07 11 25 Interview von Nuntius Périsset mit dem "Vatican-Magazin"

Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. PDF | Drucken | E-Mail




ERSTES INTERVIEW DES APOSTOLISCHEN NUNTIUS IN DEUTSCHLAND
ERZBISCHOF DR . JEAN-CLAUDE PERISSET
MIT DEM "VATICAN-magazin"




-- Exzellenz, wie haben Sie Ihre Ernennung aufgenommen? Waren Sie überrascht?

JEAN-CLAUDE PÉRISSET: Nicht besonders. Schon seit Ostern waren Gerüchte im Um-lauf, dass Nuntius Erwin Josef Ender nach seinem siebzigsten Geburtstag zurücktreten würde und meine Wenigkeit an seiner Stelle ernannt werden sollte. Ich habe diesen „rumores" nicht all zu viel Gewicht beigemessen, denn es handelt sich schließlich immer nur um Gerüchte, solange die Oberen ihre Entscheidung nicht selbst bekannt geben. Ich habe also weiterhin ruhig meine Arbeit gemacht.

-- Sind Sie mit der Situation der katholischen Kirche in Deutschland vertraut?

Es wäre wohl zuviel gesagt, wenn ich be-haupten würde, dass ich gut mit ihr vertraut bin, aber sie ist mir natürlich bekannt. Zunächst, weil Deutschland ein Nachbarland meiner Heimat, der Schweiz, ist. Obwohl ich aus dem französischsprachigen Kanton Fribourg stamme, habe ich persönlich stets den Blick nicht nur nach Frankreich, sondern auch nach Deutschland gerichtet. Als Offizial meiner Diözese habe ich dann an den Jahresversammlungen der Offiziale deutscher Sprache teilgenommen, die in Würzburg oder in Augsburg abgehalten wurden. Besonders gerne erinnere ich mich an das Treffen, das kurz nach der deutschen Wiedervereinigung stattgefunden hat. Später habe ich dann als beigeordneter Sekretär des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen Deutschland verschiedentlich besucht. Zweimal war ich etwa bei den ökumenischen Treffen, die das Johann-Adam-Möhler-Institut in Paderborn veranstaltet. Da ich die deutsche Sprache beherrsche, konnte ich das Leben der katholischen Kirche in Deutschland immer direkt verfolgen.

-- Wie beurteilen Sie diese Ortskirche?

Ich denke, dass sie etwa mit dem Weltjugendtag in Köln gezeigt hat, wie lebendig sie ist, auch wenn es hier natürlich nicht - wie beinahe überall - an Problemen und Herausforderungen fehlt. Vor Pfingsten bin ich zum Abschluss der Renovabis-Aktion nach Deutschland gefahren und habe bei den Feierlichkeiten im Würzburger Dom eine lebhafte Beteiligung der Bevölkerung erleben können. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch ein Benediktinerkloster der Gegend besucht, an dessen Namen ich mich jetzt nicht erinnere, und war überrascht, dort vor allem viele junge Menschen anzutreffen. Kürzlich habe ich den Besuch eines deutschen Mitbruders erhalten, der früher im Vatikan gearbeitet und der mir gesagt hat, dass in seiner Diözese Augsburg die Berufungen auszureichen scheinen, um den derzeitigen Bedarf zu decken. Die Lage der deutschen Kirche scheint mir augenblicklich also durchaus positiv zu sein. Und ich freue mich, dass ich bald als Nuntius daran teilhaben darf.

-- Wie sehen Sie die Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft in Deutschland?

Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat sind in Deutschland strukturell klar definiert. Die Tatsache, dass die katholische Kirche dort auf eine lange Tradition des sozialen Engagements zurückblickt, hat bewirkt, dass sie sicherlich auch heute mit dem, was sie sagt und tut, Einfluss auf die Gesellschaft und auch auf die Politik des Landes nimmt. Natürlich muss die Kirche bei der Ausübung ihres Auftrags stets der von Jesus Christus vorgegebenen Linie - für die das Lehramt verantwortlich ist - folgen. Ich glaube, dass die heutige Zeit für die Kirchen, die einen gesellschaftlichen Einfluss ausüben wollen, günstig und voller Herausforderungen ist. Man darf jetzt nur nicht schlafen.

-- Wie bewerten Sie die Rolle Deutschlands in der Europäischen Union?

Deutschland wird häufig als Motor der Europäischen Union bezeichnet. Das stimmt sowohl aufgrund der demografischen Zahlen, vor allem aber aufgrund der starken Wirtschaft, da heute gerade die Wirtschaft die politischen und sozialen Entscheidungen bestimmt. Die kirchliche Soziallehre ruft uns in Erinnerung, dass Güter mit einer sozialen Hypothek verbunden sind. Ich hoffe, dass auch Deutschland mit seiner Politik darauf achtet, nicht nur um des Verdienstes wegen zu produzieren, sondern auch, um den weniger erfolgreichen Ländern helfen zu können. Das würde dem schönen Brief entsprechen, den der Papst dieses Jahr an Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Funktion als Regierungschefin des Landes, in dem im Juli der G8-Gipfel stattgefunden hat, geschickt hatte.

-- Manchmal ist von einem antirömischen Affekt die Rede, der gerade in der deutschen Kirche besonders stark zu spüren sei. Wie sehen Sie das?

Ich erinnere mich noch daran, dass ich mit großem Interesse das Buch „Der antirömische Affekt" von Hans Urs von Balthasar gelesen habe. Dieses Buch hat sich jedoch vor allem an meine Heimat, also an die Schweiz gewandt, wo dieser antirömische Affekt verwurzelt ist und schon vor dem letzten Weltkrieg vorhanden war. Ich denke, dass man den antirömischen Affekt in mehr oder weniger starker Ausprägung überall finden kann. Ich würde jedoch statt von einem antirömischen Affekt lieber von einer Tradition größerer Autonomie der Ortskirchen gegenüber der Kirche Roms sprechen, die in gewisser Weise vom Zweiten Vatikanischen Konzil aufgewertet und gefördert worden ist. Wenn hier übertriebene Vorstöße versucht werden, muss man den Grund dafür erkennen und nach einem Weg suchen, dieses Verhalten zu überwinden. Wichtig ist, dass man stets die richtige Autonomie der Ortskirchen in die Einheit der Gesamtkirche einzubinden weiß. Und für diese Einheit trägt Rom letztlich die Verantwortung. Ich hoffe jedenfalls, einen solchen antirömischen Affekt in Deutschland nicht anzutreffen, denn es wäre unweigerlich auch ein Anti-Nuntius Affekt ...

-- Was für ein Gefühl ist es, Nuntius in der Heimat des derzeitigen Papstes zu sein?

Ich habe das Gefühl, dass mir der Papst durch den Entschluss, mich in seine Heimat zu entsenden, das Zeichen einer gewissen Zuneigung und eines gewissen Vertrauens zukommen lässt. Andererseits bringt das natürlich auch eine große Verantwortung mit sich. Ich werde versuchen müssen, mich in den Heiligen Vater hineinzudenken, der die Situation der Kirche in Deutschland viel besser kennt als ich. Ich werde folglich viel zu lernen haben. Das wird sicher ein Ansporn und eine Herausforderung für meine neue apostolische Arbeit sein.

-- Hatten Sie Gelegenheit, den vormaligen Kardinal Ratzinger persönlich kennen zu lernen?

Als ich in Rom war, habe ich, vor allem in der Sonderkommission für die Behandlung von Eheannullierungsverfahren „in favorem fidei" mit der Glaubenskongregation zusammengearbeitet. Ich war mit der Aufgabe betraut, die Verfahren deutscher Sprache zu prüfen. Als Sekretär des Einheitsrats habe ich dann gemeinsam mit Kardinal Ratzinger ein Buch zur Ökumene vorgestellt. Bei dieser Veranstaltung habe ich - wie es mir mein Professor an der Gregoriana, der Jesuitenpater Jean Beyer, beigebracht hatte - daran erinnert, dass die Theologen manchmal gut daran täten, auf die Kirchenrechtler zu hören, um präziser in ihren Aussagen zu sein. Kardinal Ratzinger hat diese Aussage mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Es hat mir immer gefallen, dass er in seinen Schriften häufig das Kirchenrecht zitiert, um gewisse Vorstellungen klarer verständlich zu machen.

-- Sie haben bereits erwähnt, dass Sie zwei Jahre - von Ende 1996 bis Ende 1998 - als Sekretär im Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen an Seite des Präsidenten, Kardinal Edward Idris Cassidy, und des kürzlich verstorbenen Sekretärs, Bischof Pierre Duprey, gearbeitet haben. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit?

Eine meiner ersten Aufgaben war die Arbeit an der Konsens-Erklärung über die Rechtfertigungslehre mit den Lutheranern. Die Konsens-Erklärung sollte dann 1999 in Augsburg unterzeichnet werden, als ich bereits Nuntius in Rumänien war. Diese Erklärung war für mich beispielhaft dafür, wie man die Einheit der Christen auch bei besonders schwierigen Fragen schneller und sicherer erreichen kann: Dadurch, dass man nichts aufdrängt, sondern die gemeinsamen Grundlagen des Glaubens genau erklärt. In diesen beiden Jahren habe ich also die Lutheraner tiefer schätzen gelernt, die sich von den Kalvinisten unterscheiden, die ich von meiner Arbeit als Pfarrvikar in Genf gut kannte.

-- Als Nuntius in Rumänien haben auch Sie Johannes Paul II. in Bukarest empfangen. Es war das erste Mal, dass ein Papst einem mehrheitlich orthodoxen Land einen Besuch abgestattet hat. Welche Ergebnisse hatte diese historische Pilgerfahrt eines Papstes?

Der erste Erfolg dieser Reise im Mai 1999 bestand darin, dass der Papst aus Rom wie ein Bruder empfangen wurde und nicht wie jemand, der etwas aufdrängen möchte. Johannes Paul II. hat sich dadurch, dass er in der Landessprache gesprochen hat, die Herzen der Rumänen, die ein sehr gastfreundliches Volk sind, sofort erobert. Ich habe die drei Tage dieser päpstlichen Reise als drei Tage der Gnade bezeichnet. Übrig geblieben von diesem Besuch ist die Botschaft, dass die katholische Kirche die anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften nicht vereinnahmen will, sondern dass sie den gleichen Glauben und die gleiche Eucharistie mit ihnen teilen möchte. Wenn die Frucht der Ökumene wirklich die Versöhnung in der Verschiedenheit sein soll, dann war diese Reise ein Beispiel wahrer Ökumene.

-- Hat sich diese Reise auch auf den örtlichen Dialog zwischen der katholischen Kirche - sowohl mit ihrem lateinischen als auch mit ihrem byzantinischen Ritus - und der orthodoxen Kirche in Rumänien positiv ausgewirkt?

Es stimmt natürlich, dass bis jetzt das Problem besteht, jene Güter der katholischen Kirche an ihre legitimen Eigentümer zurückzugeben, die nach dem Krieg vom kommunistischen Regime konfisziert und dann der orthodoxen Kirche zugewiesen worden sind. Aber das hindert nicht an der Möglichkeit, Fortschritte im Dialog und im Zusammenleben zu machen. Es handelt sich um materielle Hindernisse, die zwar wichtig, aber nicht unüberwindbar sind und die das andere nicht beeinträchtigen. Das hat sich etwa beim Begräbnis von Patriarch Teoctist gezeigt. Ich war überrascht, dass so viele positiv an seinen Empfang von Johannes Paul II. in Bukarest sowie an seine darauf folgende Reise nach Rom erinnert haben, die ebenfalls historisch und symbolisch von großer Bedeutung war.

-- Sie haben auch dem kürzlich erfolgten Wechsel des Patriarchen beigewohnt. Wie bewerten Sie Daniel als Nachfolger von Teoctist, auch hinsichtlich der ökumenischen Beziehungen sowohl auf lokaler als auch auf internationaler Ebene?

Personen sind in den ökumenischen Beziehungen nur von relativer Bedeutung. Ich denke jedoch, dass man einige Jahre abwarten muss, um dem neuen Patriarchen Zeit zu geben, seinen pastoralen und theologischen Stil zu finden und sich als Kirchenführer zu profilieren. Es scheint mir also noch ein wenig früh, um die von Ihnen erbetene Bewertung vornehmen zu können.

-- Exzellenz, sind Sie traurig, Bukarest gegen Berlin eintauschen zu müssen?

Ein wenig schon, denn ich habe mich bereits wie ein Rumäne gefühlt. Doch in Deutschland werde ich mich sofort wie ein Deutscher fühlen, denn meine gedankliche Einstellung lautet: Ich gehöre dorthin, wo ich lebe. Daher kann ich sagen, dass auch ich von jetzt an ein Berliner werde.