Predigt von Nuntius van Megen im Pontifikalamt zum Beginn seiner Mission in Deutschland
von admin2
St. Hedwigskathedrale zu Berlin am Hochfest Allerheilgen, 1. November 2026
(Offb 7,2-4.9-14; Ps 24; 1 Joh 3,1-3; Mt 5, 12a)
„Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Ältesten und die vier Lebewesen.“ (Offb 7,11)
Der Himmel öffnet sich. Das Buch der Offenbarung gewährt uns einen Blick in jene Wirklichkeit, die wir Himmel nennen. Es lässt uns erahnen, wie die Herrlichkeit Gottes aussieht und wie die Gemeinschaft der Heiligen vor seinem Thron versammelt ist. Doch der Himmel ist nicht nur „oben“, sondern beginnt schon hier auf Erden.
Denn jede Eucharistiefeier öffnet uns den Himmel. Sie schenkt uns einen Vorgeschmack jener himmlischen Wirklichkeit. Der Sohn Gottes gibt sich uns unter den Gestalten von Brot und Wein. Er kommt zu uns, nimmt Wohnung unter uns und schenkt sich uns hier und jetzt.
„Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen“, ruft der Engel. Genau das geschieht in der Eucharistie. Hier begegnen wir dem Lamm, das für uns geopfert wurde; dem Lamm, das mitten im Himmel steht und von Engeln und Heiligen angebetet wird. Zugleich begegnen wir demselben Lamm, das auf unserem Altar gegenwärtig ist, dem Lamm, das sein Leben für uns hingegeben hat und sich uns auch heute schenkt.
In jeder heiligen Messe hören wir von Neuem die Worte: „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt.“ Die Eucharistie ist Himmel auf Erden. Christus kommt zu uns, damit wir zu ihm gelangen können. Er schlägt die Brücke zwischen Gott und den Menschen, die Himmel und Erde miteinander verbindet.
Bereits in Bethlehem beginnt dieses Geheimnis. Bethlehem bedeutet „Haus des Brotes“. Dort wurde Christus geboren, um sich uns als Brot des Lebens zu schenken. Er wurde in eine Krippe gelegt, einen Futtertrog, als Hinweis darauf, dass er sich eines Tages zur Speise für die Menschen machen würde. Geboren unter den Lämmern, schenkt er sich uns als das wahre Lamm Gottes.
So sind auch wir heute in diese Kirche gekommen, um von ihm zu empfangen und durch ihn gerettet zu werden. Wir kommen, damit unsere Gewänder im Blut des Lammes reingewaschen werden. Wir kommen, um ihn gemeinsam mit den Engeln und Heiligen anzubeten: „Amen. Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit!“ (Offb 7,12)
Und weiter heißt es:
„Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.“ (Offb 7,10).
Dieses Lamm steht in unserer Mitte. Es wurde geopfert, damit wir das Leben haben. Darin liegt die Tiefe der Liturgie. Darin liegt die Tiefe der Anbetung. Darin liegt die Tiefe des Himmels, der schon jetzt in unserer irdischen Feier sichtbar wird.
Die St.-Hedwigs-Kathedrale möchte ein Abbild dieses Himmels sein. For vielen Jahren, um genau zu sein am 1 November 1773, wurde diese Kirche geweiht, damit Gott eine Wohnung haben würde unter den Menschen. Damit mitten in der Stadt der Menschen, Gott die Toren seiner Stadt öffnen würde. „Seht Gottes Wohnung unter den Menschen“ , ruft der Engel auch uns zu, Katholiken von Berlin. Nun schon seit mehr als 250 Jahren. Gott mit uns, Emmanuel, in dieser Kathedrale. Wie die Engel und Heiligen, versammeln auch wir uns um den Altar. Auch wir verneigen uns vor dem Lamm, das geopfert wurde. Auch wir stimmen ein in den Lobgesang der Engel und Heiligen:
„Heilig, heilig, heilig Gott, Herr der Mächte und Gewalten. Erfüllt sind Himmel und Erde von seiner Herrlichkeit. Hosanna in der Höhe! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe.“
Nicht nur der Himmel, sondern auch die Erde ist erfüllt von seiner Gegenwart.
Vielleicht erscheint es heute nicht besonders zeitgemäß, über den Himmel nachzudenken. Dennoch ist es wichtig, dass wir uns bewusst machen, wohin wir berufen sind. Wir müssen uns den Himmel nicht selbst ausmalen. Die Offenbarung des Johannes hilft uns dabei. Auf Schritt und Tritt öffnet sie uns die Tür zur himmlischen Wirklichkeit und unser Herz für jene herrliche Zukunft, zu der wir alle berufen sind.
Die Engel und Heiligen, das Licht und die Farben, die Musik und der Gesang, vor allem aber die Schönheit Gottes, seine Macht, seine Weisheit und seine Herrlichkeit: All dies wird uns vor Augen gestellt. Wir betrachten diese Wirklichkeit nicht nur; wir bereiten uns auf sie vor. Denn wir alle sind dazu berufen, Gott zu begegnen.
Er ruft uns durch den Tod zum Leben. In diesem Sinn weist das heutige Fest bereits auf den morgigen Allerseelentag hin. Es geht um die letzten Dinge. Es geht um unsere Berufung, die weit über das Irdische hinausreicht. Es geht um dich und mich. Es geht um das, was Gott von Anfang an in unser Herz gelegt hat. Es geht um unsere tiefste Sehnsucht: bei ihm Heimat zu finden. Genau das aber möchte Gott. Er möchte, dass wir bei ihm zu Hause sind. Deshalb nennen wir ihn Vater. Bei ihm finden wir unsere wahre Heimat.
Darin unterscheidet sich das Christentum von vielen anderen Religionen. Nicht wir sind zuerst auf der Suche nach Gott, sondern Gott ist auf der Suche nach uns. Lange bevor wir uns ihm zuwenden, sehnt er sich nach unserer Nähe und unserer Liebe. Er lädt uns ein. Er möchte Gemeinschaft mit uns haben. Er möchte, dass wir an seinem Tisch Platz nehmen und in seiner Gegenwart leben. Von den ersten Seiten der Heiligen Schrift an sucht Gott den Menschen. Schon im Buch Genesis ruft er: „Adam, wo bist du?“ (Gen 3,9)
Johannes schreibt in seinem Brief: „Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (1 Joh 3,2)
Wir sind Kinder Gottes und dazu berufen, heimzukehren zum Vater.
Wir sind bereits jetzt Kinder Gottes. Hier und heute, in dieser Kirche. Blicken Sie auf Ihren Nächsten: Jeder Mensch, der heute hier ist, ist berufen, bei Gott Heimat zu finden. Wir alle sind dazu berufen, ihn zu schauen, wie er wirklich ist.
Was wir heute in der Liturgie feiern, wird im Himmel seine Vollendung finden. Dort wird es keine Zeichen und Symbole mehr geben, denn wir werden Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, unseren Vater. Nicht mehr verborgen unter den Gestalten von Brot und Wein. Gott selbst wird das Licht sein, das uns erleuchtet. Und er wird uns vollenden als das, was wir schon jetzt sind: Kinder Gottes, daheim beim Vater. Denn: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ (Joh 14,2)
Die Liturgie, die wir hier auf Erden feiern, ist ein Abbild der ewigen Liturgie des Himmels. Unvollkommen und doch wahr. Auch dort werden wir um den Altar versammelt sein. Auch dort werden wir das Lamm anbeten. Auch dort werden wir gemeinsam mit den Engeln und Heiligen den ewigen Lobgesang anstimmen.
In der Liturgie feiern wir den Himmel auf Erden. Das bedeutet jedoch nicht, dass unser Leben schon jetzt vollkommen himmlisch wäre. Im Gegenteil: Wenn wir Christus im heutigen Evangelium aufmerksam zuhören, erkennen wir, dass der Weg zum ewigen Leben und zur himmlischen Freude alles andere als leicht ist.
Jesus spricht von den Armen, den Trauernden, den Sanftmütigen, von denen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, von den Verfolgten und Verachteten. Das klingt kaum nach einem Leben im Himmel. Bereits in der ersten Lesung hat uns Johannes darauf hingewiesen, wer jene Menschen in den weißen Gewändern sind: Es sind diejenigen, die aus der großen Bedrängnis kommen.
Sie haben kein einfaches Leben geführt. Sie haben gelitten, wurden verfolgt und bedrängt. Auch heute leiden Christen vielerorts unter Verfolgung. Aber selbst dort, wo keine offene Verfolgung stattfindet, erleben Gläubige häufig Unverständnis, weil sie andere Maßstäbe und Werte haben als ihre Umgebung.
Für viele Menschen bleibt die Kirche ein Stein des Anstoßes. Das ist letztlich nichts Neues und vielleicht sogar ein Zeichen ihrer Treue zum Evangelium. Die Kirche darf sich niemals vollständig mit der jeweiligen Gesellschaft identifizieren. Sie darf sich nicht dem Zeitgeist unterwerfen oder um jeden Preis Zustimmung suchen. So war es bereits in den ersten Jahrhunderten, als Christen sich weigerten, die Werte des Römischen Reiches unkritisch zu übernehmen.
So war es während der Zeit des Nationalsozialismus. So war es unter den kommunistischen Regimen. Und auch heute besteht die Versuchung, sich anzupassen, zu denken wie alle anderen und zu tun, was alle anderen tun.
Wir leben in einer weitgehend säkularen Gesellschaft, in der viele Menschen mit Gott kaum noch etwas verbinden. Johannes schreibt: „Deshalb erkennt die Welt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.“ (1 Joh 3,1)
Für uns Christen ist nur eines entscheidend: dass wir Gott erkennen. Die Anerkennung der Welt darf niemals unser eigentliches Ziel sein. Im Gegenteil: Das ständige Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung kann sogar zur Gefahr für unsere christliche Identität werden.
Christus sagt:„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,24)
Und Johannes erinnert uns daran, dass wir uns heiligen sollen, weil wir unsere Hoffnung auf den setzen, der heilig ist. Vielleicht kann das Wort „heilig“ in unserer Zeit wieder etwas von seiner ursprünglichen Bedeutung zurückgewinnen. Heilig zu sein bedeutet, nicht einfach im Strom der Zeit mitzuschwimmen. Es bedeutet, sich nicht bedingungslos den wechselnden Meinungen einer Epoche anzupassen. Es bedeutet, als freies Kind Gottes zu leben.
Viele von uns kennen die Angst anzuecken. Viele kennen die Versuchung, den eigenen Glauben weniger sichtbar zu machen, um nicht aufzufallen. Manchmal spüren wir den Wunsch, von der Welt akzeptiert zu werden. Oft erscheint es einfacher, sich den Erwartungen der Gesellschaft anzupassen, als dem Evangelium treu zu bleiben. Jeder von uns kann sich fragen, an welchen Stellen er besonders anfällig dafür ist, den Maßstäben dieser Welt mehr Bedeutung beizumessen als dem Wort Gottes. Haben wir nicht alle die Sorge, ausgelacht, kritisiert oder missverstanden zu werden?
Doch vielleicht ist gerade jetzt die Zeit gekommen, mutig zu sein. Nicht aggressiv oder überheblich, sondern sanftmütig und standhaft. Vielleicht sind wir gerufen, auch Ablehnung und Spott um Christi willen auf uns zu nehmen.
Denn er selbst sagt: „Selig seid ihr, wenn man euch um meinetwillen schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet. Freut euch und jubelt, denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.“ (Mt 5,11)
Machen wir uns daher voller Hoffnung auf den Weg. Auf den Weg, der zum ewigen Leben führt. Auf den Weg, den Christus uns in der Eucharistie eröffnet. Auf den Weg zum himmlischen Hochzeitsmahl, an dem wir gemeinsam mit den Engeln und Heiligen am Tisch des Herrn sitzen werden.
Denn die Heiligen sind uns nicht fern. Auch jetzt sind sie uns nahe. Sie beten mit uns. Sie stimmen mit uns in den Lobgesang Gottes ein. Sie tragen unsere Gebete hinein in die ewige Anbetung des Lammes, das auf dem Thron sitzt und vor dem sich die ganze Schöpfung niederwirft.
Mit ihnen wollen auch wir bekennen: „Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.“ (Offb 7,10)
Und mit ihnen wollen wir singen:
„Amen. Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.“ (Offb 7,12)
