Predigt von Nuntius Eterovic am 3. Fastensonntag
Apostolische Nuntiatur, 8. März 2026
(Ex 17,3-7; Ps 95; Röm 5,1-2.5-8; Joh 4,5-42)
Oculi
„Gib mir zu trinken“ – „Er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“ (Joh 4,7.10).
Liebe Brüder und Schwestern!
Das Wort Gottes am dritten Fastensonntag lädt uns ein, über die Bedeutung des Wassers für das menschliche Leben nachzudenken – sowohl in seiner natürlichen als auch in seiner übernatürlichen Form. In der ersten Lesung aus dem Buch Exodus vollbringt Gott durch Mose das Wunder, dass Wasser aus dem Felsen fließt, um den Durst des auserwählten Volkes zu stillen und seine Gegenwart unter ihnen auf ihrer Pilgerreise ins Gelobte Land zu bezeugen. Die verkündete Lesung aus dem Johannesevangelium beleuchtet die verschiedenen Bedeutungen des Wassers. Wasser ist für alles Leben unerlässlich, insbesondere für das menschliche. Leider entwickelt sich der Zugang zu Trinkwasser zu einem der größten Probleme der Menschheit. Laut Angaben der Vereinten Nationen haben etwa 2,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser; 3,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, und fast 4 Milliarden Menschen leiden mindestens einen Monat im Jahr unter schwerem Wassermangel (vgl. Agentur ANSA: www.ansa.it – zuletzt aufgerufen am 21. Januar 2026). Diese Realität treibt Christen und alle Menschen guten Willens an, dafür zu kämpfen, dass jeder Mensch regelmäßig Zugang zu Trinkwasser hat, das für ein würdevolles Leben unerlässlich ist.
Offen für die Gnade des Heiligen Geistes, der uns zu einem tiefen Verständnis des Wortes Gottes führt, wollen wir uns auf das heutige Evangelium konzentrieren. Es ist ein sehr tiefgehender Text. Wir werden uns mit der Bitte Jesu an die Samariterin befassen: „Gib mir zu trinken!“, sowie mit dem Versprechen des Herrn, ihr lebendiges Wasser anzubieten. Wir dürfen nicht vergessen, dass Wasser auch ein Symbol für den Heiligen Geist ist, wie der Evangelist Johannes bezeugt. „Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, wer an mich glaubt! Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war“ (Joh 7,37–39).
„Gib mir zu trinken“ (Joh 4,7).
Mit der Bitte „Gib mir zu trinken“ überraschte Jesus die Samariterin, die erstaunt ausrief: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um etwas zu trinken bitten?“ (Joh 4,9). Auch die Reaktion der Apostel lässt darauf schließen, dass Jesu Gespräch mit der Frau dem damaligen Zeitgeist widersprach: „Inzwischen waren seine Jünger zurückgekommen. Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach“ (Joh 4,27). Indem Jesus mit der Samariterin sprach, widerlegte er drei Vorurteile der damaligen Kultur. Aus dem Evangelium erfahren wir außerdem, dass es eine Barriere zwischen Juden und Samaritern gab, welche die erstaunte Frau andeutete (vgl. Joh 4,9) und die der Evangelist Johannes selbst aussprach: „Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern“ (Joh 4,9). Neben diesem ethnischen Vorurteil gab es auch ein geschlechtsspezifisches: In der damaligen Kultur galt es als unschicklich, dass ein Mann eine Frau in der Öffentlichkeit ansprach, selbst wenn sie seine Ehefrau oder eine nahe Verwandte war. Dies galt insbesondere für einen Lehrer. Drittens lässt die Tatsache, dass die Samariterin mittags, zur heißesten Stunde des Tages, zum Brunnen ging, vermuten, dass sie anderen Frauen aus dem Weg gehen wollte, vermutlich aufgrund ihres schlechten Rufs. Schließlich hatte sie, wie Jesus erwähnte, fünf Ehemänner gehabt und lebte zu jener Zeit in einer sogenannten „wilden Ehe“ (vgl. Joh 4,18). Ein Gespräch zwischen einer Ausgestoßenen und einem angesehenen Mann entsprach jedenfalls nicht den damaligen gesellschaftlichen Umgangsformen.
Die Bitte: „Gib mir zu trinken“ eröffnete einen Dialog zwischen Jesus und der Samariterin und ermöglichte es ihm, die Frau auf den Weg zur Erkenntnis des wahren Antlitzes Gottes zu führen, der nicht so sehr auf einem Berg, sondern „im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4,23) angebetet wird. Jesus erklärte ihr daraufhin: „Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Joh 4,24). Darüber hinaus erklärte er nicht nur die Bedeutung des lebendigen Wassers, sondern bot sich selbst als das unentbehrliche Wasser zum Erlangen des ewigen Lebens an.
„Er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“ (Joh 4,10).
Der Herr Jesus bat die Samariterin um Hilfe, damit sie aus Jakobs Brunnen trinken konnte. Doch er wollte ihr das lebendige Wasser anbieten, das nur er besitzt. Dabei machte Jesus einen deutlichen Unterschied zwischen dem materiellen Wasser aus dem Brunnen und dem lebendigen Wasser, das er allen schenken wollte: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt“ (Joh 4,13-14). Jesu Worte berührten das Herz der Samariterin, die sich zu diesem Zeitpunkt des Gesprächs zutiefst nach diesem Wasser sehnte, „damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen“ (Joh 4,15).
Das Gespräch wurde immer tiefgründiger, als es vom materiellen zum geistlichen Wasser überging. Jesus sprach mit Freiheit und Autorität, zeigte der Samariterin die Unordnung in ihrem Leben auf und lud sie indirekt ein, diese zu ändern. Der Frau wurde bewusst, dass sie vor einer außergewöhnlichen, überzeugenden Gestalt stand, einem Propheten, der sie an den Messias erinnerte, dessen Kommen das Volk erwartete. Deshalb wandte sie sich indirekt an Jesus mit den Worten über den Messias: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christus heißt. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden“ (Joh 4,25). An diesem Punkt offenbarte Jesus der Samariterin sein Wesen und seine Mission mit den Worten: „Ich bin es, der mit dir spricht“ (Joh 4,26). Diese Offenheit Jesu ist nur auf den ersten Blick verwunderlich, wenn man bedenkt, dass er sich einer Samariterin anvertraute, die nach jüdischer Auffassung einem heidnischen Volk angehörte und ein verdorbenes Sittenleben führte.
Denn das Bekenntnis Jesu hatte eine positive Folge: Die Samariterin legte öffentlich Zeugnis für ihn ab. Sie eilte in die Stadt, und in ihrer Eile ließ sie ihren Krug am Jakobsbrunnen zurück, um die gute Nachricht zu verkünden: „Kommt her, seht, da ist ein Mensch, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Christus?“ (Joh 4,29). Die Worte der Frau weckten die Neugier vieler, die aus der Stadt zu Jesus kamen. So wurde die Samariterin in gewisser Weise zur Missionarin Jesu. Viele Samariter fanden durch ihr Zeugnis zu Jesus. Später dann wurden sie durch die persönliche Begegnung mit Jesus gläubig (vgl. Joh 4,39.41).
Liebe Brüder und Schwestern, vertrauen wir unsere Gedanken der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter Jesu und unserer Mutter. Möge sie, die voll der Gnade ist (vgl. Lk 1,28), jedem von uns die Gabe des Heiligen Geistes erwirken, damit wir, jeder nach seinen Möglichkeiten, unseren Beitrag leisten können, damit jeder Mensch Zugang zu sauberem Trinkwasser hat und vor allem Jesus Christus begegnen kann, der das lebendige Wasser des ewigen Lebens ist. Amen.
