Predigt von Nuntius Eterovic am 4. Sonntag im Jahreskreis

Apostolische Nuntiatur, 1. Februar 2026

(Zef 2,3.3,12-13; Ps 146; 1 Kor 1,26-31; Mt 5,1-12)

„Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3).

Liebe Brüder und Schwestern!

Das heutige Evangelium präsentiert uns das Herz der Verkündigung Jesu Christi: die Seligpreisungen. Wir finden sie am Beginn des öffentlichen Wirkens des Herrn nach seiner Taufe im Jordan, den Versuchungen in der Wüste, dem Ruf zur Umkehr, „denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 4,17) und der Wahl der Apostel, welche die Aufgabe bekamen, die Verkündigung und das Heilswerk ihres Meisters auch nach seinem Tod und seiner Auferstehung fortzusetzen. Bei der Bergpredigt handelt es sich um ein besonderes Ereignis, was schon der feierliche Beginn zeigt: „Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach“ (Mt 5,1-2). Mit dem genannten Berg mag ein Hügel in der Nähe von Kafarnaum gemeint sein. Doch lässt er uns eher an den Berg Sinai denken, wo Mose von JHWH die Steintafeln mit dem Gesetz und den Geboten bekommen hat, um das erwählte Volk entsprechend zu unterweisen (vgl. Ex 24,12). Außerdem spricht Jesus mit Vollmacht, was sich aus seiner Haltung schließen lässt, denn er spricht im Sitzen, was einem Meister und Lehrer zukommt.

Die feierliche Form führt uns zum Inhalt der Seligpreisungen, die für das christliche Leben wesentlich sind. Hierin werden die Werte des Evangeliums angezeigt, jener guten Nachricht für die Menschen zu allen Zeiten, die so ganz anders ist, als das, was uns normalerweise in der Welt geboten wird. Denn Jesus preist die Armen selig, die Trauernden, die Sanftmütigen, jene, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, die Barmherzigen und jene, die reinen Herzen sind, die Friedensstifter und die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.

„Selig die Armen – die Trauernden – die Sanftmütigen“ (Mt 5,3.4.5).

Die Begriffe selig oder Seligkeit kommen aus dem griechischen Wort μακάριος, das nicht nur selig, sondern auch glücklich und reich an Wonne bedeutet. So zeigt uns Jesus, wie wir die Seligkeit erreichen und schon in dieser Welt und inmitten der vielen Versuchungen und Schwierigkeiten glücklich sein können. Diese Seligkeit ist jedoch nur ein Vorgeschmack jener wahren und vollkommenen Wonne, die wir allein im Himmel erreichen werden, in der seligen Anschauung von Gott, dem Vater, Sohn und Heiligen Geist in der Gemeinschaft der Heiligen.

Wenn wir von den Seligpreisungen sprechen, ist es nötig zu unterstreichen, dass dies nicht Vorschriften sind, wie beispielsweise die zehn Gebote. Die Seligpreisungen sind vielmehr ein Wunsch nach Glück, das der Herr jenen gewähren will, die ihm folgen wollen. Aber sie sind keine abstrakten Wünsche, sondern sind wesentlich verbunden mit Jesus Christus. Er ist das Modell jeder Seligpreisung. Jede ist in seiner Person vollkommen verwirklicht. Diese Wahrheit tröstet uns, wenn wir dem Ruf des Herrn folgen, der sich aus dem Sakrament der Taufe ergibt und uns anspornt, seinem Ruf zu antworten: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Lk 9,23).

Indem wir dieser Worte des Herrn Jesus bewusst bleiben, verweilen wir kurz bei der ersten Seligpreisung nach dem Evangelisten Matthäus.

„Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3).

Diese Seligpreisung charakterisiert das ganze Leben Jesu. Es genügt die Erinnerung an seine Lehre über den Reichtum und seinen bekannten Ausspruch: „Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Lk 16,13). Der Herr ruft seine Jünger dazu auf, arm zu sein und seinem Beispiel zu folgen: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20).

Während der Evangelist Lukas sagt: „Selig, ihr Armen“ (Lk 6,20), fügt der Evangelist Matthäus eine wichtige Ergänzung hinzu: „Selig, die arm sind vor Gott“ (Mt 5,3), um zu unterstreichen, dass es nicht genügt, materiell arm zu sein, um selig zu werden. Es ist angebracht, darauf zu verweisen, dass die Armen im Allgemeinen dem Himmelreich nahe sind, denn sie besitzen nicht viele Güter, welche sie auf ihrem Weg zum Reich Gottes hindern könnten. Die Besitzlosen sind in der Regel nicht in Versuchung, ihr Herz der Liebe zu Gott und dem Nächsten zu verschließen, vor allem nicht gegenüber denen, die am meisten der Hilfe bedürfen.  

Es kann gesagt werden, dass die Armen in gewisser Weise reich und die Reichen arm sind. Es handelt sich vor allem um eine Haltung des Herzens, weniger um eine gegenüber den materiellen Gütern. Denn auch die Armen können von den wenigen Gütern, die sie besitzen, sehr bedrängt und davon abgehalten werden, jenen zu helfen, die noch ärmer sind als sie. Andererseits können auch die materiell Reichen auch in den Augen Gottes reich werden, wenn sie ihre Güter gut verwenden, indem sie Arbeitsplätze schaffen, ihre Mitarbeiter gut behandeln, den Armen helfen und denen in großer Not beistehen. Leider gibt es auch materiell sehr Reiche, die in Wirklichkeit arm im Geiste sind, weil sie nicht großherzig handeln, wenig Nächstenliebe üben und in ihren menschlichen Beziehungen oberflächlich sind. Sie haben ihr ganzes Leben für ein goldenes Kalb geopfert, dem maßlosen Anhäufen von Reichtum. Es ist ein großer Skandal in unserer Welt, dass es 700 Millionen Arme gibt, die von weniger als zwei Dollar fünfzehn Cent täglich leben müssen. Zugleich besitzt ein Prozent der Bevölkerung etwa die Hälfte des globalen Reichtums. Die acht reichsten Menschen der Erde besitzen so viel Vermögen, wie 50 Prozent der Ärmsten der Weltbevölkerung. Die Christen und die Menschen guten Willens müssen gegen die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit kämpfen. Man muss die vom irdischen Reichtum Geblendeten daran erinnern, dass sie im Moment ihres Todes alles zurücklassen müssen und vor dem Gericht Gottes allein ihr wahrer Reichtum wie die Werke der Liebe, die sie den Armen während ihres Lebens erwiesen haben, zählt.

Daher hilft uns die Präzisierung des Evangelisten Matthäus: „Selig, die arm sind vor Gott“, das christliche Konzept von der Armut richtig zu verstehen, was darin besteht, von der gierigen Jagd nach Reichtum abzulassen. Das setzt einen angemessenen Gebrauch der irdischen Güter voraus, die unverzichtbar für das persönliche und familiäre Leben sind. Gleichzeitig mahnt uns die erste Seligpreisung, dass die wahre Freude, die zur Seligpreisung führt, darin besteht, dem Nächsten zu helfen, vor allem dazu, ein würdiges persönliches und familiäres Leben führen zu können. Jeder soll von seiner Hände Arbeit zu leben imstande sein und so viel verdienen, wie er für den Unterhalt seiner Familie benötigt. Das erstreckt sich sodann auf die Hilfe für die verschiedenen Formen der Armut, die es in dieser Welt gibt.

Liebe Brüder und Schwestern, vertrauen wir diese Überlegungen der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an, der Mutter Jesu und unsere Mutter, damit alle Christen und die ganze Kirche besser die Seligpreisung der Armut leben können. Das erfordert von jedem von uns, dem Beispiel des armen Jesus zu folgen und in der Gnade des Heiligen Geistes den Ruf des Meisters anzunehmen: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3). Amen.  

 

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