15 02 12 Interview der KirchenZeitung - Die Woche im Bistum Hildesheim mit Nuntius Eterovic

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Interview der KirchenZeitung - Die Woche im Bistum Hildesheim mit 
Seiner Exzellenz Apostolischer Nuntius Erzbischof Dr. Nikola Eterovic


 
1. 50 Jahre Konkordat: Ist das eine Erfolgsgeschichte? Schließlich sind dem Niedersächsischen Konkordat zahlreiche weitere in anderen Bundesländern gefolgt.
 
Das Konkordat mit dem Land Niedersachsen ist das erste einer neuen Reihe, nachdem zuerst diejenigen mit Bayern (1924), Preußen (1929), Baden (1932) und mit dem Deutschen Reich (1933) abgeschlossen worden waren. Es wurde unterschrieben, als die Katholische Kirche das letzte Jahr des 2. Vatikanischen Konzils beging, ein Ereignis von größter Bedeutung. Dies spricht für die Gültigkeit dieser Konkordate im Licht der Verheutigung (aggiornamento) der Kirche, was dieses Konzil wollte. Sie wurden gezeichnet vom Heiligen Stuhl, der die Kirche eines Landes repräsentiert, und dem betreffenden Land. Es handelt sich um einen Vertrag nach internationalem Recht, denn der Heilige Stuhl wie das betreffende Land sind Subjekte des internationalen Rechts. Daher garantieren die Konkordate einen stabilen Rahmen für die Tätigkeit der Katholischen Kirche in einem Land.
 
2. Was ist für Sie das Kernstück des Konkordats? Die Freundschaftsklausel?
 
Das Kernstück eines Konkordates ist die Willensverpflichtung, der die beiden Seiten, der Heilige Stuhl und das Land, zugestimmt und sie veröffentlicht haben, zu einem gemeinsamen Streben nicht allein für die Katholiken, sondern zur Förderung des Gemeinwohls.
 
3. Ist ein Vertrag wie das Konkordat eigentlich noch zeitgemäß? Sind nicht die Dinge, um die es geht: Religionsfreiheit, Sonntagsschutz, Rundfunk, Erwachsenenbildung, Schule und die „Liebestätigkeit der Kirche", anderweitig genug geregelt?
 
Das Konkordat ist ein juridischer Rahmen zugunsten der Beziehungen zwischen dem Staat und der Kirche. In den Ländern mit angelsächsischer Tradition von Rechtsprechung werden die wechselseitigen Beziehungen nach deren Normen geregelt. In den Ländern mit römisch-germanischer Rechtsordnung gibt es auch die Tradition, dies durch Konkordate oder konkordatäre Abkommen zu regeln. Die Erfahrung ist insgesamt positiv, denn sie legen klarer die Kompetenzen des Staates und der Kirche und ebenso die unterschiedlichen Felder der Kultur, der Erziehung und Bildung, des Gesundheitswesens und der Förderung des Sozialen fest und sind gleichzeitig offen für die wechselseitige Zusammenarbeit zum Wohl der Menschen, die oft zugleich Mitglieder der Kirche wie der Gesellschaft sind. Die Geltung dieses Modells wird von der Tatsache bestätigt, daß die Mehrheit der ehemals kommunistischen Staaten in Zentral- und Osteuropa Konkordate mit dem Heiligen Stuhl abgeschlossen haben. Auch einige Länder Lateinamerikas, zumBeispiel Brasilien, oder Afrikas, so Kamerun, Gabun und Mozambique, sind diesem Weg gefolgt.
 
4. Mehrfach wurde das Konkordat geändert, überwiegend schul- und hochschulpolitischen Änderungen angepasst. Faktisch verhandelt das Land mit dem Vatikan, einem anderen Staat, mit einer besonderen Institution. Gibt es da eine Art Kirchenbonus?
 
Am Ende jedes Konkordates steht geschrieben, daß die beiden unterzeichnenden Partner im gegenseitigen Einvernehmen den Text verändern können, wenn eine der beiden Seiten der Auffassung ist, daß sich die Umstände, unter denen der Vertrag abgeschlossen wurde, radikal verändert haben. Jedes Konkordat respektiert eine lebendige, soziale Wirklichkeit, die sich ändert. Daher sieht das Konkordat vor, sich diesen Veränderungen anzupassen. Dies geschieht stets im Geist des Respektes, des guten Willens und der wechselseitigen Zusammenarbeit für das Gemeinwohl.
 
5. Es gibt auch kritische Anfragen an die katholische Kirche: das kirchliche Arbeitsrecht ist ein Beispiel. Warum braucht die Kirche in einem anderweitig staatlich geregelten Feld besondere Rechte?
 
Das Konkordat beschreibt klar die Normen zur Natur und Tätigkeit der Kirche, die der Staat zur Kenntnis nimmt. Was das kirchliche Arbeitsrecht angeht, so ist dies kein Gegenstand, der zwischen dem Heiligen Stuhl und den Ländern bzw. der Bundesrepublik Deutschland durch Konkordate geregelt ist, sondern hat im Grundgesetz Art. 137 seine Rechtsgrundlage. Die Menschen, die in den Einrichtungen der Kirche arbeiten wollen, kennen die Bedingungen und nehmen sie an und beachten sie.
 
6. Auch immer wieder in der Diskussion: das Tanzverbot an stillen Feiertagen, wie im Konkordat und Landesrecht geregelt. Der Vorwurf: Die Kirche bevormundet Menschen, die ihre Freizeit anders verbringen möchten. Was entgegnen Sie?
 
Bei der Suche nach Klarheit und Konkretheit ist es logisch, daß in den Konkordaten die freien Tage festgehalten sind, die für die Katholiken Festtage und also keine Arbeitstage sind. Die Kirche will niemanden bevormunden. Die sogenannten stillen Feiertage helfen den Gläubigen, auch äußerlich den Sinn zum Beispiel des Karfreitags zu erleben. Die Rücksichtnahme der Nichtgläubigen an diesen Tagen sollte dankbar anerkannt werden. Die Regelung will darauf aufmerksam machen, daß in einem Gemeinwesen die gegenseitige Rücksichtnahme einen Wert hat - nicht nur die Eigeninteressen - und daß die Religionsfreiheit, die der Staat garantiert, auch zuweilen den staatlichen Schutz braucht.
 
7. Grundsätzlich gefragt: Wo braucht die Kirche den Staat?
 
Auch in den Beziehungen mit den Staaten werden der Heilige Stuhl und die Katholische Kirche von dem geführt, was der Herr Jesus gesagt hat: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott was Gottes ist" (Mt 22,21). Daher rührt die Unterscheidung von Staat und Kirche, wie auch die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit auf den verschiedenen Feldern, vor allem in der Erziehung und Bildung, der Kultur, dem Gesundheitswesen und der Entwicklung. Im Verlauf der Geschichte hat der Heilige Stuhl viele Konkordate mit Staaten mit unterschiedlichen Regimen abgeschlossen. Alles in allem und trotz einiger Einschränkungen ist es besser, es handelt sich um einen Rechtsstaat, ein demokratisches Staatswesen, das die Freiheit der Person und der Gemeinschaft garantiert, insbesondere die Religionsfreiheit. Daher bietet dieser Staat der Kirche eine gute Möglichkeit, ihre Sendung zu verfolgen und nach den Prinzipien der Subsidiarität und der Solidarität die Aufgaben zu übernehmen, die der Staat nicht ausreichend wahrnehmen kann. So z.B. die Unterstützung der Armen, der Menschen an den Rändern der Gesellschaft oder zum Beispiel auf dem Gebiet von Erziehung und Bildung, was der Kirche eigen ist und wo die Kirche einen positiven Beitrag zu einem gesunden Pluralismus einer modernen Gesellschaft leistet.
 
8. Und wo braucht der Staat die Kirche ?
 
Der Staat braucht die Kirche, weil er den spirituellen Bereich seiner Bürger respektiert, der Christen und Katholiken, für den die Kirche verantwortlich ist. Sie bietet ihren Mitgliedern, aber auch den Mitgliedern anderer Religionen und allen Menschen guten Willens die ethisch-moralischen Werte, die wesentlich sind für den Aufbau einer modernen Gesellschaft und sensibel macht hinsichtlich aller ihrer Mitglieder, vor allem der Hilfsbedürftigen.
 
12. Februar 2015