16 11 06 Predigt von Nuntius Eterovic bei der Einweihung der Kapelle der göttlichen Barmherzigkeit im Haus Concordia

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
zur Benediktion der Kapelle der göttlichen Barmherzigkeit

Herdorf-Dermbach, Haus Concordia, 6. November 2016


 
„Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (1 Petr 1,3).
 
Verehrte Priester und Ordensleute! 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Wir richten unseren Lobpreis an den guten und barmherzigen Gott für seine wunderbare Schöpfung und Erlösung. Wir tun dies mit dem Hymnus der ersten Lesung des Heiligen Apostels Petrus: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben und das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch aufbewahrt ist“ (1 Petr 1,3-4). Unter der Eingebung des Heiligen Geistes betont der Heilige Petrus den Glauben der Gläubigen, der zugleich das Fundament ihrer Hoffnung ist und das Mittel ihres Heils. Im Glauben sind die Christen mit Jesus Christus verbunden, den sie lieben, ohne ihn gesehen zu haben (vgl. 1 Petr 1,8). An ihn glauben sie, ohne ihn zu sehen. Die Frucht dieses Glaubens ist große Freude: Darum „jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil“ (1 Petr 8-9).
 
Liebe Brüder und Schwestern, in diesem Kontext des Lobpreises danke ich auch der göttlichen Vorsehung für die Gnade, diese Heilige Eucharistie mit Euch aus Anlass der Segnung der Kapelle im Haus Concordia in Herdorf-Dermbach zu feiern die nunmehr der göttlichen Barmherzigkeit geweiht ist. Ich danke in besonderer Weise dem Hochwürdigen Herrn Prälaten Stanislaw Budyn, dem Delegaten für die Pastoral an den polnischen Gläubigen in Deutschland, daß er mich zu dieser bedeutenden Zeremonie eingeladen hat. Ich ergreife die Gelegenheit, um auch die anderen Priester und Ordensleute zu grüßen und ihnen für ihren großherzigen Dienst und ihre Verfügbarkeit in der Seelsorge an den polnischen Katholiken auf dieser gesegneten Erde zu danken. Danke, daß Ihr so zahlreich zur Condordia gekommen seid, um am Ritus der Segnung dieser Kapelle teilzunehmen, in der das Bild des barmherzigen Jesus aufbewahrt sein wird. In den letzten beiden Jahren hat es auf einem Pilgerweg die polnischen Gemeinden in Deutschland besucht. Diese Kapelle wird ein bleibendes Zeichen für das Jahr der Barmherzigkeit sein, dass der Heilige Vater am kommenden 20. November, dem Christkönigssonntag beschließen wird. Im Namen von Papst Franziskus, den ich die Ehre habe, in der Bundesrepublik Deutschland zu vertreten, grüße ich Euch alle herzlich und danke Euch für diese pastorale Initiative, die den Gläubigen, die in verschiedenen Teilen Deutschlands leben, schon viele geistliche Früchte gebracht hat. Als Zeichen der Einheit mit dem Heiligen Vater, dem Bischof von Rom und Hirten der Universalkirche, erteile ich Euch gerne am Ende der Heiligen Messe den Apostolischen Segen. 
 
Im Licht des Wortes Gottes, das verkündet worden ist, möchte ich bei drei Aspekten verweilen, die für unser christliches Leben bedeutsam sind, besonders mit Blick auf die Barmherzigkeit Gottes, die uns das ganze Leben hindurch begleitet. Der erste Aspekt (I) ist dem Buch des Propheten Jesaja entnommen, der zweite (II) aus dem Johannesevangelium. Der dritte (III) schließlich ist die logische Zusammenfassung des Ereignisses und der Zeit, die wir erleben. 
 
1. Den Herren suchen.
 
Das Leben jedes Menschen sollte von der Suche nach dem Herrn charakterisiert werden. Es handelt sich um ein genuines Verlangen des menschlichen Herzens, das wir mit den Worten des Psalmisten beschreiben können: „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir“ (Ps 27,8-9). Wenn dies schon für jeden Menschen gilt, dann umso deutlicher für einen Christen. Er hat Jesus Christus in der Taufe und mittels der anderen Sakramente erfahren. Aber diese Suche kommt nie an ein Ende; sie begleitet den Gläubigen sein ganzes Leben insofern er gerufen ist, im Glauben, in der Hoffnung und der Liebe voranzuschreiten, um aus der Fülle Gottes „Gnade um Gnade“ (vgl. Joh 1,16) zu empfangen. Der Prophet Jesaja erinnert jedoch daran, daß es bevorzugte Zeiten gibt, in denen es leichter ist, Gott zu finden. Wir müssen Gott suchen, „solange er sich finden lässt“ (Jes 55,6). Die Zeit, in der wir leben, das Jahr der Barmherzigkeit, ist eine jener bevorzugten Zeiten, die wir nicht an uns vorüberziehen lassen dürfen. Um den Herrn unseres Heils zu finden ist es aber nötig umzukehren und das Herz von allem zu reinigen, was uns an der Begegnung mit Gott hindert: „Der Ruchlose soll seinen Weg verlassen, der Frevler seine Pläne“ (Jes 55,7). Das positive Ergebnis ist nicht unser Verdienst, sondern kommt aus der barmherzigen Güte unseres Gottes. Das bestätigt das Wort Gottes: Der Sünder „kehre um zum Herrn, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen“ (Jes 55,7). Auch wir, liebe Brüder und Schwestern, wollen uns verwandeln lassen vom Feuer des Heiligen Geistes, damit wir mit reinem Herzen Gott, den Vater, und unseren Herrn Jesus Christus lobpreisen können. 
 
2. Liebt einander!
 
Jesus hat uns gelehrt, wie wir uns Gottvater gegenüber und zum Nächsten verhalten sollen: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe“ (Joh 15,9). Dies wird möglich, wenn seine Gebote befolgt werden. Um jedes Missverständnis auszuschalten, erläutert er klar und deutlich, was sein Gebot ist: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12). Auch am Ende des heutigen Evangeliums wiederholt er: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“ (Joh 15,17). Es handelt sich um eine wesentliche Liebe, eine radikale Liebe, die bis zum Ende gilt, bis zum Tod: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13). Jesus Christus hat sein Leben für das Leben der Schafe hingegeben (vgl. Joh 10,15), das heißt für alle von uns. Diese Radikalität in der Liebe bringt Freude hervor: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird“ (Joh 15,11). 
 
Das Evangelium von heute ist ein Hymnus an die Liebe, welche die Beziehungen in Gott zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist beschreibt, aber auch das Leben der Christen, der Jünger Jesu, charakterisieren soll. Dank der Beziehungen der Liebe sind sie die Freunde Jesu geworden, denen er alles sagte, was er vom Vater gehört hat (vgl. Joh 15,15). Der Herr unterstreicht, daß es seine Initiative war, die Jünger, seine Freunde auszuwählen. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16). Jesus Christus hat die Jünger mit der Absicht ausgesandt, damit sie reiche und bleibende Frucht bringen: „Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Joh 15,16). Auf diese Weise sind die Freunde Jesu mit dem Meister verbunden. Alles, was sie in seinem Namen vom Vater erbitten, wird er ihnen geben (vgl. Joh 15,16).
 
Liebe Brüder und Schwestern, auch uns heute wiederholt der Herr Jesus das Lebensprogramm eines jeden Christen: Gott und den Nächsten zu lieben. Im Licht des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit erfassen wir nochmals besser den Inhalt dieses Programmes in dem Maß, wie sich jeder von uns persönlich, unsere Familien, unsere Gemeinschaften, die Kirche und die ganze Welt verwandeln.  
 
3. Barmherzig wie der Vater.
 
Die Kapelle, die wir gesegnet haben, erinnert uns auch in Zukunft an das Heilige Jahr, das zuende geht: das Jahr der Barmherzigkeit. Der Heilige Vater Franziskus hat in seiner päpstlichen Bulle Misericordiae vultus, in zahlreichen Predigten, Katechesen und Ansprachen einen der wichtigen Aspekte der christlichen Lehre über die Beziehungen Gottes zu uns, den Sündern, die zur Heiligkeit berufen sind, unterstrichen. Diese Beziehung des Schöpfergottes zum Menschen, seinem Geschöpf, kann man beschreiben mit dem Begriff der Barmherzigkeit. Gott, der die Liebe ist, wollte dem sündigen Menschen in seiner großen Güte und Barmherzigkeit begegnen und ihn durch das Ostergeheimnis seines eingeborenen Sohnes auf den Weg des Heils führen. Die Heilige Schrift ist voll von Beschreibungen der Barmherzigkeit Gottes, wie wir es während des Heiligen Jahres entdecken konnten. Es handelt sich um eine traditionelle Lehre der Katholischen Kirche. Es genügt die Erinnerung, daß der Heilige Johannes Paul II. 1980 eine Enzyklika geschrieben hat, deren Titel Dives in misericordia (Gott, der voll Erbarmen ist) lautet, womit ein Ausdruck des Heiligen Paulus aus dem Epheserbrief aufgegriffen wurde (Eph 2,4). Im Jahre 1992 hat er sodann das Fest der göttlichen Barmherzigkeit eingesetzt, das nach den mystischen Erfahrungen der Schwester Faustina Kowalska von Jesus selbst gewollt war, die der gleiche Papst im Heiligen Jahr 2000 heiliggesprochen hat. Papst Franziskus fordert uns auf, in unserem Leben nach dem Motto des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit zu handeln: „Barmherzig wie der Vater“. Hierzu hat er näher erläutert: „Es handelt sich nicht um einen wirkungsvollen Slogan, sondern um eine Lebensaufgabe. Um dieses Wort gut zu verstehen, können wir es mit der Parallelstelle aus dem Evangelium nach Matthäus vergleichen, wo Jesus sagt: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (5,48). In der sogenannten Bergpredigt, die mit den Seligpreisungen beginnt, lehrt der Herr, dass die Vollkommenheit in der Liebe besteht, der Erfüllung aller Vorschriften des Gesetzes. In derselben Perspektive erläutert der heilige Lukas, dass die Vollkommenheit die barmherzige Liebe ist: Vollkommen zu sein bedeutet, barmherzig zu sein“ (Generalaudienz am 21. September 2016). 
 
Liebe Brüder und Schwestern, auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der Mutter der Barmherzigkeit, wollen wir unsere Herzen der Gnade des Heiligen Geistes öffnen, damit jeder von uns und alle zusammen fortwährend den Herrn in unserem Leben suchen, und wir ihn in immer größerem Maß lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und all unserer Kraft, und den Nächsten wie uns selbst (vgl. Mt 22,37-39). Am Ende dieses Jahres der Barmherzigkeit vereinen wir uns in dieser feierlichen Eucharistie zur Gnadenhandlung und loben gemeinsam Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben und das unzerstörbare, makellose und unvergängliche Erbe empfangen, das im Himmel für euch aufbewahrt ist“ (1 Petr 1,3-4).