodus aus: den Fremden, die Witwen und Waisen und den Armen nicht ausbeuten oder ausnützen (vgl. Ex 22,20-22). Aus der Liebe zu Gott erwächst konsequent die Liebe zum Nächsten. Hiervon hat Jesus Christus endgültig die „Kunde gebracht“ (Joh 1,18), denn er verbindet die Gottes- und Nächstenliebe untrennbar. Der Glaube an Gott ist keine Theorie, sondern eine praktische Tat – oder wie es der Heilige Paulus ausdrückt: „Der Glaube, der durch die Liebe wirkt“ (Gal 5,6). Die Liebe zu Gott wird in der Liebe zum Nächsten fruchtbar. Die Christen sollen also durch ihr Leben Zeugnis von der Liebe geben, die sie erfüllt, und, wenn es sein muss, durch das Wort des Bekenntnisses. Dort, wo wir leben und arbeiten, in unseren Familien, in der Schule, am Arbeitsplatz, sind wir als Christen gerufen, lebendige Zeugen Jesu Christi zu sein und eifrige Missionare seines Evangeliums. Der Heilige Vater Franziskus wird nicht müde, uns immer wieder daran zu erinnern und hierfür zu ermuntern. Dazu gehört, dem Fremden zu helfen und ihn nicht auszunutzen. Der Heilige Wendelin war nach der Überlieferung ein iro-schottischer Königssohn, der auf dem Rückweg von einer Wallfahrt nach Rom in diese Gegend kam und von einem reichen Edelmann ein Stück Brot erbat. Der jedoch verweigerte jede Gastfreundschaft und schickte ihn auf das Feld, um die Schweine zu hüten. Wendelin hat diesen Knechtsdienst in aller Demut getan. Den Name des reichen Edelmannes kennt niemand mehr, doch Wendelin wurde zum „Vorbild für alle Gläubigen“ (1 Thess 1,7), denn er hat in aufrichtiger Liebe Gott und den Menschen gedient. Durch seinen Dienst an „dem lebendigen und wahren Gott“ (1 Thess 1,9) wurde er zum Missionar in diesem gesegneten Land der ehrwürdigen Kirche von Trier. 
 
2. Vom Königssohn zum Einsiedler.
 
Das Wirken des Heiligen Wendelin ist nach heutigen Maßstäben sehr bescheiden. Die Legenden zeigen uns einen Hirten, der als Einsiedler lebte und vermutlich auch die Abtei Tholey gegründet hat. Das 7. Jahrhundert war in dieser Gegend nach den vielen Umwälzungen und Verwüstungen durch die Völkerwanderungen geprägt von einer Atmosphäre der Gewalt und Rücksichtslosigkeit. Man war noch weit entfernt von einer christlichen Zivilisation, was den Heiligen Wendelin aber nicht abschreckte. Im Gegenteil, als gebildeter Mensch nutze er sein Wissen um Ackerbau und Viehzucht und brachte den Menschen geduldig bei, was er einst der Überlieferung nach dem reichen Gutsbesitzer gesagt hat: „Habt Frieden im Herzen durch Gott, der alles gutmachen kann“. Die Menschen haben nach und nach sicher gespürt, daß ihnen in diesem Wendelin ein Mensch geschenkt worden war, der ganz bei sich sein konnte. Dadurch entstand langsam und mit der Zeit so etwas wie ein Vorbild im Glauben. Denn der Einsiedler Wendelin zeigte durch sein Wirken eine neue Liebenswürdigkeit, die schöner und fruchtbarer ist, als jede grausame Tat der Ausbeutung. Wir können diese Art der Mission des Wendelin mit einem Wort des Nikolaus von Kues beschreiben, der an dieser Basilika von St. Wendel als Inhaber der Pfründen (1446-1464) seine Spuren hinterlassen hat. Cusanus hat die Kanzel gestiftet, von wo jahrhundertelang das Wort Gottes verkündet worden ist. In seiner Schrift von der Gottesschau (De Visione Dei) lässt er dem Menschen durch Gott sagen: „Sis tu tuus et ego ero tuus – Sei du dein, und ich werde dein sein“ (DV 7). Wenn der Heilige Wendelin als Einsiedler ganz bei sich war, so war Gott mit ihm. Und so verbreitete sich sein Glaubenszeugnis weit in das Land hinein, das heute seinen Namen trägt. Wenn der Heilige Paulus der Gemeinde in Thessaloniki schreibt, sie sei seinem Beispiel gefolgt, so wissen wir zunächst nicht, was er damit meint. Aber das Beispiel des Paulus ist auch das Beispiel des Wendelin. Und das besteht bei beiden nicht darin, daß sie zu den Menschen gekommen sind, „um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um … das Geheimnis Gottes zu verkünden“ (1 Kor 2,1). 
 
3. Gott ist die Liebe.
 
Wenn Jesus Christus das Doppelgebot der Liebe zum Dreh- und Angelpunkt des Evangeliums macht, weil daran alles hängt, das Gesetz und die Propheten, so verkündet er uns den guten und barmherzigen Gott, der nicht nur aus Liebe zu den Menschen handelt, sondern der selbst und in sich die Liebe ist. Der dreieine Gott, der Vater, Sohn und Heilige Geist, liebt den Menschen. Und in dieser Liebe wird der Mensch erst fähig, Gott und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Es ist der Kreislauf der Liebe, in den die Christen gestellt sind, damit sie dieser Welt durch ihr Leben einen Gott zeigen, der Barmherzigkeit will. So hat es der Heilige Wendelin durch sein Leben getan, indem er den Hilfsbedürftigen geholfen hat, den Ratsuchenden riet und den Verirrten Orientierung bot. Auch wir heute sollen durch ein christliches Leben den Menschen, die uns begegnen oder die uns anvertraut sind, Zeugnis davon geben, einem wie guten Gott wir dienen. 
 
Vertrauen wir unsere guten Vorsätze für ein überzeugendes christliches Leben der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter Jesu und unsere Mutter, die uns mit dem Heiligen Wendelin zu Jesus Christus führt, der jeden von uns anschaut und sagt:  „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben ... Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,37.39). Amen.