17 03 05 Predigt von Nuntius Eterovic am 1. Fastensonntag

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Predigt des Apostolischen Nuntius 
Erzbischof Dr. Nikola Eterović
am 1. Fastensonntag – LJ A

Berlin, 5. März 2017

 
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“ (Mt 4,4).
 
Liebe Brüder und Schwestern!
 
An diesem ersten Fastensonntag legt uns die Kirche den Abschnitt aus dem Matthäusevangelium über die Versuchungen Jesu Christi vor. Wir verweilen bei der Bedeutung jeder dieser drei Versuchungen für Jesus, für jeden von uns und für die Kirche. Zunächst aber ist es nötig, die Analogie zwischen der ersten Lesung aus dem Buch Genesis und dem heutigen Evangelium zu unterstreichen. In beiden biblischen Abschnitten werden die Versuchungen beschrieben. Aber während die handelnden Personen in der Genesiserzählung, Adam und Eva, den Versuchungen erliegen, besiegt die Figur des neuen Adam (vgl. Röm 5,14), Jesus Christus, den Versucher. Daher kann man zusammenfassen, daß die Versuchungen nicht in sich negativ sind. Im Übrigen schreibt der Evangelist Matthäus, daß Jesus nach der Taufe „vom heiligen Geist in die Wüste geführt wurde; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt zu werden“ (Mt 4,1). Der Heilige Geist, gegenwärtig in den Versuchungen Jesu, führt Jesus in die Wüste, dem Ort der Einsamkeit und größeren Nähe zu Gott, damit er versucht werde und damit Jesus die Fallstricke des Satans besiegt. Ähnlich erlauben uns die Versuchungen, daß wir uns für Gott entscheiden oder gegen Gott, für seinen Willen oder gegen dessen Gebote. Wenn der Christ den Weg Jesu geht und die Versuchungen besiegt, wird er in seinem geistlichen Leben erwachsen. 
 
So wollen wir über die Versuchungen Jesu nachdenken, die wir in Synthese aufzeigen können als Versuchung des Materialismus (I), des religiösen Exhibitionismus (II) und des Götzendienstes (III). 
 
1. Die Versuchung des Materialismus.
 
Mit diesen Worten können wir die erste Versuchung zusammenfassen, die der Versucher in hinterhältige Worte kleidet: „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“ (Mt 4,3). Jesus hatte vierzig Tage und Nächte gefastet, und somit bekam er in der Folge Hunger. Der Versucher nutzt diese objektive Situation aus und schlägt Jesus vor, ein Wunder zu wirken und Steine in Brot zu verwandeln. Die Antwort des Herrn Jesus: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“ (Mt 4,4), greift die Lehre des Buches Deuteronomium auf. Gott hat die Juden in der Wüste mit Manna genährt, damit sie verstehen, „dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht“ (Dtn 8,3). Mit seiner Antwort unterstreicht Jesus die spirituelle Dimension seiner Sendung. Er hätte das Wunder wirken können, das der Satan ihm vorschlug. In den Evangelien sind auch Brotvermehrungswunder beschrieben (vgl. Mt 15,32-39; Joh 6,1-14), aber in einem eucharistischen Zusammenhang. Jesus wollte sich damit nicht in den Vordergrund spielen, sondern seine Wunder hatten eine katechetische Funktion: das vermehrte materielle Brot verblieb als das geistliche der Eucharistie. In der Wüste hat Jesus sich dem Gebet und der Betrachtung des Gotteswortes gewidmet. Auch nach 40 Tagen der besonderen Nähe zu Gottvater hatte Jesus in der Gnade des Heiligen Geistes noch das Bedürfnis, dem Wort Gottes und den geistlichen Werten den Vorrang zu geben. Jene materiellen Dinge werden folgen, wie es im Bericht über die Versuchungen durchscheint. Das heutige Evangelium schließt mit der Bemerkung, als der Teufel von ihm abließ, „kamen Engel und dienten ihm“ (Mt 4,11). 
 
Für jeden von uns hat die Lehre Jesu große Bedeutung. Auch wir müssen unser Leben dazu widmen, das Wort Gottes zu kennen und in die Praxis umzusetzen. Der Herr hat übrigens seine Jünger aufgefordert, sich wegen der materiellen Güter, darüber, was sie essen, trinken oder anziehen sollen, keine Sorgen zu machen und fügt hinzu: „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6,33). 
 
Auch die Kirche ist dazu aufgerufen, dem Wort Gottes und der Verkündigung des Evangeliums vor allen diesen materiellen Notwendigkeiten der Menschen unserer Zeit den Vorrang einzuräumen. Die kirchliche Gemeinschaft wie auch die katholischen Verbände dürfen nicht in die Versuchung fallen, daß sich ihr Dienst allein darin erschöpft, die materiellen Güter für die Hilfsbedürftigen zu beschaffen. Das ist wichtig und auch dringend, aber diese materielle Hilfe muss eine Frucht und Konsequenz aus dem Wort Gottes sein, das den Hunger des Geistes stillt und den Christen zum Teilen der Güter anspornt, ihn also frei macht vom Übermaß der Sorgen um das Materielle. 
 
2. Die Versuchung des religiösen Exhibitionismus.
 
Der Versucher ist gerissen. Als er bemerkt, daß Jesus der ersten Versuchung mit einem Schriftzitat begegnet, dient auch ihm ein biblisches Wort aus dem Psalm 90,11-12, um den Herrn aufs Neue zu versuchen: „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Mt 4,6). Jesus entgegnet auf diese neuerliche Versuchung mit Worten aus der Bibel: „In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“ (Mt 4,7). Jesus will die Phantasie der Leute nicht durch ein spektakuläres Wunder anstacheln. Seine Sendung folgt einem ganz anderen Weg, nämlich dem der Demut, des Kreuzes und des Todes, der den Sieg in der Auferstehung erringt. 
 
Auch wir müssen als Jünger Jesu jeder Versuchung des religiösen Exhibitionismus widerstehen. Sie zeigt sich auch in der übertriebenen Suche nach Wundern und übernatürlichen Zeichen, wie beispielsweise den Erscheinungen der Gottesmutter oder der Heiligen. Es gibt Menschen, die von einem Ort zum anderen pilgern, wo sich diese übernatürlichen Erscheinungen ereigneten. Jesus mahnt uns zur Nüchternheit des Evangeliums. Es gibt Wunder, aber nicht, um ein lautes Spektakel zu machen, religiösen Exhibitionismus also, sondern um Gott für die großen Wohltaten im Leben vieler Menschen zu danken, die ihn anrufen und seine geistliche und materielle Hilfe benötigen. 
 
Jesus und der Versucher kommunizieren miteinander durch biblische Zitate. Dies wiederholt sich oft auch in der Kirche, einschließlich der Kontroversen. Aber Jesus mahnt uns, vorsichtig zu sein und die biblischen Worte nicht aus dem Zusammenhang der Heiligen Schrift zu reißen, und dies auch nicht auf übertriebene Weise zu tun. Auch muss die Bibel getreu im Kontext der lebendigen Tradition der Kirche und des Lehramtes interpretiert werden. 
 
3. Die Versuchung des Götzendienstes.
 
Der Versucher offenbart sich vollständig in der dritten Versuchung. Nun zitiert er nicht mehr die Bibel, sondern zeigt alle Reiche der Welt und sagt zu Jesus: „Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest“ (Mt 4,9). Mit Entschiedenheit wehrt Jesus dieses Ansinnen ab: „Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen“ (Mt 4,10). Auch mit dieser Antwort bezieht sich Jesus auf die Lehre der Schrift (vgl. Dtn 6,13). Er lehnt unmissverständlich die Versuchung Satans ab. Sein Reich ist nicht von dieser Welt (vgl. Joh 18,36). Jesus Christus will nicht im politischen Sinne handeln. Seine Sendung ist wesentlich spirituell, er will die Menschen in seiner Kirche versammeln, die durch die Verfolgungen in dieser Welt der Herrlichkeit des Himmels entgegengeht (Apg 14,22). 
 
Der Christ, der persönlich und als Glied der kirchlichen Gemeinschaft Jesus Christus nachfolgt, muss sich jedes Götzendienstes enthalten. Er ist gerufen, allein den einen Gott anzubeten (vgl. Ex 20,2-5) und nicht falsche Götter oder Idole der Macht, der Lust oder des Reichtums. In diesem Sinne müssen die Aufforderung Jesu und sein Beispiel stets unserem christlichen Leben im persönlichen, familiären und sozialen Umfeld die Richtung angeben. Die Anbetung gehört allein Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Andere Menschen, wie es beispielsweise die römischen Kaiser waren, respektiert der Christ, aber er betete sie nicht an. Aus gutem Grund betet der Jünger Jesu weder die politische, noch die ökonomische oder soziale Macht an. Er ist sich bewußt, daß er, wenn er einen besonderen Platz in der Kirche einnimmt oder in der Gesellschaft wichtig geworden ist, dazu gerufen bleibt, dem Nächsten zu dienen und das Gemeinwohl zu fördern und so dem Beispiel Jesu Christi zu folgen, der „nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45). 
 
Liebe Brüder und Schwestern, die Umsetzung unserer Überlegungen in die Praxis vertrauen wir der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter Jesu und Mutter der Kirche. Sie ist dem Beispiel ihres Sohnes Jesus gefolgt und hat das Wort Gottes gehört, in der Bescheidenheit des Lebens in Nazareth, in der Anbetung des allmächtigen Gottes. Sie hilft auch uns im Lauf unseres ganzen Lebens und nicht nur während der Fastenzeit, unsere christliche Berufung auf diese Weise zu leben. Amen.