17 02 12 Predigt von Nuntius Eterovic am 6. Sonntag im Jahreskreis

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am 6. Sonntag im Jahreskreis – LJ A

Berlin, 12. Februar 2017


 
„Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Wir setzen die Überlegungen zur Bergpredigt fort. Schon drei Sonntage in Folge lenkt die Kirche unsere Aufmerksamkeit auf einige Aspekte des Programms, das Jesus seinen Jüngern offenbarte und im Verlauf der drei Jahre seines öffentlichen Wirkens erfüllt hat. Durch die Apostel und andere Jünger vertraut der Herr uns allen offenkundig diese Botschaft des Heils an, persönlich und als Glieder seines mystischen Leibes, seiner Kirche. 
 
Bevor wir bei einigen wichtigen Vorstellungen des Teils des Matthäusevangeliums verweilen, besonders bei der Erfüllung des Gesetzes, möchte ich die anthropologische Auffassung der Bibel anhand der ersten Lesung aus dem Buch Jesus Sirach aufzeigen, wo die Freiheit jene wichtige Dimension des nach dem Bilde Gottes geschaffenen Menschen ist. 
 
1. Das Geschenk der Freiheit (vgl. Sir 15,15-20).
 
Der nach dem Bilde Gottes geschaffene Mensch (vgl. Gen 1,27) ist ein freies Wesen. Die Freiheit ist eine der wesentlichen Charakteristiken des Menschseins. Der Mensch ist geschaffen, um frei Gott zu loben. Weil er aber frei ist, kann sich das Menschenwesen auch vom Willen Gottes entfernen, kann sündigen und das Geschenk der Freiheit missbrauchen. Daran werden wir schon am Anfang der Menschheit erinnert, da geschehen ist, daß Adam und Eva gesündigt haben und daher aus dem irdischen Paradies vertrieben worden sind (Gen 3,21-24). 
 
In seiner großen Güte und Barmherzigkeit hat Gott auch nach dem Sündenfall der Menschen das Geschenk der Freiheit nicht zurückgenommen. Im Gegenteil, auf verschiedene Weise und unterschiedlichen Zeiten suchte er den Dialog mit ihnen wieder herzustellen, indem er sie dazu aufrief, den Weg des Heils erneut zu gehen. In diesem Zusammenhang ist auch das Stück auf dem Buch Jesus Sirach zu sehen. Das Geschenk der Freiheit, das jeder Mensch besitzt, wird klar bekräftigt. Der inspirierte Text drückt diese Freiheit mittels zweier Symbolpaare aus: Feuer und Wasser und Leben und Tod. Diese Symbole sind jedem Menschen bekannt und den Israeliten durch verschiedene Beschreibungen in der Schrift besonders vertraut. Wir erinnern an die negative Bedeutung des Feuers, beispielsweise des Höllenfeuers, und den positiven Sinn des Wassers, zum Beispiel beim Durchzug durch das Rote Meer, den Weg der Befreiung und des Lebens. In der prophetischen Reflektion ist der Tod auch eine gemeinsame Bedingung der Menschen, die verbunden wird mit dem Leben, das den moralisch ehrenhaften und treuen Menschen als Auszeichnung des Herrn gewährt wird. 
 
Der Mensch muss sich frei für oder gegen Gott entscheiden. Das bedeuten die Worte: Der Herr „hat Feuer und Wasser vor dich hingestellt; streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt“ (Sir 15,16) und „der Mensch hat Leben und Tod vor sich; was er begehrt, wird ihm zuteil“ (Sir 15,17). Die Freiheit, die wir empfangen haben, ist mit der Verantwortung verbunden. Das Böse hängt von unserem freien Willen ab und kann nicht Gott oder dem Schicksal angelastet werden. „Keinem gebietet er zu sündigen und die Betrüger unterstützt er nicht“ (Sir 15,20). 
 
2. Ich bin gekommen, um das Gesetz zu erfüllen (vgl. Mt 5,17).
 
Im Matthäusevangelium versichert Jesus Christus seinen Respekt vor dem Gesetz und den Propheten, was in dieser Ausweitung das ganze Alte Testament meint. Jesus erklärt klar: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17). In der Folge präzisiert er mit Autorität, worin diese Erfüllung besteht. Er tut dies auf negative Weise: „Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20). Die Schriftgelehrten und Pharisäer beachten den Buchstaben des Gesetzes, ihre äußere Bedeutung. Für einen Jünger Jesu Christi aber reicht dies nicht. Er muss das Gesetz zu seiner Erfüllung bringen, was bedeutet, er muss sein Herz ändern nach der Weisung des Herrn. Er reichen jene zwei Beispiele, um das Denken Jesu Christi in Verbindung mit den Geboten „nicht zu töten“ und „keinen Ehebruch zu treiben“ aufzuzeigen. 
 
- „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein“ (Mt 15,21-22). Der Jünger Jesu darf seine Brüder nicht mit verletzenden Worten beleidigen, mehr noch, wenn etwas unter ihnen strittig ist, soll man sich versöhnen, bevor man seine Gaben zum Altar bringt. Nicht ausreichend ist, nicht zu leiblich zu töten. Es ist wichtig, ein reines Herz zu haben, niemanden zu hassen, denn jede Gewalt beginn im Herzen. Die Lehre Jesu kann als Beispiel zur Anwendung der Seligpreisungen dienen, besonders jener, die heißt: „Selig die Sanftmütigen“ und „Selig die Friedensstifter“. 
 
- „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5,27-28). Aufs Neue legt Jesus Christi den Akzent auf das Herz, das Zentrum des Menschen, seiner Intelligenz und seines Willens. Er hat übrigens verkündet: „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). In einem Streitgespräch mit den Schriftgelehrten und Pharisäern hat er sodann gesagt: „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen“ (Mt 15,19). 
 
Liebe Schwestern und Brüder, Freiheit ist das große Geschenk Gottes. Sie ist zugleich ein hohes Gut der Menschen. Freiheit aber bildet mit der Verantwortung eine Einheit. Die wahre Freiheit besteht darin, sich für Gott und seinen Willen entscheiden. Angesichts unserer zerbrechlichen Natur und der Neigung zur Sünde können wir nur sehr schwer gut die Freiheit leben, die Gott uns anvertraut hat. Er aber kommt uns entgegen und schenkt uns seine Gnade, um der Verlockung des Bösen zu widerstehen und dem Guten jeden Tag unseres Lebens zu folgen. Er schenkt uns das Sakrament der Versöhnung, wenn wir gesündigt haben, um die Gnade erneut aufzurichten und mit Ihm der seligen Herrlichkeit im Himmel entgegenzugehen, wo wir die christliche Freiheit in Vollendung verwirklichen werden, wenn wir Gott den Vater, Sohn und Heiligen Geist für immer in der Gemeinschaft der Heiligen loben werden. 
 
Erflehen wir vom dreieinen Gott auch das Geschenk eines reinen Herzens, um jede menschliche Person mit den Augen Jesu sehen zu können. ER, der „gütig und von Herzen demütig“ ist, entferne aus unseren Herzen jeden Hang zur Rivalität, zur Gewalt und zum Hass. 
 
Die selige Jungfrau Maria ist in der Schule ihres Sohnes der Lehre Jesu auf besondere Weise gefolgt. Ihrer mächtigen Fürsprache vertrauen wir unsere Bitte an, die Gabe eines reinen, gütigen und demütigen Herzens zu erlangen, damit wir in verantworteter Freiheit unserer christlichen Berufung folgen können: in der Weisheit Jesu das Gesetz erfüllen (vgl. Mt 5,17). Amen.