16 12 10 Geistlicher Impuls von Nuntius Eterovic für die Seminaristen im Erzbistum Köln

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Geistlicher Impuls des Apostolischen Nuntius
Erzbischof Dr. Nikola Eterović, 
für die Seminaristen im Erzbistum Köln
 
Bonn, Collegium Albertinum, 10. Dezember 2016 
 

 
Puncta meditationis
 
Verehrte Mitbrüder in der Priesterausbildung!
Liebe Seminaristen!
 
Wir erinnern uns alle noch gut daran, wie der Heilige Vater Franziskus am Abend des 13. März 2013 als neugewählter Papst auf die Loggia des Petersdomes trat und vor dem ersten Apostolischen Segen die Menge auf dem Petersplatz bat, für ihn zu beten. Dem Jubel des Volkes Gottes folgte die heilige Stille des Gebets. Seither durchzieht sein Pontifikat wie ein ceterum censeo: „Betet für mich!“ In dieser drängenden Bitte des Papstes liegt in der Tiefe das Geheimnis, wie wir dem Bischof von Rom und Hirten der Universalkirche auf die beste Weise verbunden sein können, indem wir für ihn und seine so wichtige Mission in dieser Welt beten. Die pilgernde Kirche tut dies seit alters her in jeder Eucharistiefeier, wenn sie den dreieinen Gott um die Einheit der Kirche anfleht, „in Gemeinschaft mit unserem Papst Franziskus“ und vor Ort für den Bischof, dem das Volk Gottes einer Diözese anvertraut ist.
 
Ich freue mich sehr, daß ich heute zu Euch sprechen darf, liebe Brüder. Zunächst möchte ich Euch als Vertreter des Heiligen Vaters in Deutschland versichern, wie sehr dem Papst die Seminaristen am Herzen liegen. Deutlich wurde dies in besonderer Weise im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, das am letzten Christkönigssonntag seinen Abschluss fand. Zum Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu waren die Priester und Seminaristen nach Rom eingeladen, um gemeinsam mit dem Papst das Jubiläum der Barmherzigkeit Gottes zu feiern und zu bedenken. Über 6.000 Priester und Seminaristen sind dem Ruf gefolgt, darunter auch aus dem Erzbistum Köln. In der feierlichen Eucharistie zum Herz-Jesu-Fest am 3. Juni fragt der Heilige Vater in seiner Predigt zum Abschluss dieser geistlichen Tage: „Wohin ist mein Herz ausgerichtet?“ Diese grundlegende Frage an die Priester sollte auch die Frage des Seminaristen sein, der sich auf das Priestertum vorbereitet. Deswegen möchte ich in diesem geistlichen Impuls einige Punkte vorlegen, die jedem einzelnen helfen mögen bei der Beantwortung der Frage, wohin mein Herz ausgerichtet ist. 
 
Der erste Impuls wird überschrieben mit: Erbarmen erlangen und sich erbarmen. Er ist inspiriert vom 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, wo es heißt: „Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden“ (2 Kor 1,3-4). Sodann wenden wir uns zum Herrn Jesus und lassen uns von ihm anschauen. Wir waren oder sind wie der junge Mann im Evangelium des Heiligen Markus, der Jesus nach dem Königsweg in die Ewigkeit fragt. „Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21). Schließen möchte ich mit einem letzten Gedanken, der sich nach dem Wort Gottes im Evangelium des Heiligen Matthäus findet, wo Jesus Christus in der Bergpredigt den Menschen sagt: „Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz!“ (Mt 6,21). 
 
1. Erbarmen erlangen und sich erbarmen.
 
In den Meditationen zum Jubiläum der Priester und Seminaristen kreisen die Gedanken des Heiligen Vaters immer wieder darum, daß nur der sich wirklich erbarmen kann, der sich bewußt bleibt, das Erbarmen Gottes nötig zu haben. Weil wir alle immer auch Sünder sind, sollen wir gerade im Sakrament der Versöhnung den Trost des Erbarmens erlangen. Der priesterliche Dienst ist ausgerichtet auf das magis, das Mehr! Damit ist keine Quantität gemeint, auch kein Mehr an pastoraler Kompetenz. Das alles mag nützlich sein. Aber wesentlich ist das magis in dem Sinne, nach der größeren Liebe Gottes zu verlangen. Hierin steckt die doppelte Dimension: das Mehr der Liebe erfahren und das Mehr der Liebe schenken. Das klingt vielleicht etwas abstrakt, aber es fasst zusammen, daß es darum geht, immer wieder in der Kraft des Heiligen Geistes die Liebe Gottes, des Vaters zu spüren, wenn ich mich der Barmherzigkeit seines Sohnes, des Herrn Jesus anvertraue. Das Bußsakrament ist ein Geschenk des Himmels und zugleich eine geistliche Einübung in die Barmherzigkeit. Nur wer selber beichtet, kann als Priester ein guter Beichtvater werden. Das müsste eigentlich selbstverständlich sein, aber ist es das noch? Der weitgehende Verlust des Bußsakramentes gerade in Europa hat die spirituelle Wüste auf unserem geliebten Kontinent und in vielen Seelen der Menschen leider noch größer werden lassen. Das ignatianische magis ruft uns zunächst in die Selbsterkenntnis, Grenzen zu haben, Sünder und erbärmlich (misera) zu sein. Wer sich der Nachfolge Christi stellen will, wird mit dem Psalmisten rufen: „Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! …. Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!“ (Ps 51,4.12). Wenn wir die Barmherzigkeit unseres guten Gottes immer wieder neu erfahren, werden wir dazu fähig, auch selber barmherzig zu sein. Hierzu sagt der Heilige Vater Franziskus in seiner ersten Meditation für die Priester und Seminaristen am 2. Juni 2016 in S. Giovanni in Laterano: „Die Barmherzigkeit erlaubt uns, von dem Gefühl, Empfänger des Erbarmens zu sein, zu dem Wunsch überzugehen, Erbarmen zu erweisen“. Das Mehr an Liebe, die Christus uns erwiesen hat, drängt uns, diese Liebe Gott zu erwidern, indem wir den Nächsten lieben. Wir wälzen uns nicht selbstquälerisch in unserer Erbärmlichkeit, sondern vertrauen der Barmherzigkeit Gottes, die uns drängt, Fortschritte zu machen „vom weniger zum mehr“ (1. Meditation). Wir können auch sagen, daß in der Barmherzigkeit die Liebe zu Gott und dem Nächsten zur Tat wird. Das können die Werke der leiblichen und geistlichen Barmherzigkeit sein. Vor allem aber sind es konkrete Handlungen, Anwendungen der Lehre des Evangeliums, das eine Frohe Botschaft ist, keine abstrakten Ideen. „Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden“ (2 Kor 1,3-4).
 
2. Anschauen
 
Ihr wisst, daß der reiche junge Mann traurig weggeht, nachdem ihm Jesus sagte, was er tun muss, um ihm nachzufolgen (vgl. Mk 10,22). Die Aufforderung Jesu, die materiellen Güter hinter sich zu lassen, rüttelt uns auf, über die Armut im Christentum nachzudenken. Ohne in die Einzelheiten zu gehen, ist es nötig, zwischen einer Armut nach dem Evangelium in der Nachfolge Jesu auf dem Weg zur Vollkommenheit und einer als negativ angesehenen Armut, die nötig zu bekämpfen ist, zu unterscheiden. Es reicht, daran zu erinnern, daß es nach den Statistiken der Vereinten Nationen etwa 800 Millionen Menschen unter Hunger leiden. Die Aufforderung zur Armut nach dem Evangelium erfordert einerseits von den Christen einen bescheideneren Lebensstil, auch in den Ländern mit hohem Wohlstand, wie beispielsweise Deutschland, und andererseits die Großzügigkeit in der Hilfe an den Menschen und Völkern, die arm sind und in Not.
 
Wir dürfen aber sicher sein, daß Jesus, der den jungen Mann liebevoll angesehen hat, ihm auch liebevoll nachsieht, als er weggeht. Denn die Liebe unseres Herrn rechnet nicht und zählt nicht, sie erwartet alles und will doch nichts erzwingen. Die Erwartung unseres Gottes ist regelrecht maßlos, aber diese Maßlosigkeit entspricht seiner Barmherzigkeit. Wir Menschen, auch wir Priester und die Seminaristen, sind oft kleinlich, sorgsam auf unser Wohl bedacht, nicht wirklich frei. Das gehört zu unserer Erbärmlichkeit, die zugleich mit unserer höchsten Würde als geliebtes Kind Gottes in uns existiert (vgl. Meditation 1). Tauschen wir das Gerede übereinander mit der geistlichen Übung zum Nikodemusgespräch (vgl. Joh 3,1-21), wo unserem Gesprächspartner alles Wohlwollen gilt. Jesus Christus ist unser Meister auch im Sprechen miteinander. Im priesterlichen Dienst behandeln wir keine Fälle, sondern wenden uns Menschen zu. In der Nachfolge Jesu geschieht das, „weil wir sie lieb haben“. Der Heilige Vater hat in seiner dritten Meditation an die Priester und Diakone am 2. Juni 2016 in St. Paul vor den Mauern sehr deutlich gesagt: „Habt niemals den Blick des Justizbeamten, den Blick dessen, der nur „Fälle“ sieht und sie abschüttelt. Die Barmherzigkeit befreit uns davon, ein Priester zu sein, der – sagen wir: wie ein Richter mit der Sturheit eines Beamten – durch das viele Beurteilen von „Fällen“ das Gespür für die Menschen und für die Gesichter verliert“. Um dies zu als Priester zu können, muss es im Priesterseminar eingeübt werden – auch im Umgang miteinander.
 
Wer liebevoll vom Herrn Jesus angeschaut wird und in seine Nachfolge gerufen wird, der sollte den „priesterlichen Blick“ haben, wie der Papst sagt: „Dieser Blick, der uns dazu führt, die Menschen aus der Perspektive der Barmherzigkeit zu sehen, ist das, was vom Seminar an zu pflegen gelehrt werden muss“ (3. Meditation). Was das für unsere Gemeinschaften bedeutet, liegt auf der Hand. Es prägt aber vor allem unser Handeln, denn Barmherzigkeit erweist ihre Kraft als soziale, wenn sie dazu führt, etwas zum Guten zu verändern. 
 
Lernen können wir in diesem Zusammenhang von der seligen Jungfrau Maria, die aufmerksam auf die Menschen schaut und die sieht, wo sie sich zur Verfügung stellen muss. Das erweist sich bei der Hochzeit zu Kana, wo sie frühzeitig sieht, was nötig ist, ihren Sohn bittet und die Diener anschaut und sagt: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Sie lässt sich von ihrem Sohn und Herrn vom Kreuz her anschauen und sagen: „Frau, siehe dein Sohn“ (Joh 19,26). Der Heilige Vater empfiehlt uns in seiner zweiten Meditation vom 2. Juni 2016 in S. Maria Maggiore, gerade wenn wir müde oder kurzsichtig werden, mit den Augen der Armen und Geringsten auf Maria zu schauen. Er sprach darüber, wie lange er über das Geheimnis im Blick Mariens nachgedacht habe, „über seine Zärtlichkeit und seine Freundlichkeit, was uns Mut macht, uns von der Barmherzigkeit Gottes erreichen zu lassen“.
 
3. „Wo euer Schatz ist, da ist euer Herz“ (Mt 6,21).
 
Liebe Freunde! Mir ist bewusst, dass ich Euch hier nur einige wenige Skizzen zur Vorbereitung auf den priesterlichen Dienst geben kann. Und wenn Ihr das alles schon wisst und danach handelt, umso besser. Dennoch hoffe ich, daß wir eine fundierte Antwort auf die Frage des Heiligen Vaters in seiner Herz-Jesu-Predigt geben können: „Wohin ist mein Herz ausgerichtet“. 
 
Diese Frage zielt auf etwas Wesentliches, was in unserem manchmal oberflächlichen Alltag verloren gehen kann. Es gibt so viel zu tun, zu studieren, zu wissen, zu bedenken, aber „wohin ist mein Herz ausgerichtet?“. Im Gebet erspüren wir die Antwort, wenn wir es tun, wie es uns der Heilige Ignatius von Loyola in den Exerzitien vorschlägt: „Christus Unseren Herrn sich gegenwärtig und am Kreuz hängend vorstellen und ein Gespräch halten …. Das Gespräch wird mit richtigen Worten gehalten, so wie ein Freund mit seinem Freunde spricht oder ein Knecht zu seinem Herrn, bald um eine Gnade bittend, bald sich wegen eines begangenen Fehlers anklagend, bald seine Anliegen mitteilend und dafür Rat erbittend“ (Erste Woche, erste Übung, Schluss). 
 
Wenn wir den Blick fest auf Jesus Christus richten, können wir Antwort geben, ob seine Person der Schatz ist, den ich im Acker der Möglichkeiten dieser Welt gefunden habe oder der sich mir als Herr und Heiland offenbart hat und dem ich mit Freude nachfolgen will. Im Gespräch mit ihm braucht es keine Formeln oder allgemeine Floskeln. Er versteht mich, selbst wenn ich nicht recht weiß, wie und was ich ihm sagen soll. Jesus Christus schaut mich an und stellt mir nur die eine entscheidende Frage, die er einst auch dem Petrus gestellt hat: „Hast du mich lieb?“ (Joh 21,15-17). 
 
Der Herr Jesus fragt nicht nach Examen, Noten und klugen Gedanken. ER sieht in unser Herz. Wenn jemand unsere Schwächen kennt, dann ist es ER. Darum ist die beste Medizin, welche die Kirche für den Leib und die Seele hat, die heilige Eucharistie, wo sich der auferstandene Herr zu jeder Zeit gegenwärtig erweist und uns ernährt – jeden Tag. Der Leib Christi ist es, der ernährt und verwandelt. Der Leib Christi ist es, der zum Tun stärkt. Der Leib Christi schließlich ist es, der die Kirche in das umwandelt, was sie ist: Leib Christi (vgl. 1 Kor 12,27). Und am Ende der Heiligen Messe werden wir gesendet, in unsere Mission hinein, den Menschen Jesus Christus zu verkünden und seine Frohe Botschaft. Darauf sollte unser Herz ausgerichtet sein: Weil wir Jesus Christus lieben, verkünden wir ihn mit Worten, mehr aber noch mit Werken der liebenden Barmherzigkeit. Das Herz des Priesters ist auf Jesus Christus hin ausgerichtet – oder es hört auf zu schlagen. „Es ist stattdessen ein Herz, das im Herrn gefestigt, vom Heiligen Geist gefesselt und für die Mitmenschen offen und verfügbar ist“. So sagt es der Heilige Vater Franziskus in seiner Predigt am Herz-Jesu-Fest zu den Priestern und Seminaristen. Und so ist es: Jesus Christus ist unser Schatz! Und bei ihm ist unser Herz.