Predigt von Nuntius Eterovic am 4. Fastensonntag
Apostolische Nuntiatur, 15. März 2026
(1 Sam 16,1.4.6-7.10-13; Ps 23; Eph 5,8-14; Joh 9,1-41)
Laetare
„Ich glaube, Herr“ (Joh 9,38).
Liebe Brüder und Schwestern!
Das Glaubensbekenntnis des geheilten Blinden, dessen Geschichte wir im Evangelium ausführlich geschildert bekommen haben, stellt uns alle vor eine Herausforderung. Auch wir sind aufgerufen, besonders in dieser Fastenzeit, also in der Vorbereitung auf das Osterfest, unseren Glauben an den Herrn Jesus zu erneuern, den das Wort Gottes uns heute als das Licht der Welt vor Augen führt. So wird der Glaube zum Licht, das nicht nur unsere physischen Augen, sondern auch die Augen unseres Herzens und unseres Verstandes erleuchtet. Jesus selbst bekräftigte: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt“ (Joh 9,5). Diese Worte erinnern uns an viele ähnliche Aussagen des Herrn im Evangelium. So sagte er beispielsweise im Tempel von Jerusalem: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“ (Joh 8,12). Im Prolog des Johannesevangeliums verweist das Licht auf das fleischgewordene Wort (vgl. Joh 1,14): „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht“ (Joh 1,9–10). Daher muss der Mensch vor Jesus, dem Licht der Welt, entscheiden: Jesus, das Licht, willkommen heißen oder ihn ablehnen und Augen und Herz verschließen. Offen für die Gnade des Heiligen Geistes, wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf diese zwei Haltungen gegenüber dem Licht richten, wie sie im Johannesevangelium beschrieben werden.
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es sehr viele blinde Menschen in der Welt gibt. Laut Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es weltweit etwa 40 Millionen Blinde und über 200 Millionen Menschen mit einer schweren oder mittelschweren Sehbehinderung, insgesamt also rund 253 Millionen Menschen mit Sehbehinderung. Das Wort Gottes, das wir gehört haben, sollte uns dazu bewegen, die Ursachen der Blindheit zu bekämpfen und unseren Mitmenschen nach ihren individuellen Fähigkeiten zu helfen. Gemäß der Einladung des Herrn Jesus sollte dieses Engagement sowohl das physische als auch das geistliche Sehen umfassen.
„Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war“ (Joh 9,1).
Dem biblischen Bericht zufolge ergriff Jesus selbst die Initiative, den Blinden zu heilen, um Gott den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde und insbesondere des nach seinem Bild und Gleichnis geschaffenen Menschen, zu preisen (vgl. Gen 1,26–27). Schon die Art und Weise, wie Jesus das Wunder vollbrachte – mit Speichel, vermischt mit Erde –, erinnert an die Erschaffung des ersten Menschen (vgl. Gen 2,7 und Joh 9,6). Nachdem der Blinde sich, wie von Jesus befohlen, im Teich Silo gewaschen hatte, war er geheilt (vgl. Joh 9,5). Dem Wunder ging ein Gespräch zwischen Jesus und den Aposteln voraus. Sie teilten die damalige Denkweise und glaubten, dass Blindheit, wie jede Krankheit, die Folge bestimmter Sünden sei. Dies zeigte sich in ihrer Frage an Jesus: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,2). Der Herr jedoch bricht mit diesem Vorurteil und spricht den Blinden von jeglicher persönlichen oder familiären Schuld frei: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt“ (Joh 9,3). Das Heilungswunder dient, wie bereits erwähnt, dazu, dass „die Werke Gottes an ihm offenbar werden sollen“ (Joh 9,3), der zugleich die Quelle des Lichts ist. Gott schuf am ersten Schöpfungstag das Licht mit den Worten: „Es werde Licht. Und es wurde Licht“ (Gen 1,3), und er bestätigte, wie gut dessen Güte: „Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis“ (Gen 1,4). Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Symbol des Lichts in der Bibel so häufig verwendet wird. Seine Vollendung findet sich in der Person des menschgewordenen Herrn, des Lichts, das in diese Welt kam. „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Joh 1,9).
Die Stelle im Evangelium, die den Dialog zwischen Jesus und dem Blinden sowie den Heilungsprozess schildert, beschreibt einen katechetischen Weg, wie er für die Taufkatechese typisch ist. Der Blindgeborene lässt sich von Jesus führen und schreitet fort von materieller zu geistlicher Heilung. Er hatte keine Angst zu bezeugen, was Jesus für ihn getan hatte, selbst nicht bei der Begegnung mit den feindlich gesonnenen Pharisäern. Er sah nicht nur mit den leiblichen Augen, sondern auch mit den Augen des Glaubens. Jesus schätzte seine Haltung und stellte ihm eine herausfordernde Frage: „Glaubst du an den Menschensohn?“ (Joh 9,35). Als der geheilte Blinde fragte: „Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube?“ (Joh 9,36), antwortete Jesus: „Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es“ (Joh 9,37). In diesem Moment wurde der Blinde, der körperlich geheilt war, auch geistlich geheilt, und er sprach das wunderbare Glaubensbekenntnis: „Ich glaube, Herr!“ (Joh 9,38).
„Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern“ (Joh 9,13).
Während der Blindgeborene zum Symbol für das Licht des Glaubens wurde, verkörpern die Pharisäer in der heutigen Geschichte die geistliche Blindheit. Sie weigern sich anzuerkennen, dass Jesus ein Wunder vollbracht und einem Blinden die Augen geöffnet hat. Um diesen Beweis zu widerlegen, suchten sie nach verschiedenen Ausflüchten. Zunächst beriefen sie sich auf das Gesetz, demzufolge es verboten war, am Sabbat, dem Tag des Herrn, zu arbeiten. Durch abstrakte Schlussfolgerungen kamen sie zu dem Schluss, dass jeder, der das Sabbatgebot nicht respektierte, ein Sünder sei und daher kein Wunder vollbringen könne. Jesus kannte ihre Denkweise und vollbrachte, obwohl er wusste, dass er damit ihren Zorn erregen würde, das Wunder der Heilung. Er tat dies insbesondere, um die wahre Bedeutung des Sabbats zu offenbaren. Im Gegensatz zu dieser formalen, legalistischen Denkweise lehrt Jesus, dass es auch am Sabbat erlaubt ist, Gutes zu tun, einen Blindgeborenen zu heilen und so Gott zu preisen. Sein Ausspruch dazu ist bekannt: „Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2,27).
Außerdem befragten die Pharisäer den Blindgeborenen zweimal und einmal auch seine Eltern. Diese fürchteten, aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden, und wollten deshalb nicht über das Wunder sprechen. Vielmehr machten sie ihren Sohn verantwortlich (vgl. Joh 9,20–23). Er blieb bei der Wahrheit seiner Geschichte, woraufhin die Pharisäer ihn sowohl mit Worten verachteten und ihm vorwarfen: „Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren?“, als auch mit Taten: „Und sie stießen ihn hinaus“ (Joh 9,34). Jesus Christus kritisierte diese Haltung scharf und erklärte: „Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.“ (Joh 9,39). Die Pharisäer verstanden sehr wohl, dass er sich auf sie und ihre rhetorische Frage bezog: „Sind etwa auch wir blind?“ (Joh 9,40). Jesus antwortete: „Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde“ (Joh 9,41). Denn die Pharisäer sehen im heutigen Evangelium zwar mit den Augen des Leibes, bleiben aber geistlich blind.
Liebe Brüder und Schwestern, wir vertrauen diese Gedanken der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter Jesu und unserer Mutter, damit sie uns vom Heiligen Geist die Gnade erflehe, in Jesus Christus das Licht der Welt zu sehen, nicht nur mit unseren physischen Augen, sondern vor allem mit unseren geistigen. So werden wir bekennen können: „Ich glaube, Herr“ (Joh 9,38), was anzuerkennen bedeutet, dass Er wahrhaftig der Menschensohn ist. Erleuchtet von seinem ewigen Licht werden wir dieses Licht durch Worte und vor allem durch das Beispiel unseres christlichen Lebens an die Nahen und Fernen weitergeben können. Amen.
