Predigt von Nuntius Eterovic am 6. Sonntag im Jahreskreis

Apostolische Nuntiatur, 15. Februar 2026

(Sir 15,15-20; Ps 119; 1 Kor 2,6-10; Mt 5,17-37)

„Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen“ (Mt 5,37).

Liebe Brüder und Schwestern!

Im verkündeten Abschnitt aus dem Matthäusevangelium führt Jesus die zentrale Lehre seines Evangeliums, die gemeinhin als Bergpredigt bekannt ist, weiter aus. Sie ist klar, wie der letzte Satz der Bibelstelle: „Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen“ (Mt 5,37). Sie ist zwar leicht zu verstehen, aber schwer umzusetzen. Jesus warnt uns nämlich davor, seinen Worten und dem Gesetz Gottes nur äußerlich Respekt zu erweisen. Viel wichtiger ist es, das darin Geforderte authentisch zu leben, was sich dann auch im Äußeren widerspiegelt. Wer die Wahrheit liebt, greift in seinen Beziehungen zu anderen nicht zu Tricks oder gar Lügen. Ein authentischer und aufrichtiger Mensch hingegen sagt stets die Wahrheit und zeigt so – auch indirekt –, dass er ein wahrer Jünger Jesu ist, der von sich selbst sagen kann: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 6,14). Jesus stellt sich nicht gegen das im Alten Testament offenbarte Gesetz. Im Gegenteil, er beansprucht, es authentisch zu erklären, seine tiefgründige Bedeutung aufzuzeigen und es so zur Erfüllung zu bringen, wie er sagt: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17).

Öffnen wir unsere Herzen der Gnade des Heiligen Geistes, damit sie uns dabei helfe, gut zu verstehen, was der Herr Jesus uns und der ganzen Kirche sagen will.

In unserer Betrachtung beschränken wir uns auf einige Überlegungen, die wir aus der Kurzfassung des langen Textes des heutigen Evangeliums gewonnen haben. Er erinnert uns im Allgemeinen an den christlichen Geist, mit dem wir das Gesetz, insbesondere die Zehn Gebote Gottes, leben sollen. Diese Zehn Gebote wurden auch die Zehn Worte genannt, die JHWH durch Mose auf dem Berg Sinai zu Israel (vgl. 2. Mose 20,1–17) und durch sie zu allen Völkern der Erde sprach.

„Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20). Die Schriftgelehrten und Pharisäer spielten eine wichtige Rolle im jüdischen Volk. Die Schriftgelehrten, die zu den wenigen Gebildeten der Bevölkerung gehörten, hatten großen gesellschaftlichen Einfluss und galten insbesondere als Bibelkenner und offizielle Ausleger des mosaischen Gesetzes. Die Pharisäer hingegen stellten zur Zeit Jesu Christi die Hauptströmung im Judentum dar. Anders als die Sadduzäer akzeptierten die Pharisäer neben dem geschriebenen Gesetz auch die Existenz eines mündlichen oder traditionellen Gesetzes. Dies zeigte sich beispielsweise in ihrem Glauben an die Auferstehung der Toten, welche die Sadduzäer ablehnten (vgl. Lk 20,27–40). Jesus kritisierte beide Gruppen für ihr widersprüchliches Verhalten: Sie lehrten das eine und praktizierten das andere. Der Herr tadelte sie für ihren Respekt vor dem Gesetz nach Außen, mit dem sie in der Öffentlichkeit rechtschaffen erscheinen wollten – eine Haltung, die oft in Heuchelei mündete. Jesus duldete dieses Verhalten nicht und forderte seine Jünger auf, es zu überwinden, authentisch zu sein und die Lehre, die sie verkünden und von ihm empfangen haben, auch zu leben. Im Verb περισσεύω (überschießen, im Überfluss vorhanden sein - hier mit weit größer übersetzt) erkennen wir jedoch auch die Forderungen des neuen Gesetzes. Es geht nicht mehr nur darum, das Böse zu unterlassen, sondern zielt darauf ab, anderen Gutes zu tun. Es geht daher um die großherzige christliche Liebe zu Gott und zum Nächsten, insbesondere zu den Bedürftigen.

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein“ (Mt 5,21). Es herrschte im Wesentlichen Einigkeit über die Bedeutung des Tötungsverbots. Das Gesetz war eindeutig, und es gab konkrete Fälle, in denen die Todesstrafe vorgesehen war. Der Herr Jesus fordert jedoch mehr. Er wendet sich auch gegen einen moralischen, geistlichen Tod, der durch andere Mittel herbeigeführt werden kann, beispielsweise durch die Zunge, etwa durch Verleumdung, Lügen oder Klatsch über Unschuldige. Diese Art von Sünde war bereits im Alten Testament bekannt. In den Weisheitsbüchern finden wir häufig Ermahnungen, unsere Worte gut zu erwägen und nicht schlecht über andere zu reden, denn auch die Zunge kann töten: „Viele sind gefallen durch ein scharfes Schwert, noch mehr sind gefallen durch die Zunge“ (Sir 28,18). In Fortführung dieser biblischen Tradition präzisierte der Herr: „Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein“ (Mt 5,22). Der Kern jeder menschlichen Entscheidung findet sich im Herzen der Person. Mit Freiheit und Verantwortung ausgestattet, ist der Mensch daher für sein Handeln verantwortlich. Die erste Lesung beschreibt Gottes Handeln und die Verantwortung des Menschen: „Vor den Menschen liegen Leben und Tod, was immer ihm gefällt, wird ihm gegeben“ (Sir 15,17). Gott kennt das Tun der Menschen ganz, und sie werden nach ihren Werken gerichtet werden. Gott „befahl keinem, gottlos zu sein, und er erlaubte keinem zu sündigen“ (Sir 15,20). Der Herr Jesus ermahnt uns daher, keine bösen, mörderischen Gedanken in unseren Herzen zu hegen. Er preist vielmehr jene selig, die reinen Herzens sind (vgl. Mt 5,8). Damit mahnt er uns, als seine wahren Jünger zu leben, unsere Brüder und Schwestern zu lieben, damit wir letztlich Gott schauen dürfen (vgl. Mt 5,8).

„Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen“ (Mt 5,27). Wiederum erinnert der Herr Jesus an eines der Gesetze des Alten Testaments. Auch in diesem Fall bringt er es zur Erfüllung. Er kannte die Ausnahmen von diesem Gebot, das im Laufe der Geschichte falsch interpretiert wurde. Deshalb sagte er mit Autorität: „Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5,28). Jede Sünde, und somit auch der Ehebruch, beginnt im Herzen des Menschen, der den Versuchungen nachgibt, die ihn zur Sünde verleiten. Nach dem Wort Gottes soll der Mensch jedoch die Gelegenheit zur Sünde beseitigen; symbolisch soll er sein Auge oder seine Hand entfernen, wenn sie verführen (σκανδαλίζω - Anstoß erregen - Mt 15,29.30), um auf diese Weise dem Bösen von Anfang an zu widerstehen und es mit Gottes Hilfe überwinden zu können. In diesem Zusammenhang soll erinnert werden, dass der Herr Jesus den ursprünglichen Plan Gottes für Mann und Frau, nämlich ihre Vereinigung in der Ehe, bekräftigte und sie zum Sakrament erhob. „Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang männlich und weiblich erschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ (Mt 19,3–6). Daher ist die Verurteilung des Ehebruchs offenkundig: „Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch“ (Mt 5,31–32).

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast“ (Mt 5,33). Jesus bezieht sich auf eines der Gesetze, um es zu erfüllen und seine tiefere Bedeutung zu verdeutlichen: „Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht“ (Mt 5,34). Wer aufrichtig und wahrhaftig ist, muss weder schwören noch einen Meineid leisten, um glaubwürdig zu sein. Sein Wort hat Gewicht, wie es auch heute noch bei ernsthaften und gläubigen Menschen der Fall ist, die ihre Worte und Versprechen in die Tat umsetzen. Sie leben Jesu Lehre: „Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen“ (Mt 5,37).

Liebe Brüder und Schwestern, der Herr Jesus zeigt uns, wie wir das Gesetz und die Propheten erfüllen sollen. Dies erscheint uns anspruchsvoll, und es ist mit unserer eigenen Kraft nicht zu erreichen. Doch der Herr eilt uns mit seiner Gnade zu Hilfe und schenkt uns die Kraft des Heiligen Geistes, damit wir erkennen, dass wahre menschliche Freiheit darin besteht, das Gute zu wählen, das uns erstens durch die Gebote und zweitens durch die Lehren Jesu Christi aufgezeigt wird. Lasst uns diese Überlegungen der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria anvertrauen, der Mutter Jesu und unsere Mutter, damit wir ein reines Herz erlangen und nach dem Grundsatz handeln: „Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen“ (Mt 5,37). Amen.

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