17 02 19 Predigt von Nuntius Eterovic am 7. Sonntag im Jahreskreis

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am 7. Sonntag im Jahreskreis – LJ A

Berlin, 19. Februar 2017


 
„Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
Es gibt eine starke Parallele zwischen der ersten Lesung aus dem Buch Levitikus und dem heutigen Evangelium des Heiligen Matthäus. Sie wird durch den Vergleich zweier starker Aussagen wahrgenommen: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19,2) und „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). Beide Sätze stammen von Gott selbst. JHWH hat sich dem Mose zuerst geoffenbart, indem er sagt: „Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19,2). Der zweite Ausspruch stammt von Jesus Christus und zeigt das Fundament der Bergpredigt: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48).
 
Worin besteht die Heiligkeit und Vollkommenheit der Gläubigen? Das Wort Gottes bietet einige bedeutsame Anhaltspunkte für unsere Überlegungen. 
 
1. „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19,2).
 
Im Buch Levitikus wird über die Umsetzung der Zehn Gebote in die Praxis reflektiert. Das ganze Gesetz und seine Vorschriften haben zum Ziel, die Heiligkeit der Menschen nach dem Ideal Gottes, dem einzig Heiligen, zu fördern: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19,2). Der Gott Israels ist heilig, darum sollen die Glieder des Volkes Gottes zur Heiligkeit streben. Daher soll es unter den Israeliten keinen Hass mehr geben, keine Boshaftigkeit und keine Rache. Man soll sich im Gegenteil nach der Maxime verhalten: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19,18). 
 
Aus der Heiligen Schrift wissen wir aber, daß es auch bei den Angehörigen des Volkes Gottes große Probleme gab. Auch die heutige Lesung räumt Gründe dafür ein, den Nächsten zu tadeln. Es wird aber vorgeschlagen, dies offen zu tun, auch um keine Sünde auf sich zu laden. Im Stück des Evangeliums erwähnt Jesus das Gesetz der Vergeltung, das im Alten Testament Anwendung findet: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn“ (Mt 5,39). Dieses Gesetz hatte eine positive Funktion in der Gesellschaft, indem es die Rechtsprechung begrenzte. Sie durfte nicht unverhältnismäßig sein, sondern wurde in den Grenzen des begangenen Verbrechens angewandt. Es handelte sich um eine sehr menschliche Rechtsprechung, die den geistlich Empfindsamen in Israel nicht mehr genügte. Unter dem Einfluss des Heiligen Geistes entdeckten sie immer mehr die Heiligkeit von JHHW und sehnten sich in der Konsequenz nach einer höheren Gerechtigkeit, die mit den Beziehungen zwischen den Gliedern des erwählten Volkes beginnt.
 
2. „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48).
 
Das, was im Alten Testament schon angelegt ist, hat Jesus Christus zur Vollendung geführt, nicht auf theoretische Weise, sondern indem er es auf sein eigenes Leben hin angewandt hat. Seine Jünger forderte er ebenfalls auf, sich auf die gleiche Weise zu verhalten. Der Herr überstieg die Grenzen eines Volkes, auch des erwählten Volkes, und verkündete eine universale Brüderlichkeit. Auch gab sich Jesus nicht mit der Liebe zum Nächsten zufrieden, sondern weitet das Liebesgebot auf die Feinde aus. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,43-44). Die Ursache dieser Liebe findet sich im Verhalten von Gottvater. Tatsächlich sind die Christen „Söhne eures Vaters im Himmel …; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Die Gerechtigkeit der Christen muß die der Pharisäer übersteigen (vgl. Mt 5,20), welche nur die lieben, die sie lieben und grüßen, welche sie grüßen (vgl. Mt 5,46-47). 
 
Die Feinde lieben, das ist eines der wesentlichen Gebote des Herrn. Jesus Christus war sich der Bedeutung bewußt und hat einige Hinweise gegeben, die uns helfen können, den Sinn dieses Gebotes zu verstehen und in die Praxis umzusetzen. 
 
Der Herr Jesus fordert uns auf, unsere Feinde zu lieben und für unsere Verfolger zu beten. Über die Worte hinaus hat uns Jesus das Beispiel seines Lebens gegeben. Am Holze des Kreuzes gekreuzigt, betet er zu Gottvater zugunsten seines Feinde, jener, die ihn verurteilt und gekreuzigt haben: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Der erste Märtyrer, der Heilige Stephanus, ist dem Beispiel des Meisters gefolgt. Auch er hat für seine Verfolger gebetet, bevor er starb: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“ (Apg 7,60). Sein Gebet wurde wirksam bei der Umkehr des jungen Saulus, der den Mord an Stephanus billigte (vgl. Apg 8,1). Vom Heiligen Geist erleuchtet, hat der Heilige Paulus über das Liebesgebot zum Nächsten, einschließlich des Feindes, nachgedacht und eindrücklich im Brief an die Römer geschrieben: „Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht. .. Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt (Röm 12,14.17-20). „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute“ (Röm 12,21).
 
Die Feindesliebe improvisiert nicht. Sie setzt das Gebet für die Feinde voraus. Und das christliche Gebet kommt aus dem von jedem Hass und Rachedurst gereinigten Herzen. Das Gebet befähigt daher den Christen dazu, zum Verzeihen bereit zu sein. Das zeigt eine große Kraft innerer Reinigung, was an erster Stelle eine Gabe Gottes ist, aber auch das Ergebnis des Zusammenwirkens des Menschen mit der göttlichen Gnade ist. In diesem Sinn hat der Christ in sich die schillernde Macht des Neides, des Hasses, der Rache, der Gewalt besiegt und weiht sich mit freiem und bereitem Geist seinen persönlichen, familiären und sozialen Aufgaben. Er ist bereit zu verzeihen und erwartet, daß auch sein Feind eine solche geistliche Reife erlangt. Es handelt sich nicht um eine Illusion. Wir haben ein leuchtendes Beispiel in den polnischen und deutschen Bischöfen, die im Namen ihrer beiden Völker diese christliche Vergebung gewährten. Vor über 50 Jahren im Jahre 1965 haben die Bischöfe aus Polen die bekannte christliche Forme geprägt: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Diese christliche Haltung hat dabei geholfen, nach der Tragödie des zweiten Weltkrieges die respektvollen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Völkern wieder aufzunehmen. 
 
Liebe Brüder und Schwestern, vertrauen wir unsere Überlegungen der mächtigen Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter Jesu und unserer Mutter. Wenn wir ihrem Beispiel folgen, das Leben vollständig dem Lob Gottes zu weihen, erreichen wir die Gnade der Heiligkeit und der Vollkommenheit gemäß dem Wort Gottes, das heute und alle Tage unseres Lebens fest in unseren Herzen verankert sein möge: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19,2) und „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5,48). Amen.